Mit dem Tod von Anneliese Brost endet eine Ära

Ulf Meinke
WAZ-Weihnachtsfeier in Bochum: Erich Brost, Jakob Funke (mit Zigarette) und Anneliese Brinkmann.
WAZ-Weihnachtsfeier in Bochum: Erich Brost, Jakob Funke (mit Zigarette) und Anneliese Brinkmann.
Foto: WAZ

Essen. Es begann mit der Lizenz Nummer 192. Sie hängt noch heute im Büro von Anneliese Brost. Die Gesellschafterin der WAZ-Mediengruppe, die im Alter von 90 Jahren gestorben ist, war seit der ersten Stunde der Zeitungsgründung 1948 dabei. Mit ihrem Tod endet eine Ära.

Mit der Lizenz 192 erlaubte es die britische Militärregierung dem damals 44 Jahre alten Journalisten Erich Brost nach Kriegsende, eine unabhängige Zeitung im Ruhrgebiet zu gründen. Anneliese Brost war zu dieser Zeit und in den Jahren darauf die rechte Hand des Verlegers. Sie hat als Akteurin und Zeitzeugin miterlebt, wie die größte Zeitung des Reviers praktisch aus dem Nichts entstand.

Erich Brost hatte sein Handwerk in den 20er-Jahren als Volontär in der Redaktion der Danziger Volksstimme gelernt, einer sozialdemokratischen Tageszeitung, die Widerstand leistete, als die Nazis die Kontrolle übernahmen. Brost musste aus Danzig fliehen und ging zunächst nach Schweden. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs sammelte er Erfahrungen in der Nachrichtenredaktion des deutschsprachigen Dienstes der BBC in London.

Von 1946 bis 1947 war Brost der erste Chefredakteur der Neuen Ruhr Zeitung in Essen. Einen Partner für die Gründung der WAZ fand er im kaufmännisch begabten Essener Journalisten Jakob Funke, der damals 46 Jahre alt war. Leicht waren die ersten Stunden der WAZ nicht. „Wir hatten kein Geld und keine Leute“, erzählte Anneliese Brost einmal rückblickend. Papier war rar. Mehrere Redakteure teilten sich eine Schreibmaschine.

Angelsächsische Vorbilder

Brost formte die WAZ zu einer Zeitung nach angelsächsischem Vorbild. „Oberstes Gebot ist sorgfältige Berichterstattung“, schrieb er 1948 in einer „Anweisung an die Korrespondenten“. „Grundsätze: Immer interessant und spritzig und immer leicht lesbar.“ Und: „Gründlichkeit und Tiefe sind nicht mit Langeweile identisch.“ Die redaktionelle Arbeit war Brosts Herzensanliegen.

Im Laufe der Jahre vereinbarten die beiden Zeitungsgründer eine Arbeitsteilung. Funke kümmerte sich um die Geschäfte des Verlags, die Redaktion leitete Brost, der bis 1970 Chefredakteur und bis zu seinem Tod 1995 WAZ-Herausgeber blieb. Funke war bis zu seinem Tod im Jahr 1975 Gesellschafter, Herausgeber und Verlagsleiter.

Dass die Westdeutsche Allgemeine eine überparteiliche Zeitung sein sollte, stand in den Grundsätzen, auf die sich die beiden Gründer geeinigt hatten. Der Erfolg der WAZ bestand schon früh darin, das Sprachrohr des Ruhrgebiets zu sein. Als regionale Zeitungsgruppe mit zahlreichen Lokalausgaben wurde der Verlag groß. Die WAZ entwickelte sich zur auflagenstärksten deutschen Regionalzeitung. Mit der Übernahme weiterer Zeitungstitel stärkte die WAZ-Gruppe ihre Stellung auf dem deutschen Medienmarkt.

Das WAZ-Modell

1973 übernahm die WAZ die Westfalenpost (WP) mit Sitz in Hagen, zwei Jahre später beteiligte sie sich mehrheitlich an der Westfälischen Rundschau (WR) mit Sitz in Dortmund und 1976 an der Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung (NRZ) in Essen.

In der Branche viel beachtet wurde das so genannte WAZ-Modell. Westdeutsche Allgemeine Zeitung, NRZ, WR und Westfalenpost bildeten eine Pressegruppe mit gemeinsamen Vertriebs-, Anzeigen- und Druckhausaktivitäten, die gleichzeitig publizistische Vielfalt ermöglichte. „Nur wirtschaftlich unabhängige Zeitungen sind freie Zeitungen“, lautet nach wie vor das Selbstverständnis der WAZ-Gruppe. Erich Brost schrieb bereits 1958: „Weil wir unabhängig von fremden Finanzkräften und parteipolitischen Richtungen sind, deshalb nennen wir uns mit Stolz eine unabhängige Zeitung, nicht weil wir uns frei von den besten europäischen Traditionen, der christlichen, der liberalen und der sozialistischen, fühlen.“

Die nordrhein-westfälische Zeitungsgruppe wurde zur Keimzelle eines europäischen Medienkonzerns, der rund 17 000 Mitarbeiter beschäftigt. Zur WAZ-Gruppe gehören mittlerweile 30 Tages- und 19 Wochenzeitungen sowie 189 Publikums- und Fachzeitschriften, 100 Anzeigenblätter und 400 Kundenzeitschriften. Im Magazinbereich besitzt die WAZ-Gruppe unter anderem die Titel „Gong“, „TV direkt“, „die aktuelle“ und „Frau im Spiegel“. In Albanien, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Österreich, Russland, Serbien und Ungarn ist das Unternehmen aktiv. In Deutschland gibt die WAZ-Gruppe zehn Tageszeitungen in NRW, Thüringen und Niedersachsen heraus. Im Internet setzt sie auf ihr Nachrichtenportal DerWesten und treibt damit auch den Wandel voran, der mit schrumpfenden Zeitungsauflagen und der wachsenden Bedeutung von Online-Medien verbunden ist.

„Die Prinzipien meines Mannes“

Anneliese Brost achtete angesichts der rasanten Veränderungen stets darauf, dass der Geist der Gründer weiterhin in der WAZ lebt. „Ich wünsche mir, dass der journalistische Geist und die Prinzipien meines Mannes immer wieder belebt und gefestigt werden“, sagte sie vor wenigen Tagen in einem großen WAZ-Interview.

Seit ihrer Gründung befinden sich die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und die WAZ-Gruppe in Familienbesitz. Eigentümer sind die Nachfahren von Erich Brost und Jakob Funke. Wie WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach erklärte, ist die Tradition der Familie Brost als WAZ-Gesellschafter durch eine testamentarische Verfügung von Erich Brost gesichert.