Veröffentlicht inPolitik

Die lustigsten Patzer und Versprecher deutscher Politiker

Edmund-Stoiber.jpg
Ehrenvorsitzender der CSU Edmund Stoiber spricht am Aschermittwoch 18 02 2015 in der Dreilaenderha Foto: imago (Archivbild)
Gregor Gysi pinkelt live „on air“ und bei Edmund Stoiber versteht man nur Bahnhof: Wie Politiker uns bisweilen unfreiwillig zum Schmunzeln bringen.

Essen. 

Blamieren sich unsere Politiker mal richtig schön? Noch besser: Bringen sie uns auch mal unfreiwillig zum Schmunzeln? Selten, beklagen sich viele mit dem Blick auf dröge O-Töne. Dabei stimmt das nicht. Die Geschichte wimmelt nur so von Pleiten, Pech und Pannen. Man darf nur nicht die besten Auftritte verpassen.

Wie den Gregor Gysis 2014. Mitten in einer Diskussionsrunde „Die Suche nach der Zukunft“ in Stuttgart muss er, ganz menschlich, mal dringend austreten. Was er nicht merkt: Der Techniker passt nicht auf, und Gysi schleppt das eingeschaltete Mikro mit. So vernehmen die versammelten Zuhörer zunächst seine höfliche Frage „Ist hier unten irgendwo ’ne Toilette?“. Ein hilfreicher Geist zeigt ihm den Weg: „Hier – an der Wand lang“. Im Plenum hört man die quietschende Tür, und dann bekommt das Publikum live die plätschernde Erleichterung mit.

„Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München … „

Nun gut. Die derzeitige Politiker-Generation erspart sich gerne solche humorvolle Einlagen. Das ist verständlich, war aber auch mal anders. Unsterblich – das Internet gibt gerne dazu Auskunft – hat sich Edmund Stoiber beim Versuch gemacht, zu erklären, wie man mit neuartigen Verkehrsmitteln München über Hauptbahnhof und Flughafen besonders schnell verlässt. Ein Stück Originalton:

„Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde am Flughafen, am , am Hauptbahnhof in München starten Sie ihren Flug. … Wenn Sie vom Flug vom vom Hauptbahnhof starten – Sie steigen in den Hauptbahnhof ein, Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in an den Flughafen Franz-Josef Strauß. Dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in München. Das bedeutet natürlich, dass der Hauptbahnhof im Grunde näher an Bayern… an die bayerischen Städte heranwächst, weil das ja klar ist, weil auf dem Hauptbahnhof viele Linien aus Bayern zusammenlaufen“.

Alles klar? Jedes Navi wäre besser. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident macht heute gar keinen Hehl über seinen misslungenen Reisebericht und nimmt sich selbst auf die Schippe. Andere Christsoziale vor ihm hatten damit größere Probleme. Und damit machen wir jetzt einen großen Zeitsprung zurück ins Jahr 1971. Wir sind mitten in der Ära des legendären Shootingstars Franz-Josef Strauß.

Franz Josef und die „dürre greißlige Henn“

Beim deutschen Generalkonsulat in New York meldet sich im Frühjahr die Polizei. Ein „Josef Straub“, abgestiegen im Plaza-Hotel, sei in der Nacht von drei Frauen, „zwei Negerinnen und einer Weißen“ überfallen und um ein Portemonnaie mit 180 Dollar sowie 300 Mark erleichtert worden. „Er gab an“, berichtete der Polizist, „Mitglied des deutschen Parlaments zu sein“. Mehr Klarheit kam etwas später. Da korrigierte die New Yorker Polizei den Vornamen des Opfers in „Franz Josef“, und der sei auch vom Bürgermeister empfangen worden. Dem Generalkonsul dämmerte es fürchterlich. Er meldete alles schnell nach Bonn.

Was macht ein bayerischer Spitzenpolitiker nachts um viertel vor drei auf der Straße, die die New Yorker Cops „Prostitute Avenue“ nennen? Bierdurst, wie der „Spiegel“ unschuldig fragte? Gar nichts, er sei beim „Luft schnappen“ von den drei Girls belästigt worden, gab FJS später an: „Mit raffiniertem Griff ist die mir in die Hosentasche gefahren“. Einem Freund gegenüber offenbarte er sein Erstaunen über die Attacke: „Stell dir vor, dass einem so a dürre greißlige Henn, die weit unter einem Zentner wiegt, was tun könnt“.

So, so. Den Spott hatte der schwergewichtige USA-Besucher aus Germany, als er nach Hause kam. Die ganze gegnerische sozial-liberale Regierung konnte sich kaum zurückhalten beim Feixen. Kanzler Brandt meinte zwar: „Das kann jedem passieren“, wobei Bauernminister Ertl (FDP) heftig widersprach: „Mir nicht“. Helmut Schmidt fand, der BND könne vielleicht dahinter stecken. Der SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski („Ben Wisch“) unkte: „Strauß mag ein Nationalist sein, aber Rassist ist er keiner“.

„Wo ist denn eigentlich der Rudolf?“

Der Spott ist das schlimmste, wenn die diplomatisch versierten Damen und Herren in den Sumpf von Pleiten, Pech und Pannen geraten. Und der erwischt auch die SPD. Ihr Verteidigungsminister Rudolf Scharping, der am Ende über einen inszeniertes Pool-Foto mit seiner Freundin Gräfin Pilati sein Amt verlor, erging es schon im Juni 2000 ziemlich übel. Mit seiner eigenen Bundeswehr-Ministermaschine wollte er zum Gipfel nach Lissabon fliegen. Die Begleitmannschaft des IbuK („Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt“) kletterte in den Jet. Die Türen schlossen sich. Die Crew gab Gas – und hob pünktlich ab. Scharping guckte unten den heulenden Triebwerken nach. Man hatte ihn einfach vergessen. Erst als an Bord ein Ministermitarbeiter fragte „Wo ist denn eigentlich der Rudolf?“ bemerkten sie die Panne. Das Flugzeug drehte um, der Minister durfte einsteigen. Scharping war not amused.

Sowas ist dem Dauerflieger und Langzeit-Außenminister Hans-Dietrich Genscher natürlich nie passiert, auch wenn er gerne augenzwinkernd behauptet, er sei sich mehrfach über dem Atlantik selbst begegnet. Aber die Sache mit seinen Ohren hat er doch irgendwie dementiert.

Mai 1990. Dr. Franz Gsell ist der berühmteste Schönheits-Chirurg der Republik. Jetzt behauptet er frech, der Minister mit den großen abstehenden Ohren, Genscher eben, habe sich dieselben bei ihm per OP flach anlegen lassen. Wie viel Eitelkeit ist denn da im Spiel?, fragt das Volk. Die „Bild“-Zeitung liefert Vorher-Nachher-Fotos, die Deutschen sind also sicher: Ja, der Genscher hat es getan so wie sich andere den Busen größer machen lassen. Hat er? „Ich vermute, es hängt damit zusammen, dass man sich im Alter öfter mal aufs Ohr legt“, ließ der Außenminister später verlauten. Dementi klingen anders.

„Du intrigantes Schwein“

Überhaupt: Große Ohren sind in der Politik wichtig, vor allem, wenn man sie dort einsetzt, wo sie eigentlich nicht hingehören. Wir sind jetzt im Jahr 1992 und, welch Wunder, wieder bei der FDP. Genscher ist abgetreten. Es geht um seine Nachfolge. In der Partei tobt ein erbitterter Kampf um den Posten. Macht Irmgard Schwätzer das Rennen?

Als die Fraktion, anders als die Partei, gegen Schwätzer und für Klaus Kinkel stimmt, kommt es auf dem Tagungsflur in Münster zu einem bemerkenswerten Showdown. Sie mutmaßt, ihr Partei-Feind Jürgen Möllemann habe heimlich den letzten Schlag gegen ihre Karrierepläne eingefädelt: „Du intrigantes Schwein“, zischt ihm Schwätzer wütend zu – nicht ahnend, dass etwa fünf Paar neugierige Ohren in der Nähe sind. Die kriegen alles mit. Und das Zitat wird bundesweit zum Bonmot über die innere Verfassung der Freidemokraten.

Doch nicht immer bleibt die Blamage nur an den Politikern hängen. Hier und da haben auch Medienschaffende Anlass, rot werden.

Etwa, wenn sie an einem Silvesterabend das Aufzeichnungs-Band mit der Neujahrsansprache des Bundeskanzlers einlegen – und das vom Vorjahr erwischt haben. Kreidebleich verfolgt Helmut Kohl in seinem Haus in Oggersheim, wie er am letzten Tag des Jahres 1986 den Deutschen alles Gute für 1986 wünscht. Die Rede wird zur Lachnummer. Bei der ARD brechen die Telefonleitungen zusammen. Nicht einmal Ede Ackermann, der Intimus des Regierungschefs, kommt durch, um seinen Protest loszuwerden. Viele haben aber nichts gemerkt. Wegen der Ähnlichkeit der Inhalte…

Der falsche Gerhard Schröder

Noch viel peinlicher ist es übrigens einem Moderator des WDR in diesen Jahren ergangen. Diesmal spielte die falsche Telefonnummer die entscheidende Rolle. Der spätere Kanzler Gerhard Schröder war noch Oppositionsführer in Niedersachsen. Den wollte unser Mann gerne interviewen. „Wir haben jetzt Gerhard Schröder am Telefon. Guten Morgen, Herr Schröder!“, trötete er fröhlich gegen sechs Uhr früh in den Hörer, „wie sehen Sie…?“ – und kam keine Silbe weiter. „Stimmt schon. Hier ist Gerhard Schröder“, fand die rauchige Stimme eines greisen Herrn, „aber mich wollen Sie doch wahrscheinlich gar nicht“ …

Wahrscheinlich wirklich nicht. Am Apparat war der frühere Bundesaußenminister gleichen Namens aus der Regierung Adenauer zwischen 1953 und 1961. Vielleicht ist er so zu seinem letzten Rundfunk-Auftritt gekommen. Hochbetagt starb dieser Gerhard Schröder 1989.