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Wie Papst Franziskus den Befreiungsschlag versucht

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Papst Franziskus sitzt am 28.06.2017 bei seiner wöchentlichen Audienz auf dem Petersplatz in Rom auf einem Stuhl. Foto: Andrew Medichini/AP/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: dpa
Der Papst entmachtet seine Nummer zwei. Doch hinter dem Abschied von Kardinal Müller steckt mehr: Franziskus kämpft um seine Autorität.

Berlin/Rom. 

Das ist mehr als ein normales Stühlerücken, was sich da gerade hinter den Mauern des Vatikans abspielt. Zunächst beurlaubte Franziskus Kardinal George Pell – als „Wirtschaftsminister“ die Nummer drei in der Hierarchie des Kirchenstaats. Und nur zwei Tage später musste Kardinal Gerhard Ludwig Müller – die Nummer zwei im Vatikan – seinen Posten als oberster Glaubenshüter der katholischen Kirche räumen.

Der Papst scheint die Geduld zu verlieren mit seinem Spitzenpersonal. In Kirchenkreisen spricht man von einem „Erdbeben“, das den Vatikan erschüttert. Was steckt dahinter?

Im Fall George Pell war die Sache klar

Der Fall des unter Missbrauchsverdachts stehenden Australiers Pell, der demnächst vor einem Gericht in Melbourne aussagen muss, war noch eindeutig – ein Kardinal, der sich einem derart schwerwiegenden Ermittlungsverfahren ausgesetzt sieht, muss sein Amt zumindest so lange ruhen lassen, bis die Vorwürfe komplett ausgeräumt ist.

Die katholische Kirche hatte ohnehin zu lange den Verdacht genährt, den weltweiten Skandal um Missbrauch durch Geistliche lieber vertuschen zu wollen, als die Ereignisse lückenlos aufzuklären. Ein Festhalten an Pell wäre fatal gewesen. Anders sieht es im Fall Müller aus.

Von Anfang an keine Harmonie

Der Kardinal, der noch von Papst Benedikt XVI. zum Chef der Glaubenskongregation berufen worden war, und Papst Franziskus hatten von Anfang an nicht miteinander harmonisiert. Hier Müller, der dogmatische Glaubenshüter, ein katholischer Fundi, der in Punkten wie Frauen in Kirchenämtern oder Umgang mit wieder verheirateten Geschiedenen stur bleibt und zu keinen Zugeständnissen bereit ist.

Dort Franziskus, der der Kirchenbasis vorsichtig, aber erkennbar Raum für neue Wege gibt und Neuerungen zumindest aufgeschlossen gegenübersteht. Gleich zu Anfang seines Pontifikats soll Franziskus vor Geistlichen aus Südamerika gesagt haben: Wenn sie von Müllers strenger Behörde wegen unkonventioneller Seelsorgemethoden einen Mahnbrief erhielten, sollten sie den unbedingt höflich beantworten – danach aber weitermachen wie zuvor. Damit war die Nummer zwei bereits angezählt.

Franziskus musste Kante zeigen

Die Fälle Müller und Pell, so unterschiedlich sie in der Sache auch liegen, haben eine Gemeinsamkeit: Sie sollen auch ein Signal sein an die Riege der Kardinäle. Der Pontifex hat sich offenbar entschlossen, dem schleichenden Autoritätsverlust seiner Person bei manchen Purpurträgern entgegenzuwirken.

Franziskus musste einfach einmal klare Kante zeigen. Denn da gab es zuletzt nicht nur Müllers Querschüsse und den oft unsensiblen Umgang mit dem brisanten Thema Missbrauch – manchmal konnte man den Eindruck gewinnen, es werde bewusst am Stuhl des Papstes gesägt.

Kritik am liberalen Kurs des Papstes

So schrieben beispielsweise vier konservative Kardinäle, unter ihnen die Deutschen Joachim Meisner und Walter Brandmüller, einen Brief an den Papst, in dem sie ihre „dubia“ (Zweifel) an der Öffnung der Sakramente für Katholiken in zweiter Ehe formulierten.

Dies ist nicht nur eine inhaltliche Kritik am Papst. Die Art ihres Vorgehens ist zudem für vatikanische Verhältnisse ungebührlich – zumal die Kardinäle dafür sorgten, dass ihr Mahn-Schreiben an die Öffentlichkeit gelangte.

Zeit der Querschüsse vorerst vorbei

Müller, der die vier Kardinäle in ihrer Kritik unterstützte, muss nun anscheinend dafür bezahlen. Seinen Abgang verkündete der Vatikan in einer sechszeiligen Mitteilung.

Müllers Nachfolger wird der spanische Kurienerzbischof Luis Francisco Ladaria Ferrer. Der 73-Jährige ist, wie Franziskus selbst, Jesuit und gilt dem Papst gegenüber als ergeben. Ferrer wird in der Kurie der eher kleinen Fraktion der gemäßigt Konservativen zugerechnet. Man darf also davon ausgehen, dass die Zeit der Querschüsse aus der Glaubenskongregation damit vorbei ist.

Ob die Personalie für einen Befreiungsschlag des Papstes reicht, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Die Zahl der Gegner eines liberaleren Kurses ist in der katholischen Kirche immer noch hoch.