Arme Kinder sind schon beim Schulstart im Nachteil

Mit Hilfe von Tests werden die Fähigkeiten der Kinder vor dem ersten Schultag untersucht. Dabei geht es zum Beispiel um die Grob- und Feinmotorik, die Sprachentwicklung sowie Konzentrations- und Merkfähigkeit.
Mit Hilfe von Tests werden die Fähigkeiten der Kinder vor dem ersten Schultag untersucht. Dabei geht es zum Beispiel um die Grob- und Feinmotorik, die Sprachentwicklung sowie Konzentrations- und Merkfähigkeit.
Foto: picture alliance / dpa
Arme Kinder sind nicht dümmer, doch sie haben schlechtere Bildungschancen. Experten fordern mehr soziale Durchmischung und individuelle Förderung.

Essen.. Endlich soll es losgehen, der erste Schultag naht. Doch vorher steht der Gang zum Schularzt an. Die Schuleingangsuntersuchung ist für viele Kinder der erste wichtige Test im Leben. Gewicht und Größe werden gemessen, das Kind muss Farben erkennen, geometrische Figuren nachzeichnen und einen Menschen malen, an dem „alles dran“ ist. Es soll auf einem Bein hüpfen, beim Würfeln Zahlen erkennen, Sätze nachsprechen und eine Bildergeschichte in die richtige Reihenfolge bringen. Aus all dem kann der Arzt erkennen, ob das Kind reif ist für die Schule.

Experten wissen: Je länger ein Kind eine Kita besucht hat, je weniger es fernsieht und je stabiler sein soziales Umfeld ist, desto besser schneidet es in der Regel ab. Wer behütet und abgesichert aufwächst, hat es leichter. Kinder, die dieses Glück nicht haben, sind schon beim Start ihrer Bildungskarriere im Nachteil. In manchen Städten des Ruhrgebiets wachsen deutlich mehr als ein Drittel der Kinder in Armut auf.

Defizite bei Schuluntersuchungen

Eine Auswertung von 5000 Schuleingangsuntersuchungen in einer Ruhrgebietsstadt durch das Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (Zefir) der Ruhr-Uni Bochum brachte ans Licht: Die Fünf- bis Sechsjährigen aus Familien, die Sozialleistungen beziehen, können nicht so gut lesen und Sätze bilden, leiden öfter unter Konzentrationsschwächen und sind häufig zu dick.

So zeigte sich unter anderem, dass 43 Prozent der armutsgefährdeten Kinder mangelhaft deutsch sprechen, während dies nur bei 14 Prozent der Kinder festgestellt wurde, die in gesicherten Einkommensverhältnissen aufwachsen. Zugleich leben arme Kinder zurückgezogener, erläuterte Zefir-Forscher Thomas Groos. Nur sehr wenige erlernen ein Instrument, sie sind deutlich seltener in Sportvereinen aktiv und gehen später in die Kita.

Es fehlt oft an Anregungen aus dem Elternhaus

Macht also Armut dumm? So einfach ist es nicht. Armut ist aber ein Risiko für die Entwicklung von Kindern. Sie verhindert, was Bildungsexperten unter „Teilhabe“ verstehen. Die Daten zeigen, dass die Chancen von Geburt an ungleich verteilt sind, sagt die Essener Bildungswissenschaftlerin Isabell van Ackeren. „Die Übergangsquote auf ein Gymnasium beträgt im reichen Essener Süden rund 80 Prozent, im ärmeren Norden nur 20 Prozent. Doch die Talente sind nicht so ungleich verteilt“, sagt die Professorin.

Beengtes Wohnen, kein Platz für die Hausaufgaben, wenig Geld für gesundes Essen, Bildung, Urlaub, Sport oder Musikunterricht – für mehr als 540 000 Kinder in NRW ist das Alltag. Und das meist auf Dauer. Zugleich fehle es häufig an Anregungen von den Eltern. „Sie sind oft selbst nicht sehr gebildet. Das setzt sich bei den Kindern fort und ist schwierig aufzubrechen“, sagt van Ackeren.

Milieus bleiben unter sich

Zudem blieben die Milieus unter sich, weiß die Forscherin. Armut und alle damit verbundenen Probleme ballen sich in bestimmten Stadtvierteln, Schulen und Klassen. So bleiben die Kinder unter sich in einem „Kreislauf des Misserfolgs“. Eine bessere „soziale Durchmischung“ wäre wünschenswert, sagt die Forscherin.

Wie aus solchen Lebensläufen dennoch erfolgreiche Bildungskarrieren werden können, weiß Suat Yilmaz. Der „Talentscout“ an der Hochschule Gelsenkirchen unterstützt Jugendliche, denen der Erfolg nicht in die Wiege gelegt wurde. Er sagt: „Die Kinder sind nicht arm, sie sind reich an Talenten, Energie und Bildungshunger. Wir müssen uns fragen, warum unser Bildungssystem nicht in der Lage ist, die Lebensumstände zu kompensieren?“ Den Kindern fehle es häufig nicht an Fähigkeiten, sondern an Vorbildern, Mut und Selbstbewusstsein, an Unterstützung durch Eltern und Netzwerke.

Talente entdecken und fördern

Die Frage sei, wie die Gesellschaft diese Kinder betrachte. Sieht sie nur hoffnungslose Hartz-IV-Verlierer oder erkennt sie die Potenziale? Wenn man die Kinder spüren lasse: Die Gesellschaft braucht Dich, Du kannst etwas, Du hast eine Chance – dann habe man die Herzen der jungen Menschen rasch gewonnen und ihren Ehrgeiz geweckt.

„Ich erlebe häufig, dass man Lebensläufe ändern kann,“ sagt Yilmaz und schildert seine Motivation: „Die Kinder sind nicht schuld an ihrem Schicksal. Wir müssen ihnen Hoffnung geben, aus ihrer Not eine Zukunft machen. Das ist unsere Aufgabe.“

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