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Widerspruch aus Loyalität: Vortrag von Pater Klaus Mertes

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Foto: Amin Akhtar/laif
Pater Mertes machte den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche publik. Am Montag ist er beim „Politischen Forum Ruhr“ in Essen zu Gast.

Essen. 

Schlagartig rückte Pater Klaus Mertes Anfang 2010 ins Licht der Öffentlichkeit, als er den jahrzehntelang währenden sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche publik machte. Dabei stellte sich der damalige Leiter des Berliner Jesuitengymnasiums Canisius vorbehaltlos auf die Seite der Opfer, statt vor seine verdächtigten Kirchenbrüder.

Dank gab es dafür von der Amtskirche nicht, geschnitten und beschimpft wurde der Theologe als Nestbeschmutzer. Über „Widerspruch aus Loyalität“, so auch der Titel eines seiner bekanntesten Bücher, spricht der 61-Jährige heute als Redner des Politischen Forum Ruhr in der Essener Philharmonie.

An den letzten Formulierungen seiner Rede wollte Mertes erst nach dem Gespräch mit dieser Zeitung feilen, aber dass es um Kritik als Akt der Loyalität gehen wird, steht außer Frage. Zur Erinnerung: Nachdem drei ehemalige Canisius-Schüler ihm ihre schockierenden Missbrauchserlebnisse geschildert hatten, wandte sich Mertes an Hunderte Absolventen des Kollegs und entschuldigte sich.

In der Folge meldeten sich überall in Deutschland Menschen und berichteten, oft nach vielen Jahren des quälenden Schweigens und Verdrängens, ihre Schreckensgeschichten, nicht nur aus katholischen Einrichtungen. Einer der bekanntesten Fälle: die Odenwaldschule. 25 Jahre lang missbrauchten der Direktor und einige Lehrer Dutzende Schüler, erste öffentliche Vorwürfe blieben ohne Reaktion.

Druck von oben

Fünf Jahre nach den ersten Enthüllungen hat die katholische Kirche den Widerspruch aus Loyalität nicht gewürdigt. In manchem Bistum wurde er auf Druck von oben zu Diskussionen wieder ausgeladen, aber, betont Mertes, nicht in Essen – im Gegenteil. Loyalität und Verrat sei ein urchristliches Thema seit Judas, und als Beispiel für in fremden und eigenen Reihen ungeliebte Kritiker nennt er den jüdischen Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim: In Israel als Nazi beschimpft, aber in Teheran darf er nicht auftreten – „diese Typen bringen die Geschichte voran“, sagt Mertes.

Inzwischen leitet Pater Mertes das abgeschiedene Kolleg St. Blasien im Schwarzwald mit 250 Internats- und 500 externen Schülern. Um Macht und Machtmissbrauch geht es auch hier: Ein großes Thema an der Schule sei sexualisierte Gewalt zwischen Jungen und Mädchen sowie Gewalt in der Schule grundsätzlich.

Eine entschiedene Position bezieht Pater Mertes, einst Mitglied in der Härtefallkommission des Berliner Senats, auch in der aktuellen Flüchtlingsdiskussion. Grundsätzlich müsse es Differenzierungsmöglichkeiten zwischen den verschiedenen Flüchtlingsgruppen geben, aber ganz wichtig sei, was man den Menschen als erstes Signal aussende: „Das Grundsignal des Willkommens.“ Dieser erste Kontakt zwischen alter und neuer Bevölkerung bestimme die künftige Beziehung.

25 Jahre Politisches Forum Essen

Das Politische Forum Ruhr feiert mit der Rede von Pater Klaus Mertes ein 25-jähriges Bestehen. Es ist die 111. öffentliche Veranstaltung seit 1990. Moderiert wird sie wie gewohnt von Stephan Holthoff-Pförtner, der das Forum begründet hat.

Von gesellschaftlicher Verkrustung, parteipolitischer Verkrampfung und von Politikverdrossenheit sei die Zeit geprägt gewesen, schreibt das Politische Forum Ruhr über seine Anfangstage. Seitdem haben praktisch alle Großen und Größen aus Gesellschaft und Politik in Essen gesprochen und oft dabei auch widersprochen, um ins Gespräch zu kommen.#

Wer sich noch für einen der letzten freien und wie immer kostenlosen Plätze in der Essener Philharmonie (Huyssenallee 53) interessiert (19.30 bis 21.30 Uhr, Einlass ab 18 Uhr), muss sich beim Forum anmelden: Tel. 0201/7 99 44 70.