Warum NRW die schäbigsten Bahnhöfe Deutschlands hat

Matthias Korfmann
Der Hauptbahnhof in Essen wurde im Gegensatz zu dem in Dortmund vor wenigen Jahren erst komplett modernisiert. Es gibt viele Fahrgäste und Bürger, die das Ergebnis für äußerst gelungen halten. Aber Fahrgastverbände üben dennoch Kritik. Sie sprechen von einer „Markthalle“
Der Hauptbahnhof in Essen wurde im Gegensatz zu dem in Dortmund vor wenigen Jahren erst komplett modernisiert. Es gibt viele Fahrgäste und Bürger, die das Ergebnis für äußerst gelungen halten. Aber Fahrgastverbände üben dennoch Kritik. Sie sprechen von einer „Markthalle“
Foto: WAZ FotoPool
Düster, schmutzig, kein Service – Experten finden an Rhein und Ruhr einige der schlechtesten Bahnhöfe Deutschlands. Der Chef der „Allianz pro Schiene“ spricht sogar von „beispielloser Verwahrlosung“ - etwa in Dortmund, Duisburg, Hagen und Wuppertal. Ein Grund dafür sei finanzielle Diskriminierung.

Essen. Das Bündnis „Allianz pro Schiene“ fällt ein vernichtendes Urteil über die Bahnhöfe in NRW. Geschäftsführer Dirk Flege spricht gegenüber unserer Redaktion von einer „beispiellosen Verwahrlosung“. Duisburg, Hagen und Wuppertal schneiden besonders schlecht ab. Ausgerechnet das größte Bundesland mit den meisten Fahrgästen erscheine im Bundesvergleich abgehängt, wenn es um die Qualität der Bahnhöfe gehe. Seit elf Jahren sucht „Allianz für Schiene“ in Deutschland Kandidaten für den Titel „Bahnhof des Jahres“. Noch nie wurde die Jury in NRW fündig.

Lohthar Ebbers vom Fahrgastverband „Pro Bahn NRW“ bestätigt: „Der Nachholbedarf ist riesig.“ Dortmund fällt ihm negativ auf, aber auch der gerade erst modernisierte Hauptbahnhof Essen ist laut „Pro Bahn“ ein Flop: „Eine funktionale Katastrophe, nicht massentauglich.“ In Düsseldorf sei das Bahnhofsumfeld extrem schlecht. Einige wenige Bahnhofs-„Schmuckstücke“ benennt Dirk Flege, zum Beispiel in Wetter, Soest und Werdohl. Die Note „2 bis 3“ hätten diese Standorte verdient. „Aber als ,Bahnhof des Jahres’ kommen sie nicht infrage.“

Kritik an der finanziellen Benachteiligung des Landes

Die Landesregierung erkennt wie das Bündnis „Allianz pro Schiene“ eine Benachteiligung von NRW bei der Vergabe von Bundesmitteln für den Nahverkehr. Nach einem Gutachten des Juristen Christian Waldhoff aus dem Jahr 2013 stellt der Bund dem Land NRW nur rund 16 Prozent der Fördergelder zur Verfügung, obwohl dort mehr als 20 Prozent der Bundesbürger leben.

Die Bahn wehrt sich gegen die Vorwürfe: Viel Geld sei in NRW für Dutzende kleinere Stationen wie etwa die in Soest ausgegeben worden. „Und in die Hauptbahnhöfe in Duisburg und Dortmund werden ab 2016 jeweils mehr als 100 Millionen Euro investiert“, sagte Bahn-Sprecher Dirk Pohlmann. Mehr als zwei Drittel der 700 Bahn-Stationen im Land seien inzwischen barrierefrei.

Hat NRW in Berlin keine Lobby?

Eigentlich vergibt das Bündnis „Allianz pro Schiene“ nur gute Noten. Eine Jury sucht Jahr für Jahr in Deutschland „Bahnhöfe des ­Jahres“. Dresden hat diesmal die Ehre und das kleine Hünfeld in Hessen.

2014 haben die Preisrichter in NRW geradezu mit der Lupe nach Kandidaten gesucht. Und dennoch – wie immer – keinen gefunden. Im Gegenteil. „Beispiellos schlecht“ sind viele Stationen an Rhein und Ruhr, findet „Allianz pro Schiene“-Geschäftsführer Dirk Flege. Schlechter noch als die in Brandenburg.

Woran das liegt? Vieles deutet darauf hin, dass NRW keine Lobby in Berlin ­hat. Bayern, Baden-Württemberg oder Sachsen sind meist schneller am Zug, wenn Fördergeld verteilt wird, wie Statistiken über die sogenannten „Regionalisierungsmittel“ des Bundes zeigen.

Vermischung der Zuständigkeiten = keiner ist zuständig

Dirk Flege hat noch eine Ver­mutung: Der verheerende Zustand mancher Bahnhöfe könnte etwas damit zu tun haben, dass die Bahn gerade in NRW nur noch ein ­Akteur unter vielen ist. Es mischen sich die Zuständigkeiten für ­Gebäude, Vorplatz und Bahnsteige zwischen Kommunen, privaten ­Investoren und Bahn. Selten gibt es hier Bahnhöfe „aus einem Guss“.

„Köln hat zwar einen tollen Hauptbahnhof, aber der Hinterausgang ist dreckig und unwirtlich. Die Verantwortung dafür trägt nicht die Bahn, sondern die Stadt“, sagt Flege. Ähnlich übel sieht es hinter dem Bahnhof Düsseldorf aus. Manchmal währt der schöne Schein nicht mal einen Sommerfahrplan lang. In Kerpen-Horrem wurde erst Mitte Juni mit viel ­Tamtam ein neuer „Öko-Bahnhof“ eingeweiht: „grün und CO2-frei“. ­Besucher von der „Allianz pro Schiene“ fanden aber dort vor ­wenigen Tagen vor allem „Dreck und gesperrte Toiletten“ vor.

Mal ist die Station fast preis­verdächtig schön wie die in Soest oder in Wetter. Aber dann stellen die Tester fest, dass dort samstags und sonntags kein Schalter besetzt, keine Info mehr verfügbar ist – ­Wochenend-Servicewüsten mit Gleisanschluss.

Nicht einmal Essen kommt gut weg

Lothar Ebbers vom Fahrgast­verband „Pro Bahn“ in NRW hält zahlreiche Ruhrgebiets-Hauptbahnhöfe für verbesserungs­würdig. Sogar der erst zum KulturHauptstadtjahr 2010 runderneuerte Bahnhof in Essen schneidet aus seiner Sicht bescheiden ab. „Eine funktionale Katastrophe“, wettert Ebbers, „mehr eine Markthalle als ein Bahnhof“.

Die „Allianz pro Schiene“ hält Essen für „funktional und ganz nett“, aber ungeeignet, um große Besucherströme zügig durchs Gebäude zu leiten.

Die Kritik von „Pro Bahn“ an anderen Bahn-Standorten im Revier fällt derzeit kaum freundlicher aus. Der Verband weist aber darauf hin, dass unter anderem in Dortmund und in Dusburg größere Modernisierungsarbeiten in den Stationen bevorstehen. Der Ist-Zustand:

Dortmund: Aus dem moder­nisierten Eingangsbereich kommt der Besucher in einen gammeligen Tunnel, in dem seit Jahren nichts mehr verbessert wurde.

In Duisburg ist das Dach undicht, der Vorplatz trostlos, der Umsteige-Weg zu Straßen- und Stadtbahnen zu lang.

Bochum schneidet im Urteil, recht gut ab, Oberhausen ebenfalls, und Gelsenkirchen erntet von ­Lothar Ebbers eine Einschätzung, die in der Schule wohl als eine Vier durchginge: „Den Umständen entsprechend halbwegs brauchbar.“