Mädchentraum mit 59 - Tag mit Islandpferden

Kontakt mit den „Isis“ – Jutta Plötz führt Birgit Müssig über den Hof.
Kontakt mit den „Isis“ – Jutta Plötz führt Birgit Müssig über den Hof.
Foto: Jakob Studnar
Es ist nie zu spät, sich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen. Als Birgit Müssig von den Schnuppertagen mit Islandpferden auf einem Hof im Münsterland erfuhr, gab es bei der 59-jährigen Floristin kein Halten mehr: „Das gönn ich mir!“ Reitlehrerin und Islandpferde-Expertin Jutta Plötz nahm die Zügel mit in die Hand.

Münster..  Es ist, als ob sich einer in der Schlange an der Kinokasse vordrängelt: Kaum hat die schwarze Stute ihren Kopf an den anderen vorbei durch die Futterluke gestreckt, da wird sie auch schon durch ein Schnappen und einen herzhaft Schubs wieder nach hinten gedrängt. Kleiner Tumult, stampfen, schnauben, Ruhe. „Hat alles seine Ordnung“, kommentiert Jutta Plötz die Rauferei: „Die Isis machen ihre Rangfolge selbst aus.“ Reitschülerin Birgit, die an diesem Tag einen Schnuppertag auf dem Islandpferdehof Vertherland bei Münster gebucht hat, guckt skeptisch, quetscht sich dann durch das Absperrgitter hinter der Reitlehrerin zu den Pferden hinein, wie selbstverständlich.

Ein Tätscheln hier, ein bewundernder Blick dort, zum Beispiel für die kupferfarbene Ljosis, „die Leuchtende“. Immerhin hat Birgit Müssig aus Albersloh bei Sendenhorst, Floristin und 59 Jahre alt, lange drauf warten müssen, einen Mädchentraum wahr werden zu lassen: „Ich wollte einen Tag mit Pferden verbringen und noch einmal in den Sattel zu steigen“.

Robust und gelassen

Und Jutta Plötz, ebenfalls eine Spätberufene, ist genau die Richtige, dies zu erfüllen, in enger Zusammenarbeit mit den robusten, gelassenen Isländern: „Die Frauen sind in den Fünfzigern, die Kinder gehen ihre eigenen Wege, und dann haben sie das Gefühl, sie möchten noch einmal erleben, wovon sie immer geträumt haben. Manche haben als junge Mädchen nie die Gelegenheit zum Reiten gehabt, manche haben das Reiten später aus den Augen verloren.“

So wie Birgit: „Natürlich habe ich das Buch ‘Fury’ verschlungen“, erzählt sie. Sie sei auf dem Land aufgewachsen und als Kind auch geritten, ohne Sattel. Ein letztes Mal als 20-Jährige. Dann nicht mehr. Im Dänemark-Urlaub habe sie den Reitern am Strand sehnsüchtig hinterhergeschaut. Mehr nicht. Bis sie kürzlich in der Zeitung von den „Schnuppertagen“ für Erwachsene auf Vertherland gelesen hat: „Da habe ich gedacht, jetzt oder nie! Das gönne ich mir“.

Viel Auslauf

Los geht’s also mit einer kleinen Führung über das ehemalige Kasernengelände, auf dem die „Isis“ nicht in Einzelboxen („20 Stunden Langeweile“) sondern in Gruppen mit viel Auslauf gehalten werden.

Mit Enthusiasmus und einer gehörigen Portion Humor erzählt Jutta Plötz, warum Islandpferde süchtig machen („Die Wikinger haben einfach das Beste aus allen Pferden, die sie geraubt haben, in eine Rasse hineingezüchtet. Die Pferde, die ihnen nicht gut genug waren, haben sie gegessen.“). „Isis“ seien mangels natürlicher Feinde wenig fluchtanfällig, mutig, stark, cool und lauffreudig, dazu ist die Rasse bekannt für ihren berühmten vierten Gang, „Tölt“ genannt, eine Art rasantes Walken, ebenso schnell wie angenehm für den Reiter.

Alle haben ihre eigene Geschichte

Schließlich waren es vor 15 Jahren ebenfalls Islandpferde, die Jutta Plötz nach langer Abstinenz wieder ans Reiten brachten. „Ich habe Erfahrungen mit Großpferden gemacht, die ich keinem wünschen würde“, sagt sie. Ihre Reiterinnenkarriere als junge Frau endete schließlich, als das Pferd unter ihr, was sie bereits mit ungutem Gefühl bestiegen hatte, nach dem Klicken eines Feuerzeuges durchging und nicht mehr zu beruhigen war.

Viele Jahre später nimmt sie an einem Reit-Seminar der Frauenbildungsstätte in der Lüneburger Heide teil: „Es hieß ‘Frauen in Bewegung setzen’ und wir hatten alle unsere eigene Geschichte“, erzählt sie. Gestandene Frauen, die nicht schwärmerischen Jungmädchen-Pferdeträumen nachhingen, sondern die über ihre Ängste sprachen, sich auseinandersetzten. „Wir sind abends stets mit mehr Zweifeln heimgefahren, als wir morgens hingkamen.“ Doch es war ein erneuter Einstieg, vor allem aber waren es vier Tage mit Islandpferden.

Für Birgit hat sie heute den erfahrenen Wallach Hjörvar (Schwert) ausgesucht, der sich nur mit sanftem Nachdruck aus dem Stall ziehen lässt: „Er weiß, dass er arbeiten muss und er weiß, sobald er hier durch die Tür geht, hat er verloren“. Am Unterstand lässt sich Hjörvar ergeben von Birgit das Zaumzeug anlegen, die Hufe auskratzen, striegeln. „Frauen mögen Pferde, weil man sie so schön bürsten kann“, sagt Jutta trocken.

Auch Stute Elja (Energie) ist startbereit. Birgit steigt mit Hilfe eines Schemels in den Sattel: „Das ist viel gesünder, auch für das Pferd“, sagt die Reitlehrerin. Und: „Bauch angespannt, Rücken gerade, atme ein, atme aus. Wie beim Pilates!“ Birgit strahlt. „Wir reiten jetzt der Sonne entgegen,“ sagt ihre Lehrerin. „Vielleicht gehen wir auch mit den Pferden in den See, baden.“ Birgit lacht und ist wieder jung: „Ich bin zu allem bereit!“

Jutta Plötz ist auch Buchautorin: Islandpferde halten, pflegen, reiten (Die Reitschule), Müller Rüschlikon, 9.95 Euro. Sie ist außerdem Freizeitwartin des Islandpferde-Reiter- und Züchterverbandes e.V (IPZV) Münsterland.

www.vertherland.de

EURE FAVORITEN