Uni Münster ist geschockt - Mediziner schummeln beim Doktor

Christopher Onkelbach
Stress im Studium – für Medizinstudenten ist das Alltag. Offenbar wird dann bei der Doktorarbeit häufig geschludert.
Stress im Studium – für Medizinstudenten ist das Alltag. Offenbar wird dann bei der Doktorarbeit häufig geschludert.
Foto: WAZ FotoPool
Schon immer gibt es den Verdacht, dass angehende Ärzte ihre Dissertationen schludrig zusammenstellen. Besonders an der Uni Münster wurden nun Plagiatsjäger fündig. Sie listen Plagiate in zehn Arbeiten auf. Wissenschaftsministerin Schulze fordert von Hochschulen verbindliche Ausbildungs-Standards.

Münster. Eine Häufung angeblicher Plagiatsfälle bei Doktorarbeiten erschüttert die Medizinische Fakultät der Uni Münster. Die Internetplattform VroniPlag, die Plagiaten bei wissenschaftlichen Arbeiten nachspürt, listet aktuell zehn Fälle auf, wo bei medizinischen Dissertationen geschummelt worden sein soll. Die Plagiatsjäger vermuten, dass an den Medizinfakultäten anderer Unis ähnliche Zustände herrschen.

Die Fakultät in Münster reagierte schockiert, ein Hochschulangehöriger spricht gar von ei­nem „Flächenbrand“. Der Dekan der Fakultät, Prof. Wilhelm Schmitz, sagte: „Wir sind erschrocken über das Ausmaß der Anschuldigungen und werden alles dafür tun, um die Vorwürfe gründlich und schnellstmöglich zu klären.“ Der Fakultätsrat soll am 13. Mai die Einsetzung einer unabhängigen Expertenkommission beschließen, die die Vorwürfe prüfen soll. Später könnte auch die Rolle der Gutachter in den Blick genommnen werden.

Eine Doktorarbeit mit fremdem Text auf jeder Seite

Die Plagiate-Jäger von VroniPlag halten ihre Vorwürfe für gut belegt. In einem Fall seien bei einer Doktorarbeit aus dem Jahre 2010 auf jeder Seite „Fremdtextübernahmen“ entdeckt worden, der Kandidat habe also fast komplett abgeschrieben. Eine andere Arbeit aus dem Jahr 2009 umfasse nur 15 Seiten – auf den weitaus meisten dieser wenigen Blätter sei geschummelt worden.

Die Universität Münster weist darauf hin, dass im Zuge der Guttenberg-Debatte im Jahr 2011 die Promotionsordnung der medizinischen Fakultät geändert wurde. Seither müssen Doktoranden auch eine elektronische Fassung ihrer Dissertation einreichen. Dadurch lassen sich Abschreiber leichter entlarven und das Risiko steige, entdeckt zu werden. „Die aktuell unter Verdacht stehenden Arbeiten wurden alle vor diesem Datum verfasst“, sagt Schmitz und betont: „Wir haben ein großes Interesse daran, mögliche Plagiate aufzudecken, weil wir die große Mehrheit der ehrlichen Promovenden schützen wollen.“

Dass es Münster traf, ist offenbar Zufall

Dass ausgerechnet Münster ins Visier der Plagiatejäger geriet, sei dem Zufall geschuldet, „es hätte auch jede andere Uni treffen können“, sagt ein Mitstreiter von VroniPlag unter dem Pseudonym Gerhard Hindemith der WAZ. „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich die Situation in Münster von anderen Medizinfakultäten wesentlich unterscheidet.“ Dies sei allgemein ein Problem der Medizinerausbildung.

Münster - nur die Spitze des Eisbergs 

Die Vorfälle in Münster scheinen den alten Verdacht zu bestätigen, dass medizinische Doktorarbeiten schnell und schludrig zusammengeleimt werden. „Ich denke, dass wir auch an anderen Fakultäten fündig würden. Das hat mit dem Charakter der Mediziner-Ausbildung zu tun“, sagt Plagiatejäger Hindemith.

Im echten Leben ist der Mathematiker in der Finanzindustrie tätig und hat schon bei zahlreichen Plagiatsfällen mitgearbeitet, unter anderem prüfte er Teile der Arbeit des FDP-Politikers Georgis Chatzimarkakis. Eine Dissertation werde bei den Medizinern oft schon früh während des Studiums angefertigt und nicht erst, wie in anderen Fachbereichen, am Ende. Auch würden wissenschaftliche Standards oft nur unzureichend vermittelt. „Das ist ein sehr intensives Studium“, zeigt Hindemith Verständnis für die Lage der angehenden Mediziner. „Und dann müssen sie nebenher eine Doktorarbeit schreiben, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen soll.“ Das gehe dann zuweilen daneben.

Medizinische Dissertationen sind vom Niveau eher Diplomarbeiten

Einen in der wissenschaftlichen Welt eher zweifelhaften Ruf besitzen die medizinischen Dissertationen seit langem. Das Ergebnis entspricht im Umfang meist eher einer Diplomarbeit in den Naturwissenschaften. Das stellte der Wissenschaftsrat in einer Studie zur Universitätsmedizin schon im Jahr 2004 fest. So bezeichnete der Wissenschaftsrat die medizinische Promotion als „Pro-forma-Forschung“, deren Erkenntnisgewinn „fragwürdig“ sei. Die Verleihung des Doktorgrades erfolge „weitgehend unabhängig von der Qualität der Promotionsleistungen“. Anschließend verschärften einige Unis ihre Promotionsordnungen.

Auch in Münster spricht man von „unterschiedlichen Fächerkulturen“, was die Dissertation angeht. Dennoch will man durch die konsequente Aufarbeitung der Plagiatsfälle den akademischen Anspruch retten. Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) sagt: „Die Hochschulen sollten verpflichtende Grundsätze für Betreuung, Ausbildung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses entwickeln.“

Jedes Jahr hunderte Dissertationen

Rund 280 Doktorarbeiten werden in Münster jährlich eingereicht, an der Uni Duisburg-Essen sind es rund 170. Die Promotionsordnung werde derzeit auch mit Blick auf mögliche Plagiate überarbeitet, sagt Prof. Jan Buer, Dekan der Medizinischen Fakultät in Essen. „Bislang wurde in einem Fall der Doktorgrad aberkannt. Aber natürlich können wir nicht ausschließen, dass es vielleicht weitere Fälle geben wird“, so Buer.