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Ihr wollt kein Gas und Öl mehr aus Russland? Das wäre wahnsinnig!

Ihr wollt kein Gas und Öl mehr aus Russland? Das wäre wahnsinnig!

Ukraine-Flüchtlinge in Deutschland: Bund will "solidarische" Verteilung

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) will sich für eine gerechtere Verteilung der Flüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland einsetzen. "Das kann Berlin natürlich nicht alleine stemmen", sagte die Ministerin bei einem Besuch des Berliner Hauptbahnhofs.

Kommentar

„Dann duschen wir eben kalt!“, „Ich wäre für autofreie Sonntage!“, „Lieber fahre ich nur noch Zug und sitze bei 10 Grad Innentemperatur zuhause, als mit russischem Öl zu tanken, beziehungsweise, mit deren Gas zu heizen“.

Solche Sprüche liest man in diesen Tagen nicht nur in den Sozialen Netzwerken, sondern hört sie teilweise auch in den Medien. Selbst manche Politiker, wie CDU-Mann Norbert Röttgen, fordern einen Stopp von Gas- und Ölimporten aus Russland, um nicht mehr in Putins Kriegskasse einzuzahlen.

Laut dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend wären 66 Prozent der Befragten bereit, höhere Energie- und Lebenserhaltungskosten zu tragen, um Russland zu sanktionieren.

Um Putin zu bestrafen: Sofort keine Energie-Importe mehr? Entschuldigung, das ist naiv!

Entschuldigung, aber das ist naiv! Aktuell beziehen wir rund 55 Prozent unseres Gases aus Russland, zudem rund 36 Prozent der Öl-Importe und etwa die Hälfte unserer Steinkohle-Importe.

Die USA, die nun auf Erdöl-Importe aus Russland verzichten, sind der größte Ölproduzent der Welt. Dort ist die Lage eine ganz andere, darum ist die Situation nicht vergleichbar, was auch US-Präsident Joe Biden betont.

Kalt duschen über Monate? Das ist weitaus mehr als nur ungemütlich

Es ist ehrenwert, wenn Menschen bereitwillig zu Kaltduschern werden wollen oder auf Autofahrten verzichten, um Putin eins auszuwischen. Zudem hilft es dem Klima. Doch so ein freiwilliger Verzicht aus Solidarität für die Ukrainer lässt sich nicht von oben diktieren.

+++ News-Blog zum Ukraine-Krieg +++

So etwas müsste nicht nur zwei, drei Wochen durchgehalten werden, sondern über Monate. Bei einem Energie-Boykott würden im nächsten Herbst und Winter dann Senioren und Kleinkinder in schlecht isolierten Wohnungen frieren, wenn sich die Leute das Heizen wie bisher nicht mehr leisten können. Das wäre nicht nur ungemütlich, es kämen auch Gesundheitsrisiken durch Erkältungen oder Schimmelbildung hinzu.

Kein Gas und Öl mehr aus Russland? Damit sanktionieren wir uns selbst!

Auch ohne Import-Stopp für russisches Öl galoppieren die Sprit-Preise bereits nach oben. Erste Experten rechnen sogar mit einem Anstieg auf bis zu 2,50 Euro für den Liter. Die Sprit-Entwicklung ist ein Albtraum für Menschen in ländlichen Regionen ohne gute Anbindung an den ÖPNV, Geringverdiener und Familien!

Und vor allem: Was ist mit der Industrie? Rund 36 Prozent der Gasverbrauche gehen auf das Konto der Industrie. Die deutsche Wirtschaft braucht Energie aus Russland, sonst drohen Produktionsausfälle und damit mehr Arbeitslose. Steigende Energiepreise führen zudem zu noch mehr Inflation, also auch zu höheren Preisen für Lebensmittel und Güter des täglichen Gebrauchs.

Wenn wir unsere Wirtschaft kurz nach der Corona-Krise erneut abwürgen, ist das sozialer Sprengstoff. Wir würden uns selbst sanktionieren und Putin in die Karte spielen! Vizekanzler Robert Habeck warnt vor wirtschaftlichen und gesellschaftlichen „Schäden schwersten Ausmaßes“, wenn uns auf einmal alle Energie-Lieferungen aus Russland wegbrechen.

Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft parallel vor einer großen Herausforderung angesichts der Bewältigung der neuen Flüchtlingswelle aus der Ukraine steht. Eine gesellschaftliche Überforderung droht, wenn nun auch noch ein Importstopp obendrauf verhängt wird!

Energie-Abhängigkeit von Russland: Wir können es nicht über Nacht ändern!

Richtig ist: Deutschland muss seine Abhängigkeit von russischen Energieimporten beenden. Und das wird in den kommenden Jahren auch passieren. Diese Botschaft ist in Berlin seit Kriegsausbruch endlich angekommen. Die Fehleinschätzungen der vergangenen Regierungen, ob unter Kanzlerin Merkel oder Kanzler Schröder, sind unbestreitbar und werden nun mühsam korrigiert.

Aktuell gilt aber leider das, was Kanzler Scholz jüngst erklärte: „Die Versorgung Europas mit Energie für die Wärmeerzeugung, für die Mobilität, die Stromversorgung und für die Industrie kann im Moment nicht anders gesichert werden.“

Das ist bitter, aber nun mal die Realität. Hektische Maßnahmen der Politik bringen nichts. Wer möchte, kann trotzdem ab sofort kalt duschen.