Veröffentlicht inRegion

In Sibirien sind 25 Grad minus schon warm

kalter lektor--656x240.jpg
Foto: Privat
Sascha Preiß (35) aus Erfurt arbeitet und friert seit mehr als drei Jahren als Lektor in Sibirien. Sein Rezept gegen 30 Grad minus: Er freut sich einfach über die wunderschöne Natur. Länger als eine Stunde hält er es bei solchen Temperaturen aber nicht an der frischen Luft aus.

Essen/Irkutsk. 

Sie glauben, es ist kalt? Dann tauschen Sie nicht mit Sascha Preiß! Der 35-jährige Erfurter lebt seit über drei Jahren in Sibirien. An der Universität von Irkutsk arbeitet er als Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes – und zwar gerne. Er ist Russland-Fan. WAZ-Redakteurin Kirsten Simon sprach mit ihm über Kälte, Wodka und kurze Röcke.

Wie kalt ist es heute bei Ihnen in Sibirien?

Sascha Preiß: Im Augenblick sind es 25 Grad minus. Es ist also warm geworden.

Warm? Das müssen Sie mal den Menschen in Deutschland erzählen. . .

Preiß:

Aber es stimmt. Wir haben jetzt Abend. Heute in der Früh waren es minus 38 Grad, als ich vor die Tür gegangen bin.

Wie lange halten Sie es draußen aus?

Preiß: Bei minus 30 Grad mit Sonnenschein kann man schon eine Stunde im Freien bleiben. Aber danach braucht man eine weitere Stunde, viel Tee und ein großes Stück Torte, um sich zu erholen.

Nach Vergnügen klingt das nicht gerade.

Preiß: Ich denke, die Einstellung ist ein ganz wesentlicher Punkt. Die Menschen in Russland beherrschen die Kunst des Ertragens von Unannehmlichkeiten ganz gut. Sie können sich über solche Temperaturen sogar freuen, denn der harte Winter hat auch seinen Reiz. Einige empfinden die Natur gerade zu dieser Zeit als besonders schön. Wenn die Luft klar ist, der Himmel wunderbar blau und der Schnee Bäume und Häuser bedeckt.

Ist die sibirische Kälte eine andere als die deutsche?

Preiß: Auf jeden Fall. Sibirer, die mal in Deutschland waren, sagen, dass sie null Grad in Deutschland fieser finden als minus 30 Grad in Sibirien. Hier ist die Kälte leichter zu ertragen, weil die Luft trocken ist. Das Meer liegt weit weg.

Was hatten Sie denn heute Morgen an, als Sie das Haus verlassen haben?

Preiß: Eine lange Unterhose, eine Isolier-Winterhose, T-Shirt, Wolljacke, Fleecejacke, dicke Trekking-Schuhe und Wollsocken. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir nach einer Viertelstunde den Schal vor das Gesicht gehalten.

Gibt es auch Frauen, die Röcke tragen?

Preiß: Erstaunlicherweise ja. Vor allem die jungen Mädchen. Die tragen trotz der Kälte kurze Röcke und Stiefel. Ich weiß nicht, ob ich sie bedauern oder bewundern soll.

Und was ist dran am Klischee, dass sich Menschen in Sibirien mit Pelz und Wodka wärmen?

Preiß: Beides stimmt. Pelze gehören dazu, aber sie sind eigentlich ein Überbleibsel aus der Sowjet-Zeit. Inzwischen freuen sich die Menschen hier über moderne Funktions-Bekleidung. Wodka wird getrunken, aber nicht an jeder Straßenecke und in jedem Bus.