Lernen unterm Kreuz - Eltern setzen auf christliche Schulen

Schwester Ulrike leitet das traditionelle BMV-Gymnasium in Essen. Das Namenskürzel der Ordensschule steht für Beatae Mariae Virginis. Foto:Knut Vahlensieck
Schwester Ulrike leitet das traditionelle BMV-Gymnasium in Essen. Das Namenskürzel der Ordensschule steht für Beatae Mariae Virginis. Foto:Knut Vahlensieck
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  • Rekord bei Kirchenaustritten, aber konfessionelle Schulen haben großen Zulauf
  • Schulleistungen sind unterm Strich nicht besser als an staatlichen Schulen
  • Eltern erwarten von konfessionellen Schulen stärkere Erziehungsleistung

Essen. Vor Beginn des Konzerts des großen Schulorchesters tritt Schwester Ulrike entschlossen ans Pult. Sie lobt das Engagement der jungen Musiker, bedankt sich bei den Lehrern, die diese Konzerte regelmäßig auf die Beine stellen und wünscht dem Publikum einen bereichernden Abend.

Dass die Leiterin des Essener BMV-Schule ein bodenlanges Habit des Ordens der Augustiner Chorfrauen trägt, das nicht einmal eine kleine Strähne ihrer Haare zeigt, irritiert hier niemanden, schon gar nicht Schüler oder Eltern. Sie wählten bewusst das traditionsreiche Gymnasium, das bis vor drei Jahren eine reine Mädchenschule war und einen guten Ruf genießt.

Es gibt hier viele Dinge, die anders sind. Dazu gehört die Schulkapelle, das Kloster nebenan, die dort lebenden Schwestern, der verpflichtende Religionsunterricht bis zum Abitur oder die Besinnungstage auf dem Abrahamshof in Wolfach im Schwarzwald. Auch Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) machte hier ihr Abitur. Fragt man Eltern oder Schüler, hört man immer wieder Begriffe wie Zusammenhalt, Werte, Geborgenheit, Zuwendung, Gemeinschaft.

Zahl der Kirchenaustritte hoch

Obwohl die Zahl der Kirchenaustritte Rekordhöhen erreichte, wählen viele Eltern weiterhin gezielt eine Schule in kirchlicher Trägerschaft aus. In Nordrhein-Westfalen besuchen 8,25 Prozent der gut 2,5 Millionen Schüler eine Schule in freier Trägerschaft. Ginge es nach den Eltern, wären es deutlich mehr: Nach einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2015 würde gut ein Viertel aller Eltern ihr Kind lieber auf eine Privatschule schicken, wovon konfessionelle Schulen einen Großteil stellen.

Die Nachfrage übersteigt auch in Essen das Angebot: 185 Schüler nahm die BMV Schule im letzten Schuljahr auf, die höchste Zahl aller Essener Gymnasien. „Wir haben aber leider 50 Schüler abweisen müssen“, sagt Schwester Ulrike. Das ist keine Ausnahme: Das Bistum Essen ist Träger von neun Schulen in der Region, hinzu kommen fünf Schulen im Bereich des Bistums, die von anderen katholischen Einrichtungen, etwa Ordensgemeinschaften oder der Caritas, getragen werden – insgesamt 7500 Schüler. „Die Anmeldezahlen sind seit Jahren höher als die Zahl der verfügbaren Plätze“, sagt Bernd Ottersbach, Leiter des Dezernats Schule/Hochschule beim Bistum. Extrem sei es an der Sekundarschule am Stoppenberg: „Wir hatten 300 Anmeldungen konnten aber nur 150 aufnehmen.“

Ein Drittel Muslime

Ähnlich sieht es an Schulen in Trägerschaft der Evangelischen Landeskirche Westfalen aus: An der Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck zum Beispiel hätte man die 140 freien Plätze leicht zweimal füllen können, berichtet Schulleiter Volker Franken.

Die Gründe für den anhaltenden Trend sind schwer zu fassen. An einer üppigeren Ausstattung liege es nicht, betonen Eltern und Lehrer. Diese sei vergleichbar mit der an staatlichen Einrichtungen. Für Schulen des Bistums übernehme das Land die Personalkosten zu 94 Prozent, bauliche Investitionen seien Sache der Kirche. „Private Schulen sind im Regelfall nicht besser aufgestellt als staatliche“, bestätigt der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm, er sagt: „Wir wissen aus Studien, dass Eltern von konfessionellen Schulen eine stärkere Erziehungsleistung erwarten.“ In besseren Schulleistungen schlage sich dies aber insgesamt nicht nieder, ergaben Studien, die anhand der Pisa-Daten öffentliche und private Schulen verglichen, berichtet Klemm.

Eine Form von Herzlichkeit

Auch an der evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck ist Religionsunterricht Pflicht. Bis zur achten Klasse lernen die Konfessionen getrennt, anschließend gemeinsam, um den Dialog zwischen den Religionen anzuregen. „Ein Drittel unserer Schüler sind Muslime“, sagt Schulleiter Volker Franken. Den großen Zulauf erklärt er sich zum Teil mit dem Gesamtschulangebot in einem „schwierigen Stadtteil“, zum anderen mit der christlichen Werteorientierung. „Für die Eltern ist die religiöse Ausrichtung der Schule sehr wichtig“, erlebt Franken immer wieder. Und das, obwohl in der Stadt die Religionszugehörigkeit insgesamt sinke. Auch Schwester Ulrike sagt: „Mir begegnen Eltern mit einem hohen Wertebewusstsein. Auch das prägt das Schulklima.“

Lutz Klein, Vorsitzender der Schulpflegschaft der katholischen BMV-Schule in Essen, kann das nur bestätigen. Es gehe um das, was Schule jenseits des Unterrichtsstoffs vermitteln könne. „Es gibt an der BMV eine bestimmte Form von Herzlichkeit, Offenheit, Verbindlichkeit und Dialogbereitschaft. Die Atmosphäre ist einfach sehr positiv.“ Was sich wiederum auf die Elternarbeit und das Schulleben auswirke.

Dass drei Schwestern im strengen Ordenshabit unterrichten, störe die Schüler und Schülerinnen nicht. „Die sind stolz auf ihre Schule.“ Und wenn beim Schulfest eine Schwester ihr bodenlanges Gewand hebt und mitkickt, fänden das die Kinder einfach nur cool.

 
 

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