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Charlotte Knobloch – der verlangte Rücktritt

Essen. 

Der Zentralrat der Juden in Deutschland steht vor einem historischen Einschnitt. Seine Präsidentin Charlotte Knobloch will nicht zur Wiederwahl antreten. Doch was wie eine routinemäßige Personalie klingt, ist in Wirklichkeit ein tiefer Epochenwechsel, eingekleidet in ein unbarmherziges Ränkespiel.

Es ist ein Epochenwechsel, weil Charlotte Knobloch, die stets auffallend elegant gekleidete Präsidentin, die letzte an der Spitze des Zentralrates ist, die den Holocaust noch miterlebt hat. 2006 wurde sie als Nachfolgerin von Paul Spiegel gewählt. Doch jetzt zog sie die Konsequenzen aus Indiskretionen, Intrigen und mangelnder öffentlicher Unterstützung durch ihre Stellvertreter, Dieter Graumann und Salomon Korn. Im November, wenn ihre Amtszeit endet, wird sie nicht zur Wiederwahl antreten. Als Nachfolger ist nun Dieter Graumann im Gespräch. Der Frankfurter Immobilien-Kaufmann steht für eine andere Generation im Zentralrat. Er wurde 1950 in Israel geboren und kam eineinhalb Jahre später nach Deutschland. Die Ermordung der Juden kennt er nur aus Erzählungen der Älteren.

Das ist nicht nur eine Zäsur für die Organisation. Es ist auch mit einer neuen Ausrichtung verbunden. Denn bisher gehörte es auch zu den wichtigeren Rollen des Zentralrates, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Wer den Holocaust nicht miterlebt hat, geht aber offenbar anders mit dieser Erinnerung um.

Heftige Kritik an Amtsführung und Ausrichtung des Zentralrates

Das jedenfalls zeichnet sich jetzt schon ab. Denn dem angekündigten Wechsel an der Spitze war eine heftige Kritik an der Amtsführung der Präsidentin und der Ausrichtung des Zentralrates vorausgegangen. Jüngere Mitglieder hatten Knobloch vorgeworfen, sich zu einseitig auf das Wächteramt über den richtigen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit konzentriert zu haben. Islamischer Judenhass und linker Antizionismus seien zu wenig beachtet worden; die Integration der zugewanderten osteuropäischen Juden sei vernachlässigt, die verschiedenen jüdischen Strömungen seien zu wenig wahrgenommen worden, hieß es.

Losgetreten hat der Publizist Henryk M. Broder die Debatte über Charlotte Knobloch. Im Oktober hatte er sich um ihre Nachfolge beworben, wenngleich das nicht wirklich ernst gemeint war. Der Zentralrat befinde sich in einem „erbärmlichen Zustand”, trete als „Reue-Entgegennahme-Instanz” auf, hatte er geschrieben. Und: Die Präsidentin sei überfordert. Damals erfuhr sie jedoch noch Rückhalt aus dem Zentralrat.

Der bleibt jetzt aus. Dass sie und ihr Generalsekretär Stephan Kramer sich wenig zu sagen haben, ist seit längerem bekannt. Doch nun beherrschen nur noch Intrigen die Debatte. Das wurde deutlich, als es vor wenigen Tagen in der Presse hieß, Knobloch werde vorzeitig von ihrem Amt zurücktreten. Statt dies zu bestätigen, antwortete sie in einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung”, sie sei „glücklich” in dem Amt. Am Sonntag dann erklärte sie, nicht wieder zu kandidieren. Ein verlangter Rücktritt.

Der jüdische Publizist Sergey Lagodinsky, der dem Präsidium der Jüdischen Gemeinde Berlin angehört, nannte den Umgang mit Knobloch „würdelos”. Charlotte Knobloch wollte sich am Montag nicht äußern. Stattdessen sagte sie dieser Zeitung: „Die Integration der Zuwanderer wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle im Zentralrat spielen. Die vielen jüdischen Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, sind unsere Hoffnungsträger.”

Zu den Ränkespielen hingegen schweigt sie. Die sind offenkundig ihre Sache nicht.