Was zeichnet höfliche Menschen aus, Herr Knigge?

Moritz Freiherr Knigge hat das Buch „Anleitung zum Unhöflichsein“  geschrieben.
Moritz Freiherr Knigge hat das Buch „Anleitung zum Unhöflichsein“ geschrieben.
Moritz Freiherr Knigge, Nachfahre des berühmten Freiherrn, will die Unhöflichkeit totreden. Ein Gespräch über respektvolles Miteinander und mehr Gelassenheit im Leben.

Berlin.. Unhöflich sind immer die anderen. Mit dieser bequemen Annahme räumt einer auf, der es wissen muss: Moritz Freiherr Knigge. Der Nachfahre von Adolph Knigge hat der Unhöflichkeit ein ganzes Buch gewidmet. Ein Gespräch über respektvollen Umgang, die Frage, was einen höflichen Menschen ausmacht und warum sich jeder auch mal an die eigene Nase fassen sollte.

Herr Knigge, was ist für Sie Unhöflichkeit?

Moritz Freiherr Knigge: Wenn jemand bewertet. Also jemand sich auf diese oder jene Weise verhält und ein anderer äußert: Das ist aber unhöflich. Ich würde sagen, die wenigsten Menschen sind absichtlich unhöflich. In meinen Augen ist der Vorwurf von Unhöflichkeit eine Auslegung.

Studium Und ganz konkret?

Knigge: Mache ich Unhöflichkeit an kleinen Dingen fest. Nicht zu grüßen, oder die Nase zu rümpfen, wenn jemand spricht.

Höflichkeit könnte man also auf ein respektvolles Miteinander herunterbrechen?

Knigge: Zu einem bedeutenden Teil. Das Schöne ist: Respekt ist so einfach. Wir haben uns eben freundlich begrüßt. Wir schauen uns beim Reden an, sagen Danke und Bitte. Und achten nicht auf Äußerlichkeiten, wie Herkunft oder Kleidung.

Warum eine Anleitung zum Unhöflichsein?

Knigge: Weil ich ein echter Knigge bin. Das Thema beschäftigt mich von Geburt an. In meiner täglichen Auseinandersetzung damit habe ich die meisten Antworten gehört und gegeben. Heute weiß ich: Nächstenliebe folgt keiner einfachen Regel. Dafür ist die Welt viel zu bunt und zweideutig.

Großstadt-Knigge Verhalten wird oft als unhöflich interpretiert, obwohl es so gar nicht gemeint ist?

Knigge: Wahrscheinlich. Was auch für dieses Missverständnis spricht: Es wird viel von Höflichkeit geredet. Aber es ändert sich wenig. Daher haben wir eine spielerische These aufgestellt: Die Höflichkeit hat sich totgeredet. Und den Spieß einfach mal umgedreht. Wir zerren die Unhöflichkeit ins Rampenlicht, in der Hoffnung, dass auch sie sich totredet.

Wie vermeiden wir Unhöflichkeit?

Knigge: Wenn jeder bei sich selbst beginnt und darüber nachdenkt, wie er auf die Welt blickt, kommt er seinen Neigungen und Vorurteilen auf die Spur. Und wird sich immer öfter darüber klar: So wie ich es sage, muss es nicht beim Gegenüber ankommen. Alles Gehörte geht beim anderen durch den persönlichen Filter. Wir sind alle unterschiedlich sozialisiert, sind verschiedene Charaktere.

Jeder hat also seine eigene Wahrheit. Wie verschränken wir die miteinander?

Knigge: Wir treffen jetzt aufeinander und irgendetwas klappt nicht. Ich habe was gesagt, Sie haben was gesagt – etwas geht schief. Dass es schief geht, merken wir beide. Jetzt denke ich aber: Ich habe es nur gut gemeint. Also muss sie ein Problem haben. Sie haben Schuld. Und jetzt schieße ich zurück. Sie denken das Gleiche genau anders herum. Daraus entwickeln sich Konflikte.

Wie kommen wir aus dieser Situation wieder heraus?

Knigge: Wenn jemand mir gegenüber hochfährt, dann entschuldige ich mich: Sorry, ich habe das Gefühl, Sie ärgern sich. Was habe ich falsch gemacht? Das ist sehr hilfreich. Ich kann natürlich auch in den Krieg ziehen und verbrannte Erde hinterlassen. Nur was bringt das? Mir ist wichtig, meine Emotionen besser zu verstehen. Wann werde ich unwirsch, worüber ärgere ich mich?

Was tue ich dann, wenn ich meine wunden Punkte kenne?

Knigge: Na, zum Beispiel im Büro: Sie bekommen eine E-Mail über die Sie sich furchtbar aufregen. Mein Tipp: Antworten Sie sofort. Und speichern die Mail dann ab. Wenn Sie wieder bei sich sind, lesen Sie ihre E-Mail noch einmal durch. Sie werden sich wundern, was Sie da alles so geschrieben haben.

Irgendwo muss ich doch mit dem Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, hin.

Knigge: Ich kann nur von mir reden. Zuerst gehe ich in mich und überlege, ob ich wirklich ungerecht behandelt worden bin. Warum empfinde ich so, und kann ich die Sache auch anders werten? War ich gerade besonders empfindlich? Oder hat der andere sogar recht?

Sagen wir: Nein, ich war nicht empfindlich, es war ungerecht.

Knigge: Dann spreche ich den anderen in einem ruhigen Moment an. Wunderbarer Trick: Die Ich-Botschaft. Sprechen Sie von ihrer Empfindung, statt ein absolutes Urteil zu fällen. Denn wenn der andere nicht beabsichtigt hatte, Sie ungerecht zu behandeln – und davon sollte man erst einmal ausgehen – dann fühlt er sich fehlbeurteilt. Die Negativschleife beginnt. Deswegen sollten Sie Ihr eigenes Gefühl beschreiben.

Was macht einen höflichen Menschen aus?

Knigge: Ein höflicher Mensch hat die Fähigkeit, angemessen zu handeln. Er kommt irgendwo hin und ihm ist bewusst, was in dem Bereich angemessen ist. Mein berühmter Vorfahr schrieb, nachdem er die damals gängigen Etiketteregeln aufgelistet hatte, darunter: „Dies sind nur die kleinen Dinge der Welt, aber jeder kluge Mensch soll sich bewusst darüber sein, dass seine persönliche zeitliche Wohlfahrt immer wieder von Menschen abhängt, denen diese kleinen Dinge wichtig sind. Daher wäre es dumm sie einfach zu missachten.“

Das Buch „Anleitung zum Unhöflichsein“

Moritz Freiherr Knigges Buch heißt „Anleitung zum Unhöflichsein. Von der Kunst, sich virtuos danebenzubenehmen“, 240 Seiten, 12,99 Euro, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

 

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