Ankara will, dass Türken unter Schmerzen geboren werden

Türkische Frauen protestieren: Vor wenigen Tagen forderten sie wie hier in Istanbul eine Entschuldigung von dem Islam-Gelehrten Ömer Tugrul Inancer. Er hatte Schwangere als „unappetitlichen Anblick“ verunglimpft.
Türkische Frauen protestieren: Vor wenigen Tagen forderten sie wie hier in Istanbul eine Entschuldigung von dem Islam-Gelehrten Ömer Tugrul Inancer. Er hatte Schwangere als „unappetitlichen Anblick“ verunglimpft.
Foto: Bülent Kilic, afp
Die türkische Regierung versucht, die überaus hohe Quote von Kaiserschnitten in dem Land zu senken. Sie tut es wie so oft mit markigen Worten. Der Gesundheitsminister Müezzinoglu erklärte, Mütter müssten „selbst tapfer sein, um starke und mutige Kinder zu gebären“.

Istanbul. Mindestens drei Kinder müsse jede türkische Frau gebären, fordert der islamisch-konservative Ministerpräsident Tayyip Erdogan, sonst sei der Bestand des Volkes in Gefahr. Erdogans Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoglu weiß auch, wie die Geburten abzulaufen haben: Möglichst schmerzhaft. Denn nur eine Mutter, die unter Schmerzen gebäre, könne „tapfere“ Türken aufziehen. Auf den Kaiserschnitt sollten Mütter deshalb verzichten. Sorgte Erdogan schon mit seiner Kinderquote für Widerspruch bei Frauenverbänden, dürften die merkwürdigen Thesen des Gesundheitsministers jetzt bei vielen Türkinnen erst recht Empörung auslösen.

Ernster Hintergrund der Kontroverse ist die in der Türkei sehr hohe Anzahl von Kaiserschnitt-Geburten. Während die Weltgesundheitsorganisation eine Quote von 15 Prozent für vertretbar hält, kamen in der Türkei im Jahr 2011 in den öffentlichen Krankenhäusern fast 37 Prozent der Kinder durch Kaiserschnitt zur Welt. In den Privatkliniken entschieden sich sogar zwei von drei werdenden Müttern für den Kaiserschnitt.

Mutterschaft erfordere Mut, sagt der Minister

Diese Art der Entbindung ist zwar wegen der Vollnarkose weitgehend schmerzfrei, birgt aber medizinische Risiken für Mutter und Kind. Um die scheint es dem 55-jährigen Müezzinoglu, der im Zivilberuf Arzt ist, jedoch gar nicht zu gehen. Er sieht in den Schmerzen, die eine Frau bei einer natürlichen Geburt verspürt, einen höheren Zweck: „Manche sagen, Mütter hätten vielleicht Angst vor den Schmerzen bei einer natürlichen Geburt“, zitierte jetzt die Zeitung „Hürriyet“ den Minister. „Aber wie kann eine Mutter, die Angst vor Schmerzen hat, ein tapferes Kind aufziehen?“ Mutterschaft erfordere Mut. Eine Mutter müsse „selbst tapfer sein, um starke und mutige Kinder zu gebären“.

Die Angst vor Schmerzen rechtfertige deshalb keinen Kaiserschnitt, so Müezzinoglu. „Wir wollen deshalb, dass unser Krankenhauspersonal werdende Mütter auf eine normale Entbindung vorbereitet und das zur Priorität macht“, kündigte der Gesundheitsminister an.

Müezzinoglu ist ein alter Weggefährte Erdogans

Seinem Premier Erdogan dürfte Müezzinoglu damit aus dem Herzen gesprochen haben. Erdogan hatte bereits in der Vergangenheit die hohe Zahl an Kaiserschnitt-Geburten kritisiert. Die beiden Männer lernten sich schon am islamischen Priestergymnasium kennen, das sie gemeinsam in Istanbul absolvierten. Später arbeiteten Erdogan und Müezzinoglu in der islamisch-fundamentalistischen Wohlfahrtspartei zusammen, bis diese 1998 verboten wurde. 2001 schloss sich Müezzinoglu Erdogans Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) an.

Die Thesen des Gesundheitsministers sind nicht die einzigen kontroversen Äußerungen zum Thema Geburt und Schwangerschaft. Erst vor kurzem hatte der bekannte türkische Islam-Gelehrte Ömer Tugrul Inancer in einer Fernsehsendung gefordert, schwangere Frauen sollten zu Hause bleiben. Es gehöre sich nicht, dass sie sich in der Öffentlichkeit zeigten, denn der Anblick einer Schwangeren sei „unappetitlich“. Inancer löste damit einen Proteststurm aus, bleibt aber bei seiner Meinung. Es gehe ihm „um den Schutz der Mutter und des werdenden Kindes“, sagte er der Zeitung „Aksam“.

 
 

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