Rami Abdulrahman zählt alle Toten Syriens

Der Syrer Rami Abdulrahman lebt in Exil in Großbritannien und dokumentiert von dort aus Todesfälle im syrischen Bürgerkrieg. Dafür wird er von beiden Seiten angefeindet.
Der Syrer Rami Abdulrahman lebt in Exil in Großbritannien und dokumentiert von dort aus Todesfälle im syrischen Bürgerkrieg. Dafür wird er von beiden Seiten angefeindet.
Foto: Jasmin Fischer
Rami Abdulrahman lebt im englischen Coventry. Quellen in Syrien melden ihm jeden Todesfall. Akribisch hält er die Zahlen fest, um die Wahrheit zu dokumentieren und Propaganda-Meldungen zu entlarven. Beide Seiten, die Rebellen und die syrische Regierung, bedrohen ihn. Ein Bericht von einem Treffen, bei dem ständig das Handy klingelt.

Coventry.. Für Rami Abdulrahman kommt der Tod als Handyklingeln: Jedes Mal, wenn im Syrien-Konflikt ein Mensch stirbt, schrillt bei ihm in England das Telefon. 24 Stunden am Tag ist er als Chronist der Toten im Einsatz. Seine Listen stellt er ins Netz – für alle transparent. Auf diese Art will der Exil-Syrer die Propaganda beider Seiten aushebeln. Doch die Wahrheit hat ihren Preis: Der 41-Jährige lebt ein Leben zwischen den Fronten.

Es ist nicht leicht, zu Rami Abdulrahman vorzustoßen. Man muss seine Handy-Nummer kennen, einen Termin zwischen Gefechtspausen finden und sich dann von seinem Misstrauen dirigieren lassen: Den Treffpunkt fürs Interview will der Menschenrechtler erst in letzter Minute bekannt geben. Dann überlegt er es sich anders. Und schließlich erscheint nicht er selbst, sondern ein Mitarbeiter, der die Besucher abholt und zu ihm führt. Keine Frage: Der Syrer lebt im Krieg, und das mitten im beschaulichen Coventry.

„Ich habe nur sehr wenig geschlafen“, sagt er zur Begrüßung, „gestern ist um 16.30 Uhr eine Bombe in Aleppo hochgegangen, bis 2 Uhr Früh hat es gedauert, Zahl und Namen der Opfer zu klären.“ Medien weltweit zitieren die Angaben des Syrischen Observatoriums für Menschenrechte. 2006 hat Abdulrahman die Gruppe ins Leben gerufen; dass sie Jahre später zu einer Art Nachrichtenagentur der Toten umfunktioniert werden muss, hätte er damals nicht für möglich gehalten. Dabei ist er, so liegt es eben in der Natur seines Jobs, längst Pessimist.

Er kennt jeden seiner Informanten

Mit 54 Informanten, die Menschenrechtsverletzungen in Syrien beobachten sollten, hat der 41-Jährige begonnen. „Heute sind es 230 Quellen“, sagt er. Sie sind dort, wo es knallt oder auch da, wo die Hoffnung stirbt: Als Soldat bei den Regierungstruppen, Sanitäter in Krankenhäusern, unter Rebellen und Abtrünnigen gleichermaßen. „Ich kenne jeden von ihnen persönlich“, erklärt Abdulrahman, „ansonsten könnte ich der Qualität ihrer Informationen nicht vertrauen. In Syrien lügt jeder.“ Wenn sein Handy klingelt, notiert er sich Namen und Zahl der Toten, überprüft sie mit Rückrufen in umkämpften Städten, sichtet Videomaterial von Augenzeugen. Erst dann gibt er die Daten an die Presse weiter.

Anders als die Kriegsparteien zählt er die Gefallenen auf beiden Seiten – nicht als Schiedsrichter des Todes, wohl aber als sein pingeliger Buchhalter. „Ich bin pro-demokratisch und mag das Regime nicht“, sagt er, „aber wenn die Rebellen foltern und töten, finden sich auch diese Zahlen in meiner Liste.“

Schon wieder klingelt das Handy

Schon wieder klingelt sein Handy. „Erneut zehn Tote in Aleppo“, murmelt er. Während er das Telefon noch ans Ohr drückt, klingelt ein zweites auf dem Tisch. Eine britische Nachrichtenagentur braucht Opferzahlen; eine Online-Journalistin will mit ihm über die Kinder sprechen, die täglich bei dem Konflikt umkommen. Nebenan serviert der Kellner zwei englischen Damen noch einen Kaffee; draußen werden Knöllchen verteilt, Kinder von der Schule abgeholt. Abdulrahman aktualisiert die Todesliste im Laptop.

Abends wird er sie bei Facebook einstellen, so dass weltweit jeder Zugang hat zu seinem Material. Trotzdem rufen ihn täglich noch Verzweifelte an: „Sie vermissen Angehörige und wollen wissen, ob ihr Name auf meiner Liste aufgetaucht ist. Ein Drama.“ Und der Krieg weitet sich aus: „Ein Flächenbrand vom Jemen bis zur Türkei wäre keine Überraschung“, sagt er düster. Auf ihn kommt also noch mehr Arbeit zu. Jammern will er nicht. Dabei fürchtet er längst auch um sein eigenes Leben. Sein Haus steht unter Polizeischutz. „Bestimmt geht mal irgendwann eine Bombe hoch, wenn ich mein Auto starte“, sagt er matt. Bei der Ausreise aus Ägypten hat der Grenzkontrolleur zuletzt seine Daten telefonisch weitergegeben. „An wen? Warum? Ich weiß es nicht, aber offenbar werde ich überwacht“, sagt der 41-Jährige.

Beide Seiten bedrohen ihn

Seine unparteiische Chronik der Gräueltaten gefällt eben nicht jedem: Morddrohungen hat er vom Regime wie auch von Rebellen erhalten. Wegen ihm, dem Leichenzähler in Coventry, können sie in Syrien nur noch schwer Propaganda mit verdrehten Zahlen, übertriebenen Siegen und manipulierten Niederlagen machen. Selbst arabischen Fernsehsendern wäre es lieber, er könnte das eine oder andere Massaker mal unter den Tisch fallen lassen, wenn es den Rebellen dient. „Aber ohne Wahrheit wird es in Syrien doch nie Demokratie geben“, argumentiert Rami Abdulrahman, „Mythen sind verheerend, deshalb soll klar sein, wer wann und wie gestorben ist.“

Seine Familie sieht das Ganze etwas anders: Aus Angst um ihr eigenes Leben, zum Teil auch aus Regimetreue, haben sie sich von den Sunniten abgewandt. „Das war nicht leicht“, sagt er, „aber Demokratie ist eben ein langer Weg mit vielen Tiefschlägen.“ Vor dem allergrößten hat er keine Furcht: Dass sein eigener Name mal irgendwann auf der Liste stehen könnte, schreckt den Buchhalter des Todes nicht: „Jemand wird mich ersetzen. Die Arbeit wird weitergehen“, sagt er schulterzuckend. Dann klingelt wieder sein Handy.

 
 

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