Die Freiheit nehm‘ ich mir

Frank van Bebber, duz

Die Technische Universität Berlin wollte im Kampf um die besten Köpfe mitbieten und machte ihrer umworbenen Kanzlerin ein teures Angebot. Das alarmierte prompt die Rechnungsprüfung. Sind amtliche Pfennigfuchser die neue Fessel der autonomen Hochschule?

Seit Jahren blicken Hochschulreformer und Bildungspolitiker mit Neid auf die freie Wirtschaft. So unabhängig, so flexibel, so fit für den Wettbewerb sollen Deutschlands Akademikerschmieden auch einmal sein. Die Technische Universität Berlin hat nun die Hälfte des Weges zurückgelegt, mag sich darüber aber gar nicht freuen: Denn ihre Einkommen liegen weiter auf Rathausniveau. Bei der hitzigen Debatte um überzogene Managergehälter kann die Uni dafür aber mit Ackermann und Co mithalten. “Uni zahlte 60000 Euro für Wohnung ihrer Kanzlerin“, schlagzeilte der Berliner “Tagesspiegel“. Die Zeitung stützte sich dabei gut informiert auf den internen Entwurf eines Prüfberichts des Rechnungshofes.

Die amtlichen Pfennigfuchser der chronisch klammen Bundeshauptstadt haben demnach Vergünstigungen für TU­-Kanzlerin Dr. Ulrike Gutheil ins Visier genommen. Es geht um eine zu günstige Miete für ihre Dienstwohnung, deren Sanierung und um den Vorwurf, damit sei zu viel Geld bei der Kanzlerin gelandet, statt bei Uni oder Land. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue auf. Nach außen wird nun ­ wie in laufenden Verfahren üblich­ nur das Nötigste gesagt.

Doch so viel scheint klar zu sein: TU­-Präsident Prof. Dr. Kurt Kutzler hat die Kanzlerin mit den Extras halten wollen. Um ein Angebot der Fraunhofer­Gesellschaft abzuwehren, nutzte Kutzler den im Hochschulrecht gewiesenen Fluchtweg aus dem starren Besoldungsrahmen und wandelte den Beamtenstatus der Kanzlerin in ein öffentlich-­rechtliches Auftragsverhältnis um. Die Berliner Gesetze machen dafür den Präsidenten zum Ansprechpartner, nicht den Minister. Für einen schalen Beigeschmack sorgte, dass die Kanzlerin selbst die Hüterin der Immobilien ist. Was folgte, war der Besuch des Rechnungshofes, Fragen des Staatsanwalts und eine öffentliche Debatte über Geld und Kabale an der TU. Deren Spitze geriet vollends in den Strudel der Affäre, seit ausgerechnet ihr Erster Vizepräsident die dienst­- und strafrechtliche Aufklärung vorantreiben soll.

Bundesweite Signalwirkung

Mühsam versucht der Vorsitzende des TU­Kuratoriums, Dr. Manfred Gentz, die Wogen zu glätten, und verweist auf die Un­schuldsvermutung. “Meine Hoffnung ist, dass wir das bald vom Tisch kriegen und dadurch der Vertrauensverlust begrenzt bleibt“, sagt der Ex­-Daimler-­Chrysler-­Vorstand und: “Das Ganze ist doch gemacht worden mit dem richtigen Ziel, die Kanzlerin zu halten. Wenn man es zulässt, dass wegen möglicherweise kleiner Fehler eine Universität ins Schlingern gebracht werden kann, dann werden die Wirkungen über die Technische Universität hinausgehen“, warnt er.

Welcher Top-­Kandidat wird sich noch bewerben, wenn sein Gehalt öffentlich verhandelt wird? “Ich hoffe, dass die Freiheiten, die eine Universität haben muss, um für gute Leute attraktiv zu sein, nicht wieder beseitigt werden“, sagt Gentz. Auch der Senat müsse daran interessiert sein. In der freien Wirtschaft, aus der Gentz ja kommt, sind Extras neben Top­-Gehältern üblich. Von “Fringe Benefits“ sprechen Personalberater. Die Dienstwohnung gehört dazu. Bei einer Studie, die eine Beratungsfirma und die Universität Lüneburg erarbeiteten, zeigte sich, dass die Mehrzahl der Führungskräfte in der Wirtschaft Handy, Laptop und Dienstwagen gestellt bekam. Auch Altersvorsorge, Parkplatz, Erste­-Klasse-­Tickets und der Beitrag zum Fitnessclub ging bei mehr als der Hälfte zulasten des Arbeitgebers. Selbst für den Skandal um Dienstwohnungen kann die TU kein Copyright geltend machen. So geriet der Chef der Linde AG, Wolfgang Reitzle, in Turbulenzen, nachdem sein Unternehmen ihm eine Millionen-­Villa in München kaufen wollte.

“Gehälter sind keine Fügung des Schicksals“, schrieb der Präsident des Wissenschaftsrates, Prof. Dr. Peter Strohschneider, jüngst in der “Zeit“, “sie sind das Resultat von gesellschaftlichen Verteilungskämpfen.“ Es bilde sich der Konsens, auch die Wissenschaft könne nicht nur auf intrinsische Motivation gegründet werden. Das finden auch die Kollegen Gutheils, die derzeit Vize­-Sprecherin der Vereinigung der deutschen Kanzler ist. Günter Scholz, ebenfalls Vize-­Sprecher und hauptamtlicher Vizepräsident für Verwaltung und Finanzen der Universität Hannover, sagt: “Wir werden nicht gut bezahlt für das, was wir tun müssen.“

Aus Buchhaltern sind Manager geworden. Kanzler müssen Globalhaushalte von Hunderten Millionen Euro im Griff haben. Eine Situation, die auch die Rechnungshöfe herausfordert. “Sie können nur noch Verfahrensfehler feststellen“, sagt Scholz. Wie sollen ihre Mitarbeiter prüfen, ob etwa die Zulagen der W­-Besoldung an die Richtigen verteilt werden? Bei ihren eigenen Zulagen verweisen die Kanzler darauf, in den meisten Ländern sei die Amtszeit mittlerweile befristet. Man könne fliegen. Verantwortung und Risiko spiegelten sich im Einkommen also nicht wider. Scholz glaubt, eine Ursache zu kennen: Die Ministerialbürokratie knüpfe bei der Höhe des Kanzler­-Gehalts noch stark bei sich selbst an.

In Berlin wurde Gutheil zunächst wieder auf ihre niedrige Beamtenbesoldung zurückgestuft. Kanzlerin darf sie bleiben­ vorerst.