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Demonstrieren – aber wogegen?

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Foto: Remo Bodo Tietz / WAZ Bildredakt

Die Zeit des Wegsteckens ist vorbei, jetzt wird wieder Flagge gezeigt. Demonstrieren ist angesagt. Aber wogegen?

In Berlin kampierten unlängst Bäuerinnen vor dem Kanzleramt. Sie forderten eine andere Quote – nein, nicht für die Frauen, sondern für die Milch ihrer Kühe. Kurz zuvor hatten tamilische Demonstranten kurzerhand die Autobahn zwischen Essen und Düsseldorf für ein paar Stunden gesperrt, um auf die Lage ihrer Gefährten in Sri Lanka aufmerksam zu machen. Dieser Tage besetzen Studenten ihre Unis. Anders als die 68er vor vierzig Jahren fordern sie zwar nicht die Weltrevolution, aber immerhin größere Hörsäle. Man kann sich ja noch steigern.

Im Ausnahmezustand

Wer in diesen Wochen die Nachrichten in Fernsehen und Presse verfolgt, könnte leicht den Eindruck gewinnen, die Republik befände sich im Ausnahmezustand. Allerorten wird demonstriert, besetzt, lahmgelegt.

Kita-Betreuerinnen streiken für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld. Beschäftigte von Opel und Karstadt und Eon kämpfen um ihre Arbeitsplätze. Selbst die Banker von der WestLB waren sich vor einigen Wochen nicht zu fein, mit Transparenten und Plakaten vor die Zentrale der ums Überleben kämpfenden Landesbank zu ziehen.

Was ist passiert? Alles nur Zufall? Oder hat sich etwas verändert in der Einstellung der Menschen?

Wackersdorf und Mutlangen

Demo – das klang für viele Leute immer irgendwie nach Wackersdorf und Gorleben, Mutlangen und Bonner Hofgarten, nach Anti-Kernkraft- und Friedensbewegung. Demonstranten – das waren für viele „Friedensfreunde” und „Öko-Paxe”, Leute, die es zwar irgendwie gut meinten, aber letztlich eben doch nicht den richtigen Blick auf die Dinge hatten. Und außerdem: Hatten die denn nichts besseres zu tun, mussten die denn nicht zur Schule oder zur Arbeit?

Und nun? Die Demonstration ist auf dem besten Weg, die Schmuddelecke zu verlassen. Die Beispiele der Bäuerinnen und Banker zeigen, dass „die Straße” auch in gesetzten Kreisen an Bedeutung gewinnt.

Allerdings zeigt sich: Die Schwerpunkte haben sich deutlich verschoben. In den 60er, 70er und 80er waren es Vietnam-Krieg oder Nachrüstungsdebatte, die die Massen auf die Straßen brachten. Auch der Golfkrieg Anfang der 90er mobilisierte noch einmal die Friedensbewegung.

Iran kein Thema

Den allermeisten Demonstranten von heute geht es nicht um Frieden schaffen ohne Waffen. Die dramatischen Ereignisse im Iran etwa, so scheint es jedenfalls, regen hierzulande kaum einen Menschen wirklich auf. Ähnlich sah es aus, als vor einigen Monaten Rebellen in Zentralafrika ein Blutbad anrichteten und Zehntausende auf der Flucht waren. Öffentliche Entrüstung? Fehlanzeige! Auch die Welle der Anti-Globalisierungs-Proteste ist schnell wieder abgeebbt.

Stattdessen demonstrieren die Menschen gegen Dinge, die sie hautnah betreffen. Sie gehen auf die Straße, wenn es um ihren Job, ihr Geld, ihre wirtschaftliche Existenz geht. Man mag das kurzsichtig nennen, vielleicht sogar egoistisch. In jedem Fall ist es verständlich.