Pädophilie ist das dunkle Kapitel der Grünen

Christopher Onkelbach
Vorwürfe gegen Daniel Cohn-Bendit lösten bei den Grünen eine Debatte über Pädophilie in den 80er-Jahren aus.
Vorwürfe gegen Daniel Cohn-Bendit lösten bei den Grünen eine Debatte über Pädophilie in den 80er-Jahren aus.
Foto: Marijan Murat/dpa
CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hat den Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit als „widerwärtigen Pädophilen“ bezeichnet. „Die Grünen halten ihre schützende Hand über einen Pädophilen“, sagte Dobrindt am Dienstag in Berlin. Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen, warf dem CSU-Politiker eine Verleumdungskampagne vor. Auslöser des Streits sind einige Passagen in einem Buch von Cohn-Bendit aus dem Jahr 1975.

Essen. 26 Jahre lang hat sich niemand darüber aufgeregt, schlummerten die schlimmen Sätze zwischen Buchdeckeln. Doch dann kramt eine Journalistin für eine Recherche das alte Buch von Daniel Cohn-Bendit wieder aus: „Der große Basar“ lautet der Titel. Kein tiefschürfendes Werk, sagt er selbst, eine Art biografische Betrachtungen, erschienen 1975.

Man muss wissen: Cohn-Bendit, der „Rote Danni“, bekennender 68er, Grüner der ersten Stunde, überzeugter Demokrat und Europäer, war auch mal Kindergärtner. Aus dieser Zeit stammt das Buch, in dem sich jene Worte finden, die ihn nun mit Macht einholen und auch die Grünen beschäftigen.

Verheerender Verdacht

Manche leiten daraus das Recht ab, ihn in einem Wurf zu verurteilen, einen „widerwärtigen Pädophilen“ zu nennen, einen Kinderschänder gar. „Es ist mir mehrmals passiert“, steht dort, „dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln.“ Cohn-Bendit nennt diese Sätze heute „unerträglich“ und „unverantwortlich“, versucht sich wortreich zu erklären, doch allein der Verdacht des Kindesmissbrauchs ist verheerend.

Cohn-Bendits Problem ist, dass er den Cohn-Bendit von 1975 erklären soll. Das kann kaum gelingen, weil er damals ein anderer war, weil uns auch der damalige Zeitgeist so fremd ist. Es ist die Zeit, in der die Jugend gegen die Autorität der älteren Generation aufbegehrt, wo in Elternhäusern und Schulen geprügelt wird, wo manche hohe Posten in Politik, Justiz und Bildungswesen von Altnazis besetzt sind.

Sexuelle Befreiung

Die „68er“ wollen einen umfassenden Neubeginn, moralisch, politisch, sexuell. Dazu sollen Körper, Geist und Seele von gesellschaftlichen Tabus befreit werden. In einer freien Gesellschaft sollten auch Kinder ihre Sexualität ohne Verbote entwickeln können. Nacktsein gehörte ebenso dazu wie die unverkrampfte Erkundung des Körpers. Es ist die Zeit, in der die „freie Liebe“ propagiert und in Kommunen gelebt wird, in der sich die Friedensbewegung bildet, extreme Linke in den Untergrund gehen und die Grünen entstehen.

Der Berliner Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth erinnert an den totalen Bruch, der mit der sexuellen Revolution einher gegangen sei: So hätten sich die Familien mit ihrem prüden Verständnis von Erziehung und Sexualität noch nach Lehrbüchern gerichtet, in denen erklärt worden sei, „wie Kinder aus pädagogischer Sicht zu verprügeln sind“ – während die 68er Kinder als mündig und gleichberechtigt mit Erwachsenen erklärten; auch hinsichtlich ihrer Sexualität.

Die Haltung gipfelte in der offenen Sympathie des linksalternativen Milieus mit Pädophilen, wie sich TAZ-Redakteure an die Debatten in den 70er-Jahren erinnern. Doch Feministinnen lehnten Pädophilie ab – wie die damalige Redakteurin Gitti Hentschel: Frauen wie sie seien „in die prüde oder zensurfreundliche Ecke“ gestellt worden, erzählte sie Jahrzehnte später in der linken TAZ.

Missbrauchs-Skandale

Bis weit in die 80er-Jahre versuchten Teile der Grünen den Missbrauchsparagraf 176, der Sex mit Minderjährigen unter Strafe stellt, abzuschaffen oder abzumildern. Die sogenannten „Stadtindianer“, für die „einvernehmlicher Sex“ mit Kindern zum Selbstbestimmungsrecht gehörte, waren auf vielen Grünenparteitagen dabei.

Dennoch war Pädophilie und Missbrauch lange kein öffentlich und breit debattiertes Thema, weder in Familien noch in Schulen, Internaten, Kirchen oder Kinderheimen. Das änderte sich erst schlagartig in den letzten Jahren mit der Aufdeckung der Missbrauchsskandale der katholischen Kirche und in der Odenwaldschule, deren Schüler auch Cohn-Bendit war.

Bei den Grünen fand eine politische Auseinandersetzung darüber zunächst kaum statt. Doch als sich 1985 die Grünen in Nordrhein-Westfalen auf ihrem Landesparteitag für die Straffreiheit von Sexualität mit Kindern aussprachen, gab es Proteste aus der Basis und der Bevölkerung, die Grünen verloren krachend die Wahl. Spätestens in den 90er-Jahren gab es bei den Linken und auch bei den Grünen keine Sympathien mehr für Päderasten-Positionen, das Thema schien abgeräumt.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Bis zur Affäre um den Ur-Grünen Daniel Cohn-Bendit. Zwar hat ihm noch nie jemand einen konkreten Vorwurf gemacht, nie wurde er von einem ehemaligen Zögling des Missbrauchs konkret bezichtigt. Bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises sagte er: „Kritisiert mich für das, was ich geschrieben habe, aber jagt mich nicht für etwas, das ich nicht getan habe.“

Dennoch sehen sich die Grünen durch die anhaltenden Vorwürfe genötigt, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein unabhängiger Wissenschaftler soll herausarbeiten „wie lange und in welchem Umfang Gruppen, die völlig inakzeptable pädophile Forderungen nach Straffreiheit für Sexualität von Erwachsenen mit Kindern vertreten haben, innerhalb der Partei wirken konnten“, sagte Fraktionschef Trittin.