Veröffentlicht inRegion

Kumpel von der Gasschutzwehr sind Retter aus Leidenschaft

Gasschutzwehr der Zeche Auguste Victoria.jpg
Foto: Kai kitschenberg
Die Männer von der Gasschutzwehr auf der Zeche Auguste Victoria malochen auch nach Ende der Kohlenförderung in Marl weiter.

Marl. 

Der 18. Dezember 2015 ist als Wendepunkt in die Geschichte der Stadt Marl eingegangen. Der Tag, an dem die Zeche Auguste Victoria die Förderung einstellte, der Tag, an dem der Bergbau Marl verließ. Eine Stadt, die er für mehr als 110 Jahre prägte und erst zu dem machte, was sie heute ist. Aber so ganz Schicht am Schacht ist es noch nicht.

Schwarzes Gold wird nicht mehr aus der Tiefe geholt, malocht wird „auf AV“ trotzdem noch. Rückbau nennt der Bergmann das. Geräte werden aus den Streben und Strecken wieder an die Oberfläche geholt. Was auf anderen Bergwerken noch einsetzbar ist, muss raufgeholt werden. Und auch im Rückbau müssen die Kumpel unter und über Tage geschützt werden. Unter Tage macht das die Grubenwehr. Über Tage die Gasschutzwehr. Im Einsatzfall werden über Tage aus Maschinisten, Elektrikern oder Aufbereitern in Windeseile Wehrleute der Gasschutzwehr, die Kollegen in Not retten und die Feuerwehr für den Einsatz über Tage auf dem Zechengelände empfangen, führen und unterstützen.

Gasschutzwehr-Mitglieder üben jetzt nach Dienstschluss

Die Mitglieder der Gasschutzwehr nehmen ihre Aufgabe ehrenamtlich wahr. Wenn keine Gefahrenlagen entstehen, sind sie alle im normalen Schichteinsatz über Tage. 26 waren sie mal, jetzt hat sich ihre Zahl auf 15 reduziert. Wehrmänner sind sie noch immer. Aus Überzeugung und Leidenschaft. Die Übungen und Schulungen finden nach der Schicht in der Freizeit statt.

Wenn andere frisch geduscht nach Hause fahren, schlüpfen die Mitglieder der Gasschutzwehr in ihre orangenen Flammschutzanzüge und schultern ihre Ausrüstung. „Die Kollegen müssen in guter körperlicher Verfassung sein, denn rund 20 Kilogramm ist die Schutzausrüstung schon schwer“, erklärt Hans-Günther Reiner, Leiter der Gasschutzwehr. Das zusätzliche Gewicht ist dabei nicht einmal das Schlimmste. Es ist das Atemschutzgerät, das den Männern im Einsatz zusetzt. Nach ca. 30-40 Minuten wird die aufbereitete Atemluft warm. „Dann fällt jeder Atemzug schwer. Aber besser warm, als eine Rauchvergiftung zu bekommen“, sagt Reiner, der die Übungen für seine Leute plant, koordiniert und leitet. Eine Stunde und länger können die schon mal dauern. Viel näher dran am Ernstfall geht nicht.

Einer, der die Gasschutzwehr gelebt hat, ist Jürgen Synowzik. Der Bochumer hat sein ganzes Leben auf der Zeche gearbeitet. Erst auf Erin in Castrop-Rauxel, dann auf Auguste Victoria, später auf den Bergwerken Lippe, dann Ost, danach West und später wieder auf Auguste Victoria. 37 Jahre Bergbau, 37 Jahre echte Kameradschaft. Die hört auch mit dem Ruhestand nicht auf. An seinem letzten Arbeitstag hatte Wehrleiter Reiner eine Übung angesetzt. Andere wären nur zum Klamottentausch gekommen, Synowzik nicht. Um Punkt 14 Uhr steht er im Wehr-Overall bereit. Letzter Arbeitstag, letzte Übung. Für den 56-Jährigen eine Ehrensache. Natürlich unter Atemschutzgerät. Zum Ende noch einmal die volle Härte.

Alles sieht nach Ernstfall aus

Reiner hat sich einiges einfallen lassen für Synowziks letzte Schicht. Noch einmal geht es für den Kumpel hoch hinaus. Ein Kollege liegt in luftiger Höhe verletzt auf einem Turm, ein weiterer in der Aufbereitung auf der 14-Meter-Bühne. Das klingt nicht nur nach Knochenarbeit. Die Männer eilen Stufen hinauf, Stufen hinab, tragen Kollegen, suchen Kollegen, retten Kollegen. Von Übung hat das keinen Anschein. Im Ernstfall muss das alles ganz genau so gehen. Da geht es um Sekunden. Um Leben.

Die Aufbereitung auf Auguste Victoria ist für den Rettungseinsatz eine besondere Herausforderung für die Gasschutzwehrmänner. Die Treppen sind eng und steil. Der Atem unter den Masken brennt, und der Kollege in der Trage wird auch nicht mit jeder Stufe leichter.

Nach knapp anderthalb Stunden ist es geschafft. Die Männer haben die Kollegen aus den „Gefahrenlagen“ befreit – und können gleich an sich selbst mit der Befreiung weitermachen und die Atemschutzgeräte ablegen. Synowzik zieht die schwere Atemmaske vom Gesicht. Der Schweiß fließt in Sturzbächen von der Stirn. Aber der Mann lächelt zufrieden.

Das Ende seiner letzten Übung, keine hat er in seinem letzten Dienstjahr verpasst. Das sagt wohl alles. „Es ist schon eine Menge Wehmut dabei. Die Kameradschaft, die Unterstützung der Kollegen – das wird mir sehr fehlen“, sagt Synowzik. Am liebsten würde er weitermachen, so wie die meisten hier auf Auguste Victoria in Marl. Aber der Bergbau hat der Stadt den Rücken gekehrt. Die Männer hat er trotzdem für ihr Leben geprägt. Glück auf!