Das sind die zehn Mordopfer der NSU-Zelle

Zwischen 2000 und 2007 soll die Terrorzelle NSU zehn Menschen in ganz Deutschland ermordet haben. Ab Montag muss sich Beate Zschäpe vor Gericht verantworten.
Zwischen 2000 und 2007 soll die Terrorzelle NSU zehn Menschen in ganz Deutschland ermordet haben. Ab Montag muss sich Beate Zschäpe vor Gericht verantworten.
Foto: Uwe Zucchi/dpa
Zehn Morde werden dem  „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) zugerechnet. Zwischen dem Jahr 2000 und 2007 starben acht türkischstämmige und ein griechischstämmiger Kleinunternehmer und eine Polizistin. Die mutmaßlichen Täter waren Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aus Jena. Ihre Mittäterin soll Beate Zschäpe gewesen sein, obwohl sie wohl an den Morden nicht direkt beteiligt war. Ihr wird  nun in München der Prozess gemacht. Wir beschreiben die Taten, wie sie sich nach Aktenlage der Anklage darstellen.

München.. Insgesamt zehn Morde werden dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) zur Last gelegt. Hier eine Übersicht zu den Taten für die sich Beate Zschäpe ab Montag vor Gericht verantworten muss.

9. September 2000, Nürnberg, Enver Simsek (38): Ein Samstagmittag im Spätsommer vor 13 Jahren an der Liegnitzer Straße in Nürnberg. Der Blumenhändler Enver Simsek sortiert Blumen in seinem weißen Mercedes-Kastenwagen, auf dem sein Name in großen Lettern steht.

Simsek wanderte 1985 nach Deutschland ein und lebte als Fabrikarbeiter in Fulda, bevor die Familie nach Schlüchtern zog. Dort gründete er einen Blumengroßhandel mit einem Fachgeschäft und mehreren mobilen Verkaufsständen. Die Kinder, der Sohn Abdulkerim und die Tochter Semiya, besuchen Internate. Sie sind 13 und 14 Jahre alt.

Die Mörder kommen zwischen 12.45 und 14.45 Uhr. Neun Schüsse fallen, sechs aus der Pistole Ceska 83. Ein Schuss des ersten Täters verfehlt ihn, vier treffen Simseks Kopf, einer die Brust. Nachdem der Händler zu Boden geht, feuert der zweite Täter mit einer Pistole Bruni. Eine der Kugeln bleibt im Kopf stecken und sorgt dafür, dass Simsek zwei Tage später im Krankenhaus sterben wird. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos fotografieren ihr Opfer und verschließen den Transporter.

Semiya Simsek wird, nachdem der wahre Hintergrund der Morde bekannt wird, zum „Gesicht der Opfer“. Sie spricht auf der zentralen Trauerveranstaltung in Berlin, gibt Interviews und ist eine der Nebenklägerinnen im Prozess. Und sie schreibt ein Buch darüber, wie die Ermittler in ihrem Vater einen Drogenhändler vermuteten und ihre Mutter und Verwandten als Verdächtige behandelten.

13. Juni 2001, Nürnberg, Abdurrahim Özüdogru (49)

Die Änderungsschneiderei liegt in einem ruhigen Wohngebiet von Nürnberg, in einem kleinen Laden in der Gyulaer Straße, Ecke Siemensstraße. Abdurrahim Özüdogru, der Inhaber, lebt schon seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Lange Zeit arbeitete er Maschinenarbeiter in Schichten in einem Unternehmen in Röthenbach an der Pegnitz, während seine Frau die Schneiderei betreibt. Als sich das Ehepaar trennt, führt der Mann das Geschäft fort.

Am Mittwoch, dem 13. Juni 2011, es ist wahrscheinlich gegen 16.30 Uhr, betreten die beiden Täter den Laden. Ein erster Schuss aus der Pistole Ceska 83 trifft Özüdogru von vorne im Gesicht und durchschlägt den Kopf. Er sinkt zu Boden, den Oberkörper gegen eine Tür gelehnt. Jetzt tritt der zweite Täter an ihn heran und schießt ihn aus kurzer Entfernung in die rechte Schläfe. Abdurrahim Özüdogru stirbt noch am Tatort als Folge einer zentralen Lähmung. Als ihn ein Passant am Abend gegen 21.25 Uhr entdeckt, ist er schon lange tot.

Auch Özüdogru fotografieren die Täter. Das Bild findet sich auf der Bekenner-DVD. Die Sequenz in dem monströsen Comic: Der Rosarote Panther geht zu einem Geschäft mit dem Schild „Türkische Schneiderei“. Danach sieht man zweimal Licht aufblitzen, dann wird das Foto des Ermordeten eingeblendet. Ein Sprecher sagt. „A. Özüdogru ist nun klar, wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist.“

Özüdogru hinterlässt neben seiner Ex-Frau eine Tochter. Sie ist zum Zeitpunkt des Mordes 19 Jahre alt.

27. Juni 2001, Hamburg, Süleyman Tasköprü (31)

Tatort ist das kleine, nur 24 Quadratmeter große Lebensmittelgeschäft mit dem Namen „Tasköprü Market“ in der Schützenstraße in Hamburg-Bahrenfeld. Es ist Mittwoch, der 27. Juni 2011, kurz vor Mittag. Süleyman Tasköprü hat erst drei Monate zuvor das Geschäft von seiner Familie übernommen. Nun steht er zwischen der Kühltheke und dem Tisch, auf dem die Kasse steht, als eine Kugel aus der Pistole Ceska 83 seine linke Wange trifft und den Kopf durchschlägt. Der Mann geht zu Boden, seine Brille fällt in den Brotkorb. Jetzt schießt ihn der zweite Täter zweimal in den Hinterkopf. Die später gefundenen Schmauchspuren lassen auf aufgesetzte Schüsse schließen. Die Täter fotografieren ihr Opfer, bevor sie flüchten.

Als der Vater, der nur kurz einkaufen war, Süleyman wenig später findet, atmet er noch. Der Vater hält den Sohn, der etwas sagen will; aber die Kraft schwindet. Die Rettungskräfte sind schnell da, doch vergebens. Süleyman Tasköprü stirbt mit 31 Jahren an einer Hirnlähmung, die von den drei Kugeln in seinem Kopf ausgelöst wird. Er hinterlässt eine Lebensgefährtin und seine zur Tatzeit drei Jahre alte Tochter, die von nun an bei seinen Eltern aufwächst.

Auch in diesem Fall gibt es Gerüchte über Drogengeschäfte und Schutzgeld-Erpressungen, zumal die Polizei erkennbar in diese Richtung ermittelt. Als im November 2011 bekannt wird, dass Neonazis hinter dem Mord stecken, herrscht auch in der Schützenstraße Erleichterung. „Ich bin froh, dass nichts an den Gerüchten dran war. Dass Süleyman tatsächlich unschuldig war. Seine Mutter hatte sehr drunter gelitten“, sagt die Betreiberin einer benachbarten Bäckerei der „Hamburger Morgenpost“.

Tasköprüs Mutter Hatice stirbt, bevor das Verbrechen aufgeklärt wird. Der Vater ist in die Türkei zurückgekehrt.

29. August 2001, München, Habil Kilic (38)

In dem „Frischmarkt“ in der Bad-Schachener-Straße werden Lebensmittel, Obst und Gemüse verkauft. Ramersdorf-Perlach ist nicht die teuerste Gegend von München, aber auch nicht die billigste. Ganz in der Nähe, keine 100 Meter entfernt, befindet sich die Verkehrspolizeiinspektion der Münchner Polizeidirektion.

Kilic zog 1989 aus der Türkei seiner Frau nach Deutschland nach. Das Geschäft besitzen sie seit März 2000. Sie haben eine gemeinsame, 12 Jahre alte Tochter. Hauptberuflich arbeitet Kilic auf dem Münchner Großmarkt als Staplerfahrer. Nur wenn die Frau Urlaub nimmt, betreut er tagsüber den Laden.

Am Mittwoch, dem 29. August 2001, steht Kilic hinter dem Holztresen, der sich neben dem Süßwaren-Regal befindet. Es ist Vormittag, kurz nach 10.30 Uhr, als zwei Männer das Geschäft betreten. Einer hat einen Gegenstand mit einer Plastiktüre umwickelt. Es ist die Pistole Ceska 83, aus der sofort geschossen wird. Die Kugel durchschlägt den Kopf von Habil Kilic, der sich trotzdem noch hinter den Tresen ducken kann. Dort trifft ein ihn zweiter Kopfschuss, diesmal von hinten. Um 10.50 Uhr findet ihn eine Kundin findet. Er stirbt kurze Zeit darauf am Tatort.

25. Februar 2004, Rostock, Mehmet Turgut (25)

Der Neudierkower Weg ist eine Sackgasse am Rande des Rostocker Stadtteiles Dierkow. „Mr. Kebab Grill” heißt der Imbiss-Stand, der sich dort angesiedelt hat, in einem 2,5 mal 4,5 Meter großen Container, vor dem zwei Stehtische aufgestellt sind. Es ist Mittwoch, der 25. Februar 2004, etwa 15 Minuten nach 10 Uhr.

Zu dem Zeitpunkt steht Mehmet Turgut in dem Imbiss. Er wohnt eigentlich in Hamburg und ist nur auf Besuch bei Freunden in Rostock. Nun hat er sich spontan dazu entschlossen, in dem Imbiss auszuhelfen.

An diesem Vormittag treten die beiden Täter an die Tür des Containers und geben mit der Pistole Ceska 83, die längst ihr Markenzeichen ist, vier Schüsse ab. Der genaue Ablauf ist nicht mehr rekonstruierbar; fest steht, das Turgut wie alle anderen Opfer in den Kopf geschossen und ein Teil der Schüsse abgegeben wird, als er bereits am Boden liegt.

Als ihn der Besitzer des Imbisses um 10.20 Uhr findet, lebt Mehmet Turgut zwar noch. Doch er stirbt wenig später im Rettungswagen.

Das Opfer ist unverheiratet und hat keine Kinder.

9. Juni 2005, Nürnberg, Ismail Yasar (50)

An dem Container steht „Scharrer Imbiss“. Er ist an der Scharrer-Straße im Stadtteil St. Peter aufgestellt, südöstlich der Nürnberger Innenstadt.

Ismail Yazar lebt schon lange in Deutschland, seit 1978. Er wohnt getrennt von seiner Ehefrau, der gemeinsame Sohn ist 15. Yazar ist Schweißer, arbeitete in verschiedenen Nürnberger Betrieben, bis er sich 1999 mit dem Imbiss in der Scharrer-Straße selbstständig machte.

Der 9. Juni 2005 ist ein Donnerstag. Die beiden Täter kommen gegen 9.30 Uhr mit Fahrrädern. Sie schauen in der nahen Zerzabelshofstraße auf einen Stadtplan, dann warten sie auf einem Spielplatz, der dem Imbiss gegenüber liegt. Gegen 10 Uhr gehen sie in den Imbiss-Container.

Einer der Täter schießt mit der Ceska 83, die wieder in eine Plastiktüte gewickelt ist. Die Kugel verfehlt Yazar. Sie streift nur sein rechtes Ohr und durchschlägt die Hintertür. Der Wirt versucht, hinter der Theke in Deckung zu gehen, als ihn ein zweiter Schuss unterhalb seines rechten Ohres direkt in den Kopf trifft. Yasar geht zu Boden, drei weitere Schüsse treffen seinen Oberkörper. Die Schlüsselbeinschlagader wird durchtrennt, das Opfer verblutet.

Nach der Tat verstauen Mundlos und Böhnhardt die Waffe in einem Rucksack und fahren davon.

An diesem Tag werden die Männer von mehreren Zeugen beobachtet. Sie beschreiben die beiden der Polizei, einschließlich des Gegenstandes, der in eine gelbe Plastiktüte verpackt war. Auch erzählen sie von den Fahrrädern. Es werden Phantombilder gezeichnet. Nach dem Bombenanschlag von Köln erkennt sie eine Zeugin auf Überwachungsvideos wieder. Doch die richtigen Schlüsse werden nicht gezogen.

15. Juni 2005, München, Theodoros Boulgarides (41)

Zwei Wochen ist das Ladenlokal des Schlüsseldienstes „Schlüsselwerk“ an diesem 15. Juni alt. Es liegt in der Trappentreustraße, einer vielbefahrenen Magistrale im Münchner Westen. Direkt vor dem Schlüsseldienst ist eine Bushaltestelle, an der alle zehn Minuten ein Bus hält. Das Geschäft ist dank der Schaufenster gut einsehbar.

Theodoros Boulgarides lebt seit 1973 in München. Hier hat er Abitur gemacht, hier lernte er Einzelhandelskaufmann, hier arbeitet er bei der Deutschen Bahn. Von seiner Frau, mit der er zwei Töchter im Alter von 15 und 18 Jahren hat, lebt er getrennt. Am 1. Juni eröffnet er zusammen mit einem Geschäftspartner den Schlüsseldienst.

Es ist Mittwochabend, nach halb sieben, als die beiden Mann den Laden betreten. Boulgarides steht hinter dem Tresen. Der Hergang der anderen Morden wiederholt sich: Ein Täter erhebt die Waffe, die Ceska 83, die in einer Plastiktüte versteckt ist, und schießt Boulgarides direkt ins Gesicht. Das Opfer bricht zusammen, der Schütze geht um den Tresen herum und gibt aus kurzer Entfernung noch zwei Kopfschüsse ab.

Theodor Boulgarides ist schon tot, als ihn sein Geschäftspartner um 19 Uhr findet.

Bei diesem Mord gibt es einen direkten Bezug zu Beate Zschäpe. Um 15.22 wird das Handy von Böhnhardt und Mundlos von einer Telefonzelle nahe der damaligen Zwickauer Wohnung der Drei angerufen. Mehr als sechs Jahre später werden die Ermittler in Zwickau einen Zettel finden, mit der Handy-Nummer und der Aufschrift „Aktion“. Für die Generalbundesanwaltschaft ist dies ein zentraler Beweis für die Mitwisser- und Mittäterschaft von Beate Zschäpe.

4. April 2006, Dortmund, Mehmet Kubasik (39)

Die Mallinckrodtstraße durchschneidet vierspurig die Stadt Dortmund von Ost nach West. Der Verkaufsraum des 40 Quadratmeter großen Geschäfts von Mehmet Kubasik weist direkt zur Straße. Normalerweise arbeitet an Vormittagen seine Frau in dem Kiosk. Doch weil ihre Schwester zu Besuch ist, steht der Mann an diesem Mittag hinter dem Tresen.

Kubasik ist 1991 aus der Türkei eingewandert. Er wird in Dortmund als kurdischer Asylbewerber anerkannt. Seit 2003 ist er eingebürgert. Einen Beruf hat er nicht gelernt, der Kiosk ernährt ihn, seine Frau, die Tochter und die beiden Söhne. Die Kinder sind 20, elf und sechs Jahre alt.

Es ist kurz vor ein Uhr Mittag an diesem ersten Dienstag im April, als die beiden Täter den Kiosk betreten. Sie schießen sofort. Die erste Kugel verfehlt Kubasik und schlägt in der Wand ein. Der Mann dreht sich um und reißt die Hände hoch. Da trifft ihn die zweite Kugel in das rechte Auge. Kubasik sackt zusammen, als ihn die dritte Kugel in den Kopf trifft. Er lebt nur noch Sekunden. Als ihn eine Kundin wenige Minuten später entdeckt, ist er tot.

Die Tatwaffe ist wieder die Ceska 83 – die wieder aus einer Plastiktüte abgefeuert wird. Für die Fahrt nach Dortmund haben sich Böhnhardt und Mundlos einen Caravan gemietet. Mit dem Wohnwagen sind sie zwei Tage später in Kassel, wo der nächste Mord stattfindet.

6. April 2006, Kassel, Halit Yozgat (21)

Das Internet-Café liegt in der Innenstadt, an der Holländischen Straße, nur wenige Meter neben einer Polizeistation. Es gibt sieben Telefon- und sieben Internet-Plätze.

Mehrere Menschen telefonieren und chatten, als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Laden betreten. Halit Yozgat sitzt hinter einem Schreibtisch, der gleichzeitig als Theke dient. Zwischen dem Schreibtisch und dem Gastraum steht ein großflächiges Plakat.

Halit stammt aus Kassel, ist 21 Jahre alt und deutscher Staatsbürger. Sein Vater hatte ihm zwei Jahre zuvor das Café eingerichtet, die Einnahmen reichen zum Leben. Nebenher besucht Halit die Abendrealschule.

Es ist Donnerstag, der 6. Juni 2006, gegen 17 Uhr, als Halit Yozgats Leben von zwei Kugeln beendet wird. Die erste trifft ihn in die rechte Schläfe und reißt ihn vom Stuhl. Im Fallen trifft ihn eine zweite Kugel in den Hinterkopf. Als ihn sein Vater wenige Minuten später auffindet, ist er tot.

Keiner der Menschen in dem Café will etwas von dem Mord mitbekommen haben – außer dumpfen Geräuschen, die sie im Nachhinein als Schüsse identifizieren. Ein Gast namens Andreas T. kann gar nichts mitteilen – obwohl er doch für das hessische Landesamt für Verfassungsschutz arbeitet, und, wie er selbst sagt, zufällig in dem Café war.

T. wird in seiner Behörde „Klein Adolf“ genannt, weil er mehr als nur dienstlich bedingte Kontakte ins rechtsextreme Milieu pflegen soll. Zudem scheint den Fahndern verdächtig, dass er im Unterschied zu anderen Gästen gar nichts bemerkt haben will, aber das Lokal wenige Sekunden nach der Tat verließ. Doch die Ermittlungen, die man gegen ihn einleitet, werden wieder eingestellt.

Am 1. Oktober 2012, mehr als sechs Jahre dem Mord, wird ein bis dahin namenloser Platz in Kassel an der Kreuzung zwischen Holländischer Straße und Mombachstraße als Halitplatz eingeweiht.

25. April 2007, Heilbronn, Michèle Kiesewetter (22)

Die Theresienwiese in Heilbronn liegt am Neckarkanal und ist eher ein Platz, geschottert und asphaltiert. Hier werden Feste gefeiert oder Autos abgestellt – und hier verbringen gerne Streifenpolizisten ihr Pausen. Sie parken mit ihren Wagen meist im Schatten eines 6,5 Meter hohen Transformatoren- und Pumphauses.

Der 25. April ist mit 25 Grad ein ungewöhnlich warmer Tag für diese Jahreszeit. Im südlichen Teil der Theresienwiese bauen Schausteller ihre Attraktionen für das Frühlingsfest auf, als Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter und Polizeimeister Martin A. (24) mit ihrem Streifenwagen auftauchen. Kiesewetter hat eigentlich Urlaub, sie ist kurzfristig eingesprungen.

Michèle Kiesewetter stammt aus Oberweißbach in Thüringen, also dem Bundesland, in dem auch Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos aufgewachsen sind. Der Schwager des mutmaßlichen NSU-Unterstützers Ralf Wohlleben pachtete eine Kneipe in dem Dorf im Thüringer Wald.

Die Beamten haben die Türen geöffnet, bleiben aber im Auto sitzen. Die Polizistin zündet sich gerade eine Zigarette an, als von hinten die beiden Täter an das Auto herantreten – und beiden Beamten in den Kopf schießen. Diesmal kommt nicht die Ceska 83 zum Einsatz.

Böhnhardt und Mundlos fliehen nicht sofort, sie stehlen die Dienstwaffen, die Munition, das Reizgas, die Taschenlampe, das Taschenmesser. Sie reißen die Sachen ihren Opfern förmlich vom Leib. Manches davon wird sich im November in jenem Wohnwagen in Eisenach finden, in dem die beiden Männer umkommen.

Michèle Kiesewetter stirbt noch am Tatort. Ihr Kollege Martin A. überlebt schwer verletzt. Die Polizistin wird eine Woche später in Oberweißbach beigesetzt. Mehrere Sonderkommissionen finden nie die wahren Täter. Im Gegenteil: Sie jagen jahrelang vergeblich das sogenannte Phantom – eine Frau, der Dutzende Verbrechen zugerechnet werden und von der sich auch in Heilbronn DNA-Spuren finden. Doch die DNA, so stellt sich später heraus, stammt von der Mitarbeiterin, welche die Wattestäbe verpackt hatte, mit an den Tatorten Spuren aufgenommen wurden.

Nach dem Bekanntwerden des NSU die These verfolgt, dass es sich bei dem Polizistenmord um eine Beziehungstat gehandelt haben könnte, also dass sich Opfer und Täter kannten. Inzwischen wird dies aber von den Ermittlern ausgeschlossen.

 
 

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