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AfD: EU-Spitzenkandidat Maximilian Krah polarisiert mit TikTok-Video – „Kuschelkurs mit Erdogan-Anhängern“

AfD-Politiker Maximilian Krah lobt in einem TikTok-Video den türkischen Präsidenten. Was er damit bezwecken will, erklärt Politologe Burak Copur.

© IMAGO/Sven Simon

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Recep Tayyip Erdogan ist langjähriger Machthaber in der Türkei. Wir stellen den türkischen Präsidenten vor.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete die Terrororganisation Hamas als „Befreiungsgruppe“ und Israel als „Terrorstaat“ (mehr dazu hier). Das seit über zwanzig Jahren an der Macht stehende Staatsoberhaupt verfolgt für eine konservative Politik, die darauf abzielt, die Türkei einer Re-Islamisierung zu unterziehen.

Die AfD gilt hingegen als islamkritische Partei in Deutschland. Umso erstaunlicher erscheint es, dass ausgerechnet AfD-Politiker und EU-Spitzenkandidat Maximilian Krah in einem TikTok-Video seine Begeisterung für Erdogan ausdrückt. Politikwissenschaftler und Türkei-Experte Burak Copur ordnet das Posting im Gespräch mit dieser Redaktion ein.

AfD: Politiker „sollten sich für deutsche Interessen einsetzen“

„Präsident Erdogan ist nicht dein Feind“, beginnt Maximilian Krah sein Video, das mittlerweile über 800.000 Menschen gesehen haben. Zum Vergleich: Andere TikTok-Videos des AfD-Politikers erhalten im Durchschnitt nicht mehr als 100.000 Klicks.

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„Er setzt sich für türkische Interessen ein. Deutsche Politiker mögen ihn genau deshalb nicht. Sie sollten sich für deutsche Interessen einsetzen, dann hätten sie auch kein Problem mit Erdogan“, mahnt der AfD-Europaabgeordneter weiter.

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Maximilian Krah verkünde mit seinem Video mehrere Botschaften, erklärt Politikwissenschaftler Burak Copur. „Es ist eine ganz klare Kritik der deutschen Regierung und Politik, dass sie nicht die Interessen Deutschlands vertreten würden“, so der Leiter des Zentrums für Radikalisierungsforschung und Prävention in Essen. „Die AfD ist klar fremden- und islamfeindlich, es ist also ein Versuch einer strategischen Neupositionierung.“

„AfD versucht, durch Kritik an die Macht zu kommen“

Copur zieht dabei eine geschichtliche Parallele mit der AKP: „Gerade durch die Kritik am politischen Establishment des Kemalismus ist es Erdogan gelungen, so zu erstarken und seit 20 Jahren als Staatschef an der Macht zu bleiben.“

Der Politologe erklärt gegenüber dieser Redaktion weiter: „Das selbe versucht jetzt auch die AfD – also sich durch Kritik an der Regierung und Staatsapparat an die Macht zu bringen“. Die Kritik am Polit-Establishment sei für die AKP ein Erfolgsrezept, „das viele rechtspopulistische Parteien nun nutzen“. Und: „Die Chancen stehen, wie wir in Holland gesehen haben, dafür nicht schlecht.“


„Die AfD ist klar fremden- und islamfeindlich, es ist also ein Versuch einer strategischen Neupositionierung.“

– Burak Copur, Politikwissenschaftler

Burak Copur ist Politikwissenschaftler und Leiter des Zentrums für Radikalisierungsforschung und Prävention (ZRP)
Burak Copur ist Politikwissenschaftler und Leiter des Zentrums für Radikalisierungsforschung und Prävention (ZRP) Foto: privat/Burak Copur

Die zweite Botschaft des Videos richte sich an Erdogan-Wähler. Die Message hier: „Wir sind gar nicht so ausländerfeindlich.“ Und: „Erdogan ist genauso ein Patriot wie die AfD.“ Copur bezeichnet dies als „Kuschelkurs mit Erdogan-Anhängern“. Die AfD erkenne das Potenzial von Erdogan-Wählern und Migranten und versuche diese langfristig an sich zu binden. „Nicht umsonst gibt es bereits einen AfD-nahen Verein für Migranten“, betont Copur.

Krah will mit Video auch Erdogan erreichen

Die dritte Botschaft richtet sich direkt an den türkischen Präsidenten. Denn: „Im Bereich der Flüchtlingspolitik möchte die AfD, wenn sie an der Macht ist, mit Erdogan zusammenarbeiten, vor allem, wenn es um die Rückführung syrischer Geflüchteter geht.“

Mit dem Video wolle die AfD „die Leistungen Erdogans anerkennen“. Denn die AfD wolle genau das, was die AKP erreicht hat: „Erdogan ist für die AfD ein Prototyp für den erfolgreichen Kampf gegen das Polit-Establishment. Einer, der es denen ‚da oben‘ gezeigt hat wie man einen demokratischen in einen autokratischen Staat umwandelt.“ Erdogan habe den Rechtspopulisten in der Welt damit klar gemacht, dass sowas auch gegen den Widerstand des Establishments gelingen könne.

Geht der AfD-Plan auf?

Die deutsche AfD und die türkische AKP haben laut Copur zwar ideologische Überschneidungen wie beispielsweise Nationalismus, Populismus und Queer-Feindlichkeit, aber die Parteien unterscheiden sich im Umgang mit dem Islam. „Hier widersprechen sich natürlich die Parteiprogramme und Weltbilder fundamental“, so der Politikwissenschaftler.

Doch geht dieses Erfolgsrezept der AKP auch bei der Alternative für Deutschland auf? „Solange die AfD bei ihrer islamfeindlichen Haltung bleibt, wird es schwierig sein, diese Wähler langfristig zu binden“, gibt Copur im Gespräch mit dieser Redaktion zu Bedenken. Aber: „Es gibt ja bereits Abgeordnete mit Migrationshintergrund und türkeistämmige Mitglieder in der AfD, die gerade aufgrund der Kritik am Islam, an Erdogan und der Flüchtlingsfrage in die Partei eingetreten sind.“ Es bleibe abzuwarten, wie sich das entwickle.

Über das Problem mit TikTok im politischen Bereich

Maximilian Krah verbreitet seine Videos gerade auf der Plattform, auf der sich vor allem junge Menschen tummeln. „Die AfD hat die Zeichen der Zeit erkannt und versucht, zunehmend auch junge Menschen als Wähler für sich zu gewinnen, was auch an der Hessen- und Bayern-Wahl deutlich wurde“, erklärt Copur.

Die Partei schnitt nicht nur bei älteren Menschen, sondern vor allem auch bei jungen Wählern gut ab. 16 Prozent der 18- bis 24-Jährigen gaben der AfD ihre Stimme, ein Zuwachs von neun Prozent. Und auch in Hessen haben die Grünen junge Wähler-Stimmen verloren, 18 Prozent wählten hingegen die AfD.


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Das Problem mit TikTok und anderen Sozialen Medien sei, „dass sich dort ganz viele Rattenfänger wie die AfD bewegen und andere Parteien diese Entwicklung verschlafen oder nicht auf der Höhe der Zeit sind und die Sprache der Jugend sprechen“, so Copur. Generell könne sich die Politik der Realität der Sozialen Medien nicht versperren. Parteien sollten also Medien nutzen und „nicht das Feld den Rechtspopulisten überlassen, weil die Radikalisierung auch im Netz stattfindet“, mahnt der Professor aus Essen.

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