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Wie der „stehende Mann“ vom Taksim-Platz mit stillem Protest beeindruckt

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Erdem Gunduz ist "duran adam", der "stehende Mann" vom Taksim Platz. Stundenlang verharrte er am Montag auf dem Taksim-Platz in Istanbul und schaute regungslos auf ein Porträt von Staatsgründer Atatürk. Foto: rtr
Während die türkische Regierung weiter mit harter Hand gegen Proteste vorgeht, geht das Bild eines Mannes um die Welt: Er stellt sich auf den Taksim-Platz, verharrt dort stundenlang und ganz still. Als „stehender Mann“ macht die Aktion in Sozialen Netzwerken die Runde – und findet Nachahmer.

Istanbul. 

Bewegungslos steht er auf dem Istanbuler Taksim-Platz, die Hände in den Taschen, die Augen unverwandt auf ein riesiges Porträt des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk an der Fassade des früheren Kulturpalastes gerichtet. Hinter dem Mann haben sich in einigem Abstand hunderte Menschen versammelt. Sie beobachten den einsamen Demonstranten und die Polizei, die auf dem Taksim-Platz nach der Räumung des angrenzenden Gezi-Parks am Wochenende eigentlich jeden Protest verboten hat.

Erdem Gunduz heißt der Mann, der sich am Montagabend auf dem Platz im Zentrum Istanbuls postierte. Die eigenwillige Protestaktion des Istanbuler Choreographen machte im Internet rasch die Runde. „Duran adam“, der bewegungslose Mann, heißt er auf dem Kurzmitteilungsdienst Twitter, der Hashtag #duranadam ist am Dienstagmorgen auch in Deutschland „Trending Topic“, also eines der meistgesuchten Themen.

Stiller Protest trotz Versammlungsverbot

Wie seine Freunde erklären, will Gunduz mit seiner Aktion trotz des verhängten Versammlungsverbots den Protest fortsetzen. Einen Monat will er auf dem Platz ausharren, nur gelegentlich abgelöst durch seine Freunde, heißt es.

„Er muss allein bleiben in der Mitte des Platzes, ansonsten wird die Polizei unter dem Vorwand, dass dies eine Versammlung ist, alle vertreiben“, sagt Asma, die mit anderen Freunden versucht, die Menge zurückzuhalten, die sich rasch hinter Gunduz versammelt hat. Einige junge Männer ahmen ihn nach und richten ebenfalls bewegungslos die Augen auf das Atatürk-Porträt. Nach der Räumung des Gezi-Parks unter dem massiven Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern hatten die Demonstranten angekündigt, über „neue Protestformen“ nachzudenken.

Erdem Gunduz will eigentlich einem Monat lang auf dem Platz bleiben

Mehr als zwei Wochen hatte die Besetzung des kleinen Parks am Rande des Taksim-Platzes angedauert. Zunächst richteten sich die Proteste nur gegen ein Bauprojekt, für das die 600 Bäume des Parks fallen sollten. Doch angesichts des Brutalität der Polizei und der Unnachgiebigkeit von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wandten sich die Proteste gegen die Regierung selbst. Die Demonstrationen, die sich rasch auf andere Städte ausweiteten, werfen Erdogan autoritäres Verhalten und die Ignorierung abweichender Meinungen vor.

Einen Monat wollte Gunduz auf dem Taksim bleiben, doch am späten Abend schreitet die Polizei ein. Dutzende Polizisten strömen auf den Platz. Während Gunduz im Kreis seiner Unterstützer entkommen kann, werden etliche andere festgenommen und in einem Bus der Polizei fortgebracht. Nach kurzer Zeit ist alles vorbei. Doch die Aktion bleibt nicht ohne Folgen. Am Dienstagmorgen steht bewegungslos eine junge Frau auf dem Taksim-Platz und liest ein Buch – die Augen mit einem Tuch verbunden.

Türkische Anti-Terror-Einheiten nehmen 84 Menschen fest 

Die türkische Regierung setzt trotz einer leichten Entspannung bei der Protestwelle im Land weiter auf Repression. Nach den nun fast drei Wochen dauernden Demonstrationen nahmen Anti-Terror-Einheiten am Dienstag mindestens 84 Gesuchte fest, wie türkische Medien berichteten.

Nach wochenlangen Auseinandersetzungen zwischen regierungskritischen Demonstranten und der türkischen Polizei war die Nacht zum Dienstag in Istanbul vergleichsweise ruhig.

Wie Aktivisten über soziale Netzwerke mitteilten, gab es auf dem zentralen Taksim-Platz lediglich Festnahmen, als sich Dutzende Gegner der islamisch-konservativen Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan dem stillen Protest des einzelnen Demonstranten anschlossen. Andernorts in Istanbul habe die Polizei erneut Tränengas gegen Demonstranten eingesetzt. Auch aus der Hauptstadt Ankara wurden wieder Zusammenstöße gemeldet.

Am frühen Morgen begannen Anti-Terror-Einheiten damit, Wohnungen in Istanbul, Ankara und der nordwestlichen Provinz Kocaeli zu durchsuchen. Den Festgenommenen werden vorgeworfen, in die Proteste gegen die Regierung verwickelt und für Gewalt gegen Polizisten verantwortlich zu sein, hieß es in Medienberichten. Regierung und Behörden hatten in den vergangenen Tagen erklärt, es sei bekannt, wer die Demonstrationen mitorganisiert und unterstützt habe. Siue müssten mit Strafen rechnen. Es seien Metallkugeln und Material für den Bau von Brandsätzen gefunden worden.

Die landesweite Protestwelle hatte sich an der brutalen Räumung eines Protestlagers im Gezi-Park in unmittelbarer Nachbarschaft des Taksim-Platzes entzündet, das am Wochenende zum zweiten Mal geräumt wurde. Die Regierung plant dort den Nachbau einer osmanischen Kaserne mit Wohnungen, Geschäften oder einem Museum. Inzwischen richten sich die Demonstrationen aber vor allem gegen den autoritären Regierungsstil Erdogans. (afp/dpa)