Plädoyer für einen sensiblen Umgang mit Depressionen

Katja Sponholz
Prof. Dr. Georg Juckel, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin des LWL-Universitätsklinikums Bochum.
Prof. Dr. Georg Juckel, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin des LWL-Universitätsklinikums Bochum.
Foto: WAZ FotoPool
Depressionen entwickeln sich zu einer tödlichen Volkskrankheit. Fast jeder fünfte Deutsche erkrankt inzwischen daran – und jeder zehnte Betroffene wird sich aufgrund seiner Erkrankung selbst töten. Diese Zahlen nannte Prof. Dr. Georg Juckel, Ärztlicher Direktor des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Uni Bochum im WR-Interview.

Bochum. Prof. Dr. Georg Juckel (51) ist seit dem Jahr 2005 Ärztlicher Direktor des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum und leitet hier speziell die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin. 170 Patienten aus Bochum, aber auch aus ganz NRW befinden sich hier stationär, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 23 Tage. Pro Jahr werden 2500 Patienten betreut (stationär und teilstationär), zudem über 10.000 ambulant. WR-Redakteurin Katja Sponholz sprach mit dem Psychiater über Depressionen und Suizid.

Was versteht man eigentlich unter einer Depression?

Prof. Dr. Georg Juckel: Dies ist eine Erkrankung der Psyche mit Stimmungsverschlechterung, Antriebs- und Energieverlust, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, aber auch Schlafstörungen, Appetitreduktion mit Gewichtsabnahme (teilweise 10 bis 20 Kilogramm), Schmerzen, Tinnitus, Schwindel und sexuellen Funktionsstörungen

Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung zum Thema Depression ein?

Juckel: Es ist eine lebensgefährliche Volkserkrankung: Ungefähr jeder zehnte Patient mit eine Depression verstirbt an einem Suizid.

Als ich mit der Psychiatrie begann, noch vor ca. 25 Jahren, sprach man von 6 bis 8 Prozent der Menschen in Deutschland, die mindestens einmal in ihrem Leben an einer klinisch manifesten Depression leiden. Heute geht man von 20 bis 25 Prozent aus - also von jedem Vierten bis zu jedem Fünften, der betroffen ist.

Warum sind die Zahlen gestiegen?

Juckel: Früher gab es sicherlich auch Depressionen, das wurde nur anders bezeichnet. Aber es gibt es nicht nur eine relative, sondern auch eine absolute Zunahme. Sicherlich haben die gesellschaftlichen Entwicklungen, die Beschleunigung, die Leistungsanforderung, der Druck auf den Einzelnen und die Digitalisierung (Internet etc.. macht das Leben noch schneller) einen Anteil daran.

Die Menschen haben heute Stress. Stress sind Belastungen aller Art – im Beruf ebenso wie in der Familie. Und nicht alle verfügen über Schutzmechanismen, mit denen man dagegen halten kann.

Wer gilt als besonders gefährdet, eine Depression zu bekommen und einen Suizidversuch zu unternehmen?

Juckel: Ein Suizid ist zu 95 Prozent Symptom einer psychischen Erkrankung. Jährlich nehmen sich etwa 12- bis 13.000 Menschen bei uns das Leben. Damit befindet sich Deutschland in Europa im oberen Drittel – wobei die Rate relativ konstant ist über die Jahrzehnte. Verschiedene, teilweise auch eigene Studien haben jedoch gezeigt, dass die Suizid-Rate sinkt, sobald eine Depression frühzeitig erkannt wird und die Patienten entsprechend informiert werden.

h

Das höchste Risiko, an einem Suizid zu sterben, haben ältere Männer, ab 50 Jahren aufwärts, die alleine und in einer Großstadt leben. Und bei Männern hat ein Suizid-Versuch öfter Erfolg, weil sie „brutaler“ gegen sich vorgehen, weil sie meistens nicht Tabletten nehmen, wie Frauen, sondern sich beispielsweise vor einen Zug werfen.

Was ist mit jenen Suizidenten, die als Geisterfahrer bewusst den Tod von anderen Menschen in Kauf nehmen?

Juckel: Das ist tatsächlich schwer zu verstehen – unabhängig von all jenen, die so etwas aus politischen, fanatischen Gründen tun. Oft handelt es sich bei diesen Menschen nicht um rein Depressive, sondern um solche, die vermutlich auch eine Persönlichkeitsstörung haben. Sie haben so viel Hass in sich, dass sie ihre Aggressionen nicht nur gegen sich selbst richten, sondern – wie in einem Amoklauf – meinen: Wenn es mir schon schlecht geht, wenn mir schon soviel angetan wurde, dann sollen auch die anderen „bezahlen“ und leiden.

Der rein depressive Mensch jedoch, der möchte am liebsten allein, ganz still und heimlich sterben.

Wie können Sie diesen Patienten helfen?

Juckel: Wir können nicht davon reden, dass man sie durch eine Behandlung „heilen“ kann. Vermutlich werden es immer Menschen sein, die gefährdet bleiben. Aber sie lernen bei uns, mehr über sich selbst und die eigenen Mechanismen Bescheid zu wissen und Strategien zu entwickeln, wie sie damit umgehen können. Nach einer erfolgreichen Therapie sind sie besser geschützt.

Haben Suizide von Prominenten wie des Torwarts Robert Enke vor drei Jahren das öffentliche Bewusstsein verändert?

Juckel: Das denke ich schon. Aber jeder ist dazu aufgerufen, sehr viel sensibler mit dem Thema Depression umzugehen. Die meisten Betroffenen haben oft einen langen Leidensweg hinter sich und kündigen ihre Suizid-Absicht an, indem sie etwa sagen: „Das Leben lohnt sich gar nicht mehr.“ Dann liegt es an uns, nicht zu sagen: „Stell dich nicht so an“, sondern: „Dann tue etwas dagegen und lass dir helfen.“