Die Probleme einer „Brennpunkt-Schule“ im Ruhrgebiet

Die Anforderungen an sie und ihre Kollegen in der „Brennpunkt-Schule“ sind enorm: Schulleiterin Julia Gajewski, Leiterin der Gesamtschule Bockmühle und der didaktische Leiter Reto Stein.
Die Anforderungen an sie und ihre Kollegen in der „Brennpunkt-Schule“ sind enorm: Schulleiterin Julia Gajewski, Leiterin der Gesamtschule Bockmühle und der didaktische Leiter Reto Stein.
Foto: Essen
Die Lehrer an der Essener Gesamtschule Bockmühle kämpfen mit zahllosen Problemen. Dennoch halten sie an ihrem Ziel fest: Kein Kind zurücklassen.

Essen.. Die Sonne scheint tief durch die Fenster, Julia Gajewski blinzelt gegen das Licht. Sie steigt auf einen Stuhl, klettert von dort auf die Fensterbank und zieht das klemmende Rollo mit der Hand herunter. Was zweierlei zeigt: Die Direktorin der Gesamtschule Bockmühle packt ohne Umschweife selbst an; und der Zustand des Gebäudes ist bedauerlich. Essens erste Gesamtschule eröffnete 1972. Was man sieht. Viel mehr als ein frischer Anstrich wäre hier nötig. Die Schule liegt in Altendorf, ein Stadtteil, den man „sozial schwierig“ nennt, „Brennpunkt“ trifft es besser. Etwa die Hälfte der 1500 Schüler stammt aus Familien, die von Hartz IV leben, so die Direktorin, die Schülerschaft setzt sich aus 50 Nationalitäten zusammen, den Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund beziffert sie auf 70 Prozent. In vielen Familien ist Deutsch eine Fremdsprache.

Das Land teilt die Schulen in Sozial-Kategorien ein, um Ergebnisse von zentralen Prüfungen besser gewichten zu können. Typ eins bedeutet: bürgerliche Gegend. Die Gesamtschule Bockmühle ist Kategorie fünf. „Wenn es das gäbe, wären wir in Kategorie sieben“, sagt Julia Gajewski trocken, die in Jeans und Kapuzenpulli dem Bild einer typischen Schuldirektorin so gar nicht entspricht. Der schlechte Ruf der Gegend färbe auf die Schule ab, Messerstechereien, sogar eine Schießerei mit einem Boxer in einem Döner-Laden gab es kürzlich, Prügeleien von libanesischen Clans auf dem Supermarktparkplatz um die Ecke – das alles prägt das Bild des Stadtteils, in dessen Zentrum die Schule liegt.

Fast alle haben eine Hauptschulempfehlung

95 Prozent der Kinder kommen mit einer Hauptschulempfehlung zur Bockmühle, der Notendurchschnitt ist mäßig. Von den rund 100 neu angemeldeten Schülern lagen nur acht besser als 2,7, der Rest darunter, sagt sie. „Viele Kinder hatten schon in der Grundschule Probleme mit Schreiben, Rechnen, Sprechen und ihrem Benehmen“, sagt die engagierte Lehrerin. „Ein Kind, das eine Sechs im Sprachgebrauch hat, da würde ich sagen: Es kann nicht sprechen. Das alles sind Probleme, die ein Gymnasium im Essener Süden nicht hat.“ Dieser Schüler gehört dann wohl zu den rund zehn Prozent eines Jahrgangs, bei denen im Nachhinein ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wird.

Julia Gajewski, seit 16 Jahren Lehrerin an der Bockmühle, spricht von Kindern aus der „Parallelgesellschaft“, aufgewachsen in Essen-Altendorf, aber zu Hause in einer anderen Kultur, einer anderen Sprache, „das ist halt wie Chinatown“. Vielfach hineingeboren in die Erfahrung, dass das Geld zum Leben vom Amt kommt, ohne viel Anregung, Bildungsehrgeiz oder Eigeninitiative, mit Sprach- und Verhaltenproblemen. Pünktlichkeit, Ordnung, ein gewisses Maß an Fleiß – schwierig.

Die Anforderungen an die Lehrer sind enorm. Vom Abiturienten bis zum Förderschüler – die Lehrer wollen allen gerecht werden und versuchen dies mit einem neuen pädagogischen Förderkonzept für die Klassen 5 und 6, in denen die Schüler stärker in Eigenregie den Stoff erarbeiten. „Wir holen die Kinder dort ab, wo sie stehen“, sagt Reto Stein, didaktischer Leiter der Schule. So bringen die Lehrer in jedem Jahrgang immer noch rund 60 Schüler bis zum Abitur, „das ist für uns und die Schüler ein Riesenerfolg, auf den wir immer sehr stolz sind.“

Marodes Haus, zu wenig Personal

„Wir wollen kein Kind zurücklassen. Wir haben aber hier Kinder, die zurückgelassen wurden. Und auch wir werden von der Politik zurückgelassen“, sagt die Direktorin. „Wenn die Kinder uns nicht hätten, dann hätten sie manchmal niemanden, der sich kümmert. Ich verstehe nicht, wieso unsere Arbeit nicht mehr unterstützt wird.“ Es fehle an allen Ecken und Enden. Im Flur zeigt sie auf Kabelstränge, die offen unter der Decke hängen, die meisten Fenster lassen sich nicht mehr öffnen, es fehlt an Computern und vor allem an Lehrern, Sonderpädagogen, Integrationshelfern. Das Kollegium leiste eine gute pädagogische Arbeit, müsse sich zusätzlich aber oft mit Eltern auseinander setzen und die Erzieherrolle übernehmen – die Belastungsgrenze sei längst erreicht. Dennoch: „Die Kinder sind es wert, dass wir uns einsetzen und sie einen Abschluss schaffen“, sagt sie. „Denn was ist die Alternative?“

Nein, die Lehrer seien alle Überzeugungstäter, sonst würden sie den Job nicht durchhalten, sagt die Direktorin. „Ich möchte nicht woanders arbeiten.“ Aus voller Überzeugung sei sie Leiterin einer Gesamtschule und sie wünschte sich, dass es nur diese eine Schulform gäbe im Land, „damit alle Kinder eine faire Chance bekommen“.

Ein Spruch, der sie fast ihr ganzes Lehrerleben begleitet hat, stammt von ihrem Vorgänger, Schulchef Klaus Prepens: „Man nehme, was man hat und tue, was man kann.“ Julia Gajewski lächelt: „Ich kann den Satz eigentlich nicht mehr hören. Aber er ist ja wahr.“

 
 

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