Frührentner findet durch Radfahren neuen Lebensmut

Oliver Trelenberg aus Hagen radelt gegen seine Krebserkrankung an.
Oliver Trelenberg aus Hagen radelt gegen seine Krebserkrankung an.
Foto: Sandra Krosa
In Oliver Trelenbergs Leben lief kaum etwas rund. In seinen 48 Lebensjahren trafen den Hagener viele Schicksalsschläge. Doch seit er das Radeln für sich entdeckt hat, hat sein Leben wieder eine Richtung. Fotos von seinen Touren stellt Oliver Trelenberg ins Internet.

Hagen.. Im Leben von Oliver Trelenberg ist in den letzten Jahrzehnten meist nicht allzu viel rund gelaufen. Was er da mal eben in nur vier, fünf Sätzen an diesem sonnigen Vormittag am Ruhrufer in Hagen auspackt, reicht locker, um ein halbes Dutzend Menschenleben zu ruinieren: Schule abgebrochen, im Knast gewesen, Depressionen, Zwangsstörungen, Alkoholismus, Krebserkrankung, Rückenleiden, Beziehungsärger, Schuppenflechte, Frührente unter Hartz IV-Niveau. Und das alles zusammengeschraubt in 48 Lebensjahren.

Doch an diesem Tag geht es ihm gut. Denn heute hat er es wieder geschafft, aufs Fahrrad zu steigen. An den Tagen, an denen ihm das gelingt, hat er das Gefühl, dass vielleicht doch ein paar Dinge rund laufen könnten in seinem Leben. Dass man Tritt fassen kann im Sumpf des Daseins. Und dass es möglich wird, sich Ziele zu setzen. Vielleicht zum ersten Mal.

Kehlkopfkrebs: „Das haut einem die Beine unterm Hintern weg“

Sein Ziel für 2014: 4000 Kilometer radeln. Radsportler mögen darüber lachen, aber die strampeln auch mit weniger Gepäck durchs Leben. Schon einmal hat ihm das Radeln einen Weg durchs Leben gezeigt, weg von der Alkoholsucht, die seinen Job als LKW-Fahrer zum Kamikaze-Unternehmen machte.

Er kehrte falschen Freunden in seiner Heimatstadt Schwerte den Rücken und machte in Hagen einen Neuanfang. Der war so mühsam wie die ersten Versuche auf dem Fahrrad. Einer der besseren Freunde hatte ihm zum Radeln geraten. „Aber nach zehn Kilometern war ich kaputt“, erzählt er. Nach und nach ging es voran, er fand eine Freundin, ließ viele seiner persönlichen Dramen hinter sich.

Freundin Gudrun fährt an Wochenenden mit

An Wochenenden kommt seine Freundin Gudrun mit auf die Touren durch die Umgebung. Zusammen wohnen – das geht nicht. „Ich hab Zwangsstörungen. In meiner Wohnung muss alles auf eine bestimmte Art und Weise angeordnet sein. Ich kann nicht ruhig auf der Couch liegen, wenn ich das Gefühl habe, in der Küche verschiebt sie jetzt eine Kaffeetasse“, erklärt er.

Auch das ist ein Schritt, die eigenen Grenzen zu kennen, aber Wege zu finden, wie es trotzdem weitergehen kann, auch zu zweit. Bald wollen sie gemeinsam den Main entlangradeln. Die Tour auf dem Elberadweg vor drei Jahren zählt Trelenberg zu den Höhepunkten seines Lebens. Die Tour am Main wird so etwas wie die Königsetappe der zweiten Radelepisode seines Lebens. Denn vor einem Jahr warf das Leben ihn erneut aus dem Sattel: „Da hat der Tod angeklopft – und so etwas haut einem beim ersten Mal die Beine unterm Hintern weg“, sagt er.

„Ich muss lernen,den Kopf hochzunehmen“

Kehlkopfkrebs, so lautete die Diagnose. Chemo, Bestrahlung, Operation. Zwei 15 Zentimeter lange Narben links und rechts vom Kehlkopf zeugen von der großen Operation. Seitdem fehlen ihm reichlich Lymphknoten, ein Stimmband ist gelähmt und macht den Eingang zur Lunge schmaler. Auch der Kehlkopfdeckel fehlt, der im Normalfall dafür sorgt, dass Luft in die Lunge, Speisen und Getränke in den Magen kommen.

„Ich habe gedacht, ich könnte nie mehr Rad fahren“, sagt Trelenberg. Doch nach einem halben Jahr, im Oktober letzten Jahres setzte er sich wieder in den Sattel. Es ging genauso langsam los wie beim ersten Mal, als das Fahrrad seinem Leben wieder eine Richtung gab. Der Radius wuchs nur langsam. Er musste neue Lektionen lernen: Nicht über die eigenen Grenzen strampeln, wer nur flach atmen kann, muss flache Etappen fahren. Immer noch besser, als wenn es mit ihm nur bergab ginge.

Nicht buckeln und treten, sondern radeln und schauen

Noch etwas ist neu: Er macht jetzt Fotos von seinen Touren – fürs Internet: „Ich muss lernen, den Kopf hochzunehmen“, sagt Trelenberg. Nicht buckeln und treten, sondern radeln und schauen, was Leben und Landschaft bieten. „Zu jeder Tour stelle ich Fotos ins Netz“, sagt Trelenberg. Er ermahnt sich, die Welt ringsrum wieder wahrzunehmen. Nicht in der Depression zu versinken, sich jeden Morgen aufzuraffen, in den Sattel zu steigen. Egal, was der Wetterbericht sagt. „Ich habe so viel mitgemacht, da kommt es auf einen Schauer nicht an“, sagt Trelenberg. Denn die Niederschläge im Leben hatten ein anderes Kaliber.

Tipp: Oliver Trelenberg meidet inzwischen den Ruhrtal-Radweg, weil der oft zu voll ist. Sein Tipp: Die Radroute der Industriekultur. Meist nimmt er sein Rad mit in den Zug und sucht sich dann seine Strecken. Wer wissen will, wo Oliver Trelenberg unterwegs ist:
http://olivers-radwelt.beepworld.de/

 
 

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