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Straßenbauer im Revier – Männer mit Nerven wie Eisenstangen

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WAZ Serie - die letzten Malocher im Revier Foto: Kai Kitschenberg/WAZFotoPool
Seit 30 Jahren baut Dirk Schneider aus Bochum-Langendreer an den Autobahnen des Ruhrgebiets mit. Vor fünf Jahren wurde er Polier; die schwere Arbeit bleibt trotzdem unverändert hart. Und oft hängt das Leben an wenigen Zentimetern, die sorglose Autofahrer zwischen ihrem Wagen und dem Mann in Orange lassen.

Bochum. 

Selten ist harte Arbeit so ­offen sichtbar wie an der Autobahn. An Dirk Schneider fahren Tausende vorbei, auf der A 40 bei Bochum-Stahlhausen. Aber kein einziger Autoinsasse ­interessiert sich für ihn. Manchmal rücken ihm Laster und Autos so dicht auf die Pelle, dass der starke Mann schlucken muss. ­Straßenbauer brauchen Nerven wie Eisenstangen.

Vor drei Jahren wäre es um Dirk Schneider fast geschehen gewesen, mitten in der Nacht, bei Gelsen­kirchen-Süd. Da war der Albtraum, der diesen Arbeitern Tag für Tag durch den Kopf geht, auf einmal körperlich spürbar. „Ein Lastwagen hat mich mit der Plane gestreift“, ­erinnert sich Schneider.

Dass es in seinem Job allzu oft auf Zentimeter ankommt, liegt nicht allein an ­müden Brummifahrern. „Tempo 60 ist doch Wunschdenken. Ich ­schätze mal, jeder Zweite hält sich nicht dran“, sagt Schneider. Seit fast 30 Jahren baut der Heitkamp-Mann Straßen. Seit fünf Jahren ist er Polier. Er hat also was zu sagen am Bau, aber malochen bis die Stirn glänzt muss er trotzdem.

Auch Poliere haben nur ein Leben

Sein Job ist einer von jenen, die die Augen kleiner Jungs zum Leuchten bringen: Steine, Sand, dicke ­Maschinen, Männer mit Ober­armen so dick wie Autoreifen. Dirk Schneider passt da gar nicht so recht ins Bild. Er ist eher drahtig, schlank. Und braungebrannt wie ein Seebär, sogar im Schmuddelsommer 2012. Sechs Mann stark ist Schneiders Team. „Wir verstehen uns blind“, sagt er. Die anderen sind seine Lebensversicherung.

Katzen haben neun Leben, Poliere haben nur eins. Aber sie können, was sich sonst kein Autofahrer traut: Von der linken Spur in den Mittelstreifen einbiegen. Warnblinkanlage an, behutsam bremsen und dann einfach links raus.

Linksab auf den Mittelstreifen

Wir stehen auf dem Mittelstreifen. Rechts und links: nur Krach. Schneider taucht ab in eine aus­gebaggerte Rinne. Kanaldeckelgroße Steine liegen drin, graue Pfützen schimmern trübe, verknotete Eisenstangen ragen aus dem Lehm. Oben an der Kante steht Ramazan Akbas. Er will erklären, was er hier tut. Das geht aber nicht, weil die Reifen so laut singen. Nur so viel klingt durch: Akbas macht den Job seit 13 Jahren und baut lieber Umgehungsstraßen als Autobahnen. Ist gesünder.

Dirk Schneider mag diese ­Baustelle. Der Mann aus Langendreer operiert hier schließlich vor der eigenen Haustür die A 40, die Lebensader seiner Heimat. ­„Ordentlich Bewegung, gute Kollegen und Chancen, sich hoch­zuarbeiten“, das schätzt der Familienvater am Straßenbau. Die Kehrseite: „Fast jeder hat es mit dem ­Rücken. Mit Mitte 40 fängt das an.“

Einen Acht-Stunden-Tag gibt es nicht

Der Lohn für die Mühe ist in ­dieser Branche von vielen Faktoren abhängig. Ein Arbeiter im Straßenbau kann zum Start mit rund 25.000 Euro im Jahr rechnen.

Klar, dass der altgediente Polier viel mehr verdient. „Aber in dem Gehalt ist dann auch alles drin: Nacht- und Wochenendarbeit, und einen Acht-Stunden-Tag gibt’s auch nicht“, so Schneider. Verschnaufen sei eh’ selten drin. „Früher hatte der Polier zwei Groschen in der Tasche, um einmal am Tag per Telefon ­Material zu bestellen. Heute steht das Handy nicht mehr still, das ­Tempo wird immer höher.“ Nicht nur das der Autofahrer.