„Herzinfarkte übersehen, in Exkrementen liegengelassen“: Kölner Krankenschwester gibt erschreckenden Einblick in ihren Alltag

Der Personalmangel an deutschen Kliniken geht auf Kosten der Pfleger und der Patienten. (Symbolbild)
Der Personalmangel an deutschen Kliniken geht auf Kosten der Pfleger und der Patienten. (Symbolbild)
Foto: Hendrik Schulz

Köln. Der Pflegenotstand in deutschen Krankenhäusern ist alamierend. Schlimmer, als vorher angenommen: Bundesweit müssten die Kliniken 22 Prozent mehr Personal haben, um die klaffende Lücke zu schließen. Denn dort fehlen rund 80.000 Pfleger.

Diese Zahlen hat die Gewerkschaft Verdi am Montag vorgestellt.

Zu wenig Personal in Kliniken: Pfleger übersehen auch mal Notfälle

Der Personalnotstand im Gesundheitswesen geht zulasten der Angestellten – und natürlich der Patienten. „Auf den Stationen werden die Leute schlecht versorgt, in Exkrementen liegen gelassen, Medikamente zu spät gegeben“: Das sagte eine Kölner Krankenschwester dem „Express“.

Zudem wurden auch schon „stille“ Herzinfarkte übersehen - die Patienten würden bis zu acht Stunden auf die Behandlung warten müssen.

Wer aus dem Bett falle, müsse manchmal stundenlang liegen bleiben, weil einfach nicht genügend Personal da ist, um öfter in jedes Zimmer zu sehen.

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Pflegerin: „100 Dienste ohne einen Schluck Wasser“

Dass dieser Zustand die Pfleger auch enorm belastet, ist klar. Esther Hasenbeck (32) ist Krankenpflegerin im Universitätsklinikum Essen. Sie erzählt Erschreckendes aus ihrem Alltag: „Es sind bestimmt mehr als 100 Dienste vergangen, wo ich nicht einen Schluck Wasser getrunken habe, weil ich keine Zeit dazu hatte und mit Sicherheit noch mehr Dienste, wo ich nicht auf Toilette gegangen bin oder einmal in ein Butterbrot gebissen habe.“

Verdi hatte nach eigenen Angaben von Anfang März bis Ende Mai in 166 Krankenhäusern rund 13.000 Beschäftigte nach ihren Schichtplänen befragt und das Stellendefizit auf dieser Basis hochgerechnet. Demnach müsste die Stellenzahl zusätzlich zu den rund 370.000 Pflegern um 22 Prozent erhöht werden, um alle Schichten in den Krankenhäusern ausreichend zu besetzen.

Nachtschichten mit zwei Pflegern für 36 Patienten

Aber: Die Praxis sieht laut Esther Hasenbeck leider ganz anders aus. Im Nachtdienst seien während der Erhebung auf ihrer Station nur zwei Pfleger für 36 Patienten zuständig gewesen.

Die Verantwortung, unter diesen Bedingungen für jeden Einzelnen die richtigen Tabletten und Infusionen bereitzustellen und jeden komplett zu versorgen, sei immens. „Da passieren leider Fehler auf menschliche Kosten“, berichtet die 32-Jährige über Erfahrungen aus zehn Berufsjahren.

Nach Berechnungen von Verdi müssten die Krankenhäuser im Schnitt schon am 25. eines Monats schließen, weil das Personal bis zu diesem Stichtag bei ausreichender Schichtbesetzung schon aufgebraucht wäre. Natürlich tut das keine Klinik. Wo gibt es also Einschnitte? „Sparen tun wir hauptsächlich an unserer eigenen Gesundheit", erklärt Hasenbeck.

Viele Auszubildende geben schon sehr früh auf

Die Siegener Altenpflegerin Daniela Höfer (46) fordert, dass der Personalschlüssel so sein müsse, dass Aufgaben wie Sterbebegleitung, Notfälle, Herzinfarkte, Schlaganfälle, Angehörigen- und Arztgespräche ohne Überforderung des Personals erfüllt werden könnten. Da dies häufig nicht der Fall sei, gäben manche schon während der Ausbildung auf, andere flüchteten sich in Teilzeit oder müssten wegen eines Burnouts aufhören zu arbeiten.

Hinzu komme die schlechte Bezahlung, die Verdi mit fairen Tarifverträgen verbessern will. Ihren Angaben zufolge liegt der Durchschnittslohn für Krankenpflegefachkräfte bei rund 3200 Euro, in der Altenpflege sogar nur bei rund 2600 Euro.

„Wir spielen jeden Tag Risiko“

Die Folge: In Nordrhein-Westfalen fehlten rund 18 000 Pfleger in den Kliniken.„Wir haben den Beruf gewählt, weil wir Kranken und Alten helfen wollen“, sagt Esther Hasenbeck. „Nach spätestens zwei Jahren ist dieser Grundgedanke vernichtet. Wir spielen jeden Tag Risiko. Würdevoll ist zurzeit nichts mehr an unserer Versorgung. Man möchte eigentlich nur noch jeden Tag weinend nach Hause gehen.“

Das wollen Hasenbeck und Höfer zusammen mit anderen Demonstranten am Mittwoch bei einer Kundgebung anlässlich der Gesundheitsministerkonferenz (20. bis 21. Juni) in Düsseldorf auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) klarmachen. Der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, appellierte an die Gesundheitsminister, eine klare Antwort auf die Personalfragen zu geben. (lin/dpa)

 
 

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