Kein Sprit für Rechtsextreme: C-Star hat Problem in Tunesien

Müssen sie bald nach Diesel rufen? Auf diesem Foto gab die Crew der C-Star eine Nachricht an die „Aquarius" der Organisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen durch, schrieben sie. Das Foto wird jetzt auf Twitter für Spott genutzt.
Müssen sie bald nach Diesel rufen? Auf diesem Foto gab die Crew der C-Star eine Nachricht an die „Aquarius" der Organisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen durch, schrieben sie. Das Foto wird jetzt auf Twitter für Spott genutzt.
Foto: Twitter/DefendEuropeID
Fischer ließen sie nicht tanken, nun liegen die Rechtsextremen mit der C-Star unbewegt im Meer vor Tunesien. Wie lang reicht der Sprit?

Tunis.  Bei den einen liest sich auf Twitter Häme heraus, Sorge bei den anderen, die die gegen Migranten gerichtete Aktion unterstützen: Muss die Aktion „Defend Europe“ rechtsextremer Aktivisten Schlepperdienste in Anspruch nehmen? Eine Blockade in Tunesien und die lange Liegezeit des Schiffes C-Star sorgen für Spekulationen, der Sprit könnte zur Neige gehen. Vom Ende der Mission war aber schon mehrfach verfrüht die Rede.

Dass die Mitglieder der Identitären Bewegung wirklich auf dem Meer mit leerem Tank liegen bleiben, halten Fachleute für unrealistisch. Unsere Redaktion hat mit europäischen Reedern gesprochen, die auf die Bergung und das Schleppen von Schiffen spezialisiert sind.

In Tunesien starker Widerstand

Die C-Star lag am Dienstag bis zum Nachmittag unbewegt im Meer, nachdem sie zuvor beim Kurs auf tunesisches Festland abgedreht hatte. Dort hatten Fischer erklärt, dass die C-Star in den Häfen von Zarzis und Sfax keinen Sprit bekommen wird.

Am Montag schloss sich der 2015 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete tunesische Gewerkschaftsdachverband UGTT der Blockade an: „Lasst nicht das Rassismus-Schiff die Häfen besudeln!“, hieß es in einem Aufruf. „Vertreibt sie, wie es eure Brüder in Zarzis und Sfax getan haben!“, hieß es. Von dort hatte eine italienische Journalistin Fotos getwittert.

Doch über kurz oder lang muss das Schiff nicht nur Lebensmittel aufnehmen, sondern auch tanken. Die Besatzung selbst hat auf eine Anfrage unserer Redaktion nicht geantwortet, aber auf Pannenhilfe auf See spezialisierte Unternehmen haben unserer Redaktion ihre Einschätzung abgegeben. Der Vertreter eines der führenden europäischen Unternehmens hat dabei Einblicke gegeben unter der Bedingung, dass sein Unternehmen nicht genannt wird.

Sind die Tanks der C-Star leer?

Das erwarten die Fachleute eher nicht. Das Schiff hat einen Tank von 35 Kubikmetern Fassungsvermögen, erklärt ein Bergungsexperte. Mit 35.000 Litern habe es eine Reichweite von 3000 nautischen Meilen, „wenn da nicht der Hebel auf Anschlag liegt.“ 3000 nautische Meilen entsprechen mehr als 5500 Kilometern. Seit dem letzten Tankstopp in Famagusta vor dem Ablegen am 28. Juli im türkischen Teil von Zypern ist das Schiff noch keine 3000 Kilometer gefahren. Andreas Wulf, Geschäftsführer der Cuxhavener Otto Wulf GmbH & Co. KG, sagt: „So ein Schiff fährt locker 14 Tage mit normaler Marschfahrt, wenn die See nicht ganz schwer ist.“ Hilgenfeld von FleetMon sagt, bei einer Geschwindigkeit von 9 Knoten brauche der 883KW-Diesel grob geschätzt am Tag etwa zwei Tonen für 400 Kilometer. Unklar ist, ob das Schiff auf Zypern voll getankt wurde. Medien dort berichteten, der Tankvorgang habe 40 Minuten gedauert – Volltanken bei leerem Tank kann vier Stunden dauern.

Der Vertreter des Berge-Unternehmens sagt, jeder vernünftige Kapitän mache eine Reiseplanung, „dass man sicher einen realistischen Hafen erreicht. Im Zweifelsfall humpelt er auf einem Bein nach Malta, da sollte es möglich sein, auch bei großer Medienaufmerksamkeit irgendwie an Diesel zu kommen.“

Wenn die C-Star sich an die Verfolgung anderer Schiffe macht, schnellt der Verbauch aber nach oben. Am Sonntag war bekannt geworden, dass die C-Star der „Aquarius“ sehr dicht gefolgt war, bis die sich abgesetzt hatte. Über Funk hatten die Aktivisten die Besatzungen der „Aquarius“ und der spanischen „Golfo Azzuro“ aufgefordert, auf das Gebiet im Mittelmeer zu verlassen. Die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) würden mit den Schleppern zusammenarbeiten. In einem Funkspruch hieß es: „Wir werden euch überwachen. Die Zeiten, als niemand sah, was ihr macht, sind vorbei.“

Was passiert, wenn der Tank leer ist?

Die Hauptmaschine fällt zuerst aus, die auch Strom für ein 400-Volt-Bordnetz liefert. Für eine Übergangszeit gebe es dann noch ein 24-Volt-Notstromnetz, das zum Betrieb des Funks und der Positionslampen diene. Dazu sagt Wulf: „In der Regel kann ein Schiff so einige Tage überstehen, je nach Proviantlage“.

Ein Regionalverband italienischer Widerstandskämpfer des Dritten Reichs twitterte ein Foto mit Sprechblasen mit dem Text „Kein Treibstoff. Kein Wasser. Kein Essen.“

Bereits mit dem Ausfall der Maschine verliert ein Schiff seine Steuerfähigkeit und vertreibt durch Wind und Strömung, sagt Carsten Hilgenfeld, Leiter Forschung und Entwicklung bei FleetMon.com, Spezialist für Informationen zu Schiffsbewegungen und Positionsdaten. „Wenn das Schiff ankert, ist das nach dem Ausfall aller Systeme in so weit ein Problem, als dass es keine Positionslichter mehr gibt, Radar und Funkgeräte ausfallen und der Anker nicht mehr gehoben werden kann. Der Kapitän müsse dann entscheiden, ob er Seenot funkt oder eine Dringlichkeitsmeldung.

Ankern, erklärt der Chef der Schleppreederei, die nicht genannt werden soll, sei auch nur bei Wassertiefen von weniger als 40 Metern möglich. Das dürfte nur auf dem Küstenschelf möglich sein, ein Schiff müsse also dazu in die jeweiligen nationalen Hoheitsgewässer. Dann würden die Behörden das Schiff aufbringen und Garantieleistungen fordern. Es sei denkbar, dass ein Kapitän dann wegen „unseemännischen Verhaltens“ vor Gericht lande.

Kann ein Schiff auch auf See betankt werden?

Offshore-Betankung ist möglich, Bohrinseln werden so von großen Schiffen von 17, 80 Metern Länge versorgt. Auch vor Zypern war die C-Star auf See von einem anderen Schiff betankt worden. „Es steht jedem frei, sich an einen Offshore-Versorger zu suchen. Aber das kostet irrsinnig viel Geld“, so der Chef des großen Bergeunternehmens. 40.000, 50.000 Euro seien dann gar nichts für eine Betankung der C-Star. Und: Unternehmen scheuten das Risiko einer Ölverschmutzung. „In tunesischen Gewässern ist dann die Messe gelesen, das kann unmittelbaren Arrest für Verantwortliche beider Schiffe bedeuten.“

Wie würde eine Bergung bei leerem Tank ablaufen?

„Professionelle Berger fassen das nicht an“, sagt der Schleppreeder, der mit seinem Unternehmen nicht genannt werden will. Es sei kein vernünftiger Schlepper in der Gegend, es müsse dann jemand aus Malta kommen. Das Schiff sei mit 42 Jahren schon recht alt, der Wert liege vielleicht bei 300.000 Dollar. „Zu geringwertig. Da kommt nur jemand, wenn die Versicherung die Kostendeckung zusagt oder wenn vor dem Erreichen des Hafens schon gezahlt wird.“ Deshalb sei es so unwahrscheinlich, dass die Crew tatsächlich den Tank leer fahre. Wulf sagt, die Preise für eine Bergung variierten sehr stark von Land zu Land. Ein Schlepper für ein Schiff der Größe der C-Star koste zwischen 6000 und 12.000 pro Tag vom Abgangshafen zum Abgangshafen.

Was kostet das Betanken im Hafen?

Der gängige Preis für 35.000 Liter liege zwischen 15.000 und 20.000 Euro, so der Reeder. Es sei aber fraglich, ob die C-Star-Besatzung zum normalen Preis tanken könne. Denkbar sei auch, dass das Schiff nachts mit einem Rettungsboot mit einer kleinen Menge beliefert werde. „Irgendwann gibt es auch jemanden, der weich wird, wenn das Geld stimmt, die werden an Sprit kommen.“ Ein österreichisches Crew-Mitglied hatte sich bereits nach dem Tanken in Zypern bitter beschwert, man werde abgezockt. Die Kosten würden dadurch explodieren, weil man Treibstoff nur viel teurer bekommen habe. Er hatte deshalb um weitere Spenden gebeten.

Was sagt die C-Star-Crew zu Situation?

Auf dem Account der Crew auf Twitter herrschte am Montag bis zum Abend Funkstille, dann wurde eine Mitteilung verbreitet, die NGOs würden durch den Einsatz der C-Star „immer desillusionierter“. Auf eine Anfrage unserer Reaktion zum Thema Tanken kam keine Antwort. In der vergangenen Woche hatte ein Besatzungsmitglied ein Interview abgebrochen , als er offenbar keine Antwort auf Fragen zum Ablauf von Rettungseinsätzen hatte.

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