Wie ein Wattenscheider zum Staatsfeind Irans wurde

Omid Pouryousefi will bereit sein zu helfen, wenn seine Landsleute im Iran ihn brauchen.
Omid Pouryousefi will bereit sein zu helfen, wenn seine Landsleute im Iran ihn brauchen.
Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool
Der Bochumer Musiker und Schriftsteller Omid Pouryousefi kandidiert für den iranischen Nationalrat. Die Oppositionsbewegung will helfen, das Mullah-Regime in Teheran zu stürzen. Für sein bisheriges Engagement bedroht die iranische Regierung ihn mit dem Tode.

Bochum.. Wie schafft man es, als ­Wattenscheider zum Staatsfeind Irans ausgerufen zu werden? Im Fall von Omid Pouryousefi genügte seine Musik, sein Einsatz für Integration und Menschenrechte sowie ­seine Abneigung gegen Steinigung und Folter. Für das Mullah-Regime in Teheran reichte das aus, ihn auf die Liste der Kandidaten für die ­Todesstrafe zu setzen. Doch davon will sich der Exil-Iraner nicht aufhalten lassen und plant schon sein nächstes Projekt.

Wenn im Juni die Iraner ihren Präsidenten wählen, schaut Omid Pouryousefi ganz genau hin. Falls es im Land wieder zu Freiheitsdemonstrationen und Ausschreitungen wie bei den offensichtlich gefälschten Wahlen 2009 kommen sollte, will er bereit sein, seinen Landsleuten zu helfen. Aber nicht allein. Deshalb kandidiert er für einen der 500 Plätze des iranischen Nationalrats, eine Oppositions­bewegung von Exil-Iranern, die sich am 27. und 28. April in Paris gründen will.

Die große Schwäche der grünen Revolution von 2009 war, dass die unterschiedlichen Gegner des Regimes keine gemeinsame Führung hatten. Wir wollen eine Stimme für alle Gegner von Präsident Ahmadinedschad und des geistigen Führers Chamenei sein, die in Freiheit leben und frei wählen wollen“, sagt Pour­yousefi. Demokratische Wahlen vorzubereiten und auszurichten, sei das oberste Ziel des „National Council for free Elections in Iran“.

Sohn des Schahs ist das Zugpferd

Seit mehreren Monaten laufen die Vorbereitungen für die Kandidatenaufstellung in Paris. Zugpferd und Strippenzieher ist Cyrus Rezah Pahlavi, Sohn des Schahs von Persien, der 1979 von den Mullahs aus dem Land gejagt wurde. Der Nationalrat weiß um die Unterstützung der USA, Frankreichs und vielen der runf fünf Millionen Exil-Iraner weltweit. Aber wie will er im Iran selbst für einen Wechsel ­sorgen?

Die Royalisten, die Anhänger der Pahlavis, sind nahezu ausschließlich in der Oberschicht und im Bildungsbürgertum zu finden. Der Großteil der 50 Millionen ­Iraner unter 40 Jahren, auf deren Wechselwillen die Opposition setzt, gehört zur Arbeiterklasse und Unterschicht. Das Mullah-Regime hat es außerdem in den vergangenen 34 Jahren verstanden, mit der strenggläubigen „Basidsch“-Miliz eine Gegenelite zu den Intellektuellen und westlich orientierten Regierungskritikern zu bilden.

Doch das Volk leidet unter den Sanktionen, die die Vereinten Nationen und die Europäische Union aufgrund des iranischen Atomprogramms verhängt haben. Der Druck auf die Regierung ist groß, zumal das Verhältnis zwischen dem Präsidenten und dem geistigen Führer angespannt ist. „Wir hoffen auf einen Aufstand im Land und wollen mit Hilfe unserer Verbündeten im Land in das Machtvakuum stoßen, die Menschen davon überzeugen, dass wir eine Alternative sind“, sagt Omid Pouryousefi. Er will den Iran nicht den Radikalen überlassen.

Freiwillig zur Front gemeldet

Was sie anrichten können, hat er am eigenen Leib erfahren. Omid Pouryousefi und seine Familie verließen den Iran 1986. Das Land kämpfte im ersten Golfkrieg gegen den Irak, und der junge Omid war mit 13 Jahren ein glühender Anhänger der islamischen Revolution Ajatollah Chomeinis. „Wir wurden in der Schule alle indoktriniert. Ich ­habe sogar Revolutionslieder im Schulchor gesungen“, erzählt er heute kopfschüttelnd. Seine Begeisterung ging sogar so weit, dass er sich freiwillig zur Front meldete. Für seine Eltern das Signal, nach Deutschland auszuwandern.

Erst vor acht Jahren begann sich Omid Pouryousefi wieder mit dem Land seiner Vorfahren zu beschäftigen. Zuvor tourte er als DJ durch die Welt. Das Leben war eine Party – bis er 2005 zum ersten Mal nach fast 20 Jahren den Iran besuchte: „Ich ­habe gesehen, wie sich die Menschen nach Freiheit und Demo­kratie sehnten.“ Danach setzte ein Sinneswandel ein. Omid Pouryousefi fand zur Politik und engagierte sich in regimekritischen Musikprojekten, die er übers Internet im Iran verbreitete. Zudem schrieb er 2011 ein Buch über sein Leben mit dem Titel „Hoffnung gewinnt“. Er ist zu seinem Leitspruch geworden.

Aber Omid Pouryousefi hofft nicht nur auf einen demokratischen Wandel im Iran und darauf, eines Tages in ein friedliches Land ­zurückzukehren. Er ist auch bereit, dafür zum Staatsfeind zu werden.

 
 

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