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1200 Händler ordern Spielzeug bei „fagus“ aus Borken

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Foto: WAZ FotoPool
In Borken stellen Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung Holzspielzeug her. Und das mit Erfolg: 1200 Händler weltweit ordern und verkaufen die Modelle der Marke „fagus“. Sie werden ohne Nägel oder Schrauben zusammengefügt.

Borken. 

Die Maschinen, die sind ihr Ding. „Daran arbeite ich am liebsten.“ Bohren, fräsen, sägen – Johanna Ninck mag die surrenden, kreischenden Geräte. „Damit kann man schnell arbeiten“, sagt die 55-Jährige. Stillstand findet sie langweilig. „Ich möchte abends sehen, dass ich etwas geschafft habe.“ Mit Hilfe der kraftvollen Maschinen stapeln sich die Holzteile, die sie bearbeitet, im Laufe des Tages viel schneller in den großen Kisten. Ihr Arbeitserfolg ist sichtbar.

Etwas mit den eigenen Händen schaffen, erschaffen, das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Schon jedes Kind will bauen, Sachen zusammensetzen, einen Gegenstand fertigen, der schön oder nützlich ist.

Johanna Ninck und ihre rund 150 Kollegen in der Werkstatt Büngern-Technik für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung in Borken gehen diesem Bedürfnis gleich in doppelter Hinsicht nach: Sie fertigen selbst etwas aus Holz, Spielzeuge, mit denen später dann Kinderhände wiederum kreativ werden können.

Ohne Nägel und Schrauben

In der Holzspielwaren-Werkstatt innerhalb des Caritas-Verbandes werden Puzzle-Mobile, Baukräne, Traktoren, Kipplader, Kugelbahnen, Lokomotiven und rund 80 weitere Holzspielsachen der Eigenmarke Fagus hergestellt, seit mehr als 30 Jahren. Auch das Design der Spielzeuge, die alle ohne Schrauben und Nägel hergestellt werden, entwickeln die sozialpädagogisch geschulten Fachkräfte der Werkstatt selbst. „Fagus, der Markenname für die Holzspielzeuge, entstand übrigens, weil es das lateinische Wort für Buche ist, dem einzigen Holz, mit dem wir hier arbeiten“, sagt Georg Hülsbrink, Standortleiter in Borken.

Mitarbeiterin Johanna Ninck gefällt das Material und das, was sie daraus machen. „Besonders schön finde ich den Sattelschlepper“, sagt die gebürtige Essenerin. Klar hat sie einige Modelle aus dem Sortiment auch zu Hause in ihrer eigenen Wohnung stehen. „Traktor, ein Kran – vieles davon steht bei mir in den Regalen.“

Immerhin arbeitet die geistig und körperlich Behinderte bereits seit rund 25 Jahren in der Borkener Werkstatt – da kommt so einiges für die Wohnungsdekoration zusammen. Fast eine Million Holzfahrzeuge, an denen sie mitgearbeitet hat und die an 1200 Spielwarenhändler weltweit verkauft wurden , sind heute in Kinderzimmern rund um den Globus zu finden.

Jeden Handschlag gelernt

Wie das Holz in welchem Arbeitsschritt verarbeitet, zugeschnitten, durchbohrt, gesteckt oder geklebt wird, kennt Johanna Ninck mittlerweile. Unter Anleitung der fachlichen Bereichsleiter hat sie jeden Handschlag der Holzbearbeitung in der Werkstatt gelernt. „Heute zählt sie zu einer der ganz wenigen Mitarbeiter, die überall arbeiten können“, lobt Standortleiter Georg Hülsbrink.

Johanna Ninck schmunzelt etwas verlegen. Dann sagt sie ganz selbstsicher: „Ja, so ist das bei mir: Wenn man mir etwas einmal gezeigt hat, dann weiß ich, wie es geht.“ Gut, die Arbeit mit der Fräse sei eine Herausforderung gewesen. „Aber nach einem Tag ging das auch.“ Johanna Ninck ist eben ein Werkstatt-Allround-Talent.

Heute ist sie für das Verpacken der kleinen Spielautos eingesetzt – nicht gerade ihre Lieblingsbeschäftigung. Im Hintergrund klopfen Kollegen mit Hämmern auf Holz. Die Maschinen im Nebenraum surren. An großen Werkbänken im Montagebereich setzen viele fleißige Hände mal bunte, mal farblos lackierte Teile ineinander. Der Eine schneller, der Andere langsamer – jeder in seinem Tempo.

Heute kann Johanna Ninck nicht in ihrem Tempo arbeiten. Jeden Tag mit Maschinengeschwindigkeit zu arbeiten, das wäre ihr aber viel, viel lieber…