Frauen und Migranten bekommen seltener Stipendien

Christopher Onkelbach
Weit mehr als 2000 Stipendienprogramme gibt es für Studierende, nicht für alle muss man nur erstklassige Leistungen vorweisen. Auch soziales Engagement oder sogar ein Aussteigerjahr werden gefördert.
Weit mehr als 2000 Stipendienprogramme gibt es für Studierende, nicht für alle muss man nur erstklassige Leistungen vorweisen. Auch soziales Engagement oder sogar ein Aussteigerjahr werden gefördert.
Foto: Kerstin Kokoska
Eine Studie zeigt: Frauen und Migranten bewerben sich seltener auf Stipendien und werden häufiger abgewiesen. Akademikerkinder haben meist Erfolg.

Essen. Dass in Deutschland nicht nur Talente und Fähigkeiten über den Erfolg auf dem Bildungsweg entscheiden, sondern vor allem die soziale Herkunft, haben viele Untersuchungen belegt. Offenbar setzt sich dieses Problem bei der Stipendienvergabe für Studierende fort. Die Befragung der Initiative für transparente Studienförderung (ItF), die die Plattform www.myStipendium.de betreibt, und der Stiftung Mercator brachte dies erstmals in diesem Umfang ans Licht. Ein Fazit: Im deutschen Stipendienwesen mangelt es an Chancengerechtigkeit.

Nach der Studie haben Frauen und Studierende mit Migrationshintergrund deutlich geringere Chancen, ein Stipendium zu erhalten als Männer. Am meisten Erfolg haben Studenten, die aus Akademikerfamilien stammen. Sie dominieren das Stipendienwesen, ergab die Studie. Sie versenden nicht nur mehr Bewerbungen, sondern haben zugleich auch mehr Erfolg damit. 41 von 100 Bewerbungen von Akademikerkindern bekommen den Zuschlag, bei Kindern von Eltern, die nicht studiert haben, sind es nur 34.

Verwirrende Vielfalt

Die Schere öffne sich von zwei Seiten, erklärt Oliver Döhrmann von der Stiftung Mercator. Arbeiter- oder Migrantenkinder bewerben sich seltener um ein Stipendium. Vielfach sind sie über ihre Möglichkeiten nicht informiert. Zugleich aber werden ihre Bewerbungen auch häufiger abgewiesen als jene von Akademikerkindern. Dies liege zum Teil an bestehenden Vorurteilen auf Seiten der Stipendiengeber, zum anderen am Unwissen der Bewerber. Es gebe eine Vielzahl von Stiftungen, die von der Begabtenförderung bis zum religiösen oder sozialen Engagement junge Menschen unterstützen – welche ist die richtige? „Allein auf der My-Stipendium-Plattform gibt es mehr als 2000 Anbieter. Wer will da durchblicken?“, sagt Döhrmann.

Einen besonderen Fokus legt die Studie auf das Ruhrgebiet. „Hier ist die Situation noch verschärft“, erklärt Döhrmann. So liege die Stipendiatenquote von Studierenden mit Migrationshintergrund deutliche 40 Prozent unter der Quote von deutschstämmigen Studierenden. Im Bundesdurchschnitt betrage die Differenz lediglich zehn Prozent. Auch die Kluft zwischen den Geschlechtern sei im Revier größer. Unter Studentinnen finden sich demnach fast ein Viertel weniger Stipendiatinnen als unter Studenten. Damit sei der Unterschied zwischen den Geschlechtern dreimal höher als im Bundesdurchschnitt.

Etwa fünf Prozent aller Studierenden haben ein Stipendium. Anders als beim Bafög muss das Geld nicht zurückgezahlt werden. Die Fördersumme reicht bis zum Bafög-Höchstsatz von 735 Euro. Döhrmann: „Das ist geschenktes Geld.“