Was einen guten Regenschirm ausmacht

In der Werkstatt macht Schirmmachermeister Walter Wagner kaputte Schirme wieder regenfit.
In der Werkstatt macht Schirmmachermeister Walter Wagner kaputte Schirme wieder regenfit.
Foto: Knut Vahlensieck / WAZ Fotopool
Mit dem richtigen Regenschirm kann ein Herbst-Schauer fast ein bisschen Spaß machen. Aus Karbon, aerodynamisch, mit Gehhilfe – von Hand gefertigte Exemplare können Jahrzehnte halten. Und bei Bedarf auch repariert werden.

Essen. Es schüttet, fisselt, nieselt, gießt, regnet Bindfäden, Hunde und Katzen, wie aus Eimern oder Kübeln. Glücklich, wer sich jetzt unter einen großen Schirm flüchten kann. Einst Accessoire der Damen und Herren höheren Standes zeugte das tragbare Dach mit Elfenbeingriff, Stahl- oder Fischgrätengestell und Seidenbezug von der vornehmen Herkunft seines Besitzers. Nicht selten wurden Gold, Edelsteine oder Waffen im Griff versteckt.

Heute werden in Deutschland jedes Jahr 26 Millionen Schirme verkauft, meist stammen sie aus chinesischer Produktion und können für ein paar Euro an fast jeder Straßenecke erworben werden. „Das ehemalige Herrschaftssymbol ist zum Wegwerfartikel verkommen“, sagt Willy Schüffler, einer der letzten deutschen Schirmmachermeister. In seinem Geschäft in Essen-Heisingen verkauft er von Hand gefertigte Schirme, die „ein Leben lang, oder zumindest 30, 40 Jahre halten“.

Worauf muss ich achten, wenn ich einen Schirm kaufe, Herr Schüffler?

„Ein Schirm sollte zehn Speichen haben – das ist ein Qualitätsmerkmal.“ Nicht sechs, nicht acht, nicht zwölf, es sollten zehn sein. Das hängt mit der „optimalen Gestellgeometrie“ zusammen. Bei zehn Speichen sei die Stabilität am höchsten, erklärt der Experte, die Mechanik leicht zu handhaben und die „Dachspannung“ am schönsten.

Aus welchen Materialien sollte mein Schirm bestehen?

Das Gestell sollte am besten aus Stahl oder karbonverstärktem Fiberglas gefertigt sein. Einfache Kunststoffe sind weniger gut, da sie altersbedingt brüchig werden können. „Solche Modelle gehen dann auch mal ganz von selbst kaputt“, sagt Schüffler.

Für den Bezug wird häufig Nylon (also Polyamid) verwendet; Schüffler empfiehlt lieber Polyesterbezüge: Die seien formstabil und reißfest. Für „Liebhaber“ gibt es außerdem Bezüge aus speziellen Baumwollstoffen. Von der Seidenbespannung ist man mittlerweile ganz abgekommen, da Seide schnell verschleißt. Beschichtet werden die Stoffe mit Teflon, damit das Wasser an ihnen abperlt, sie schmutzabweisend und schnelltrocknend sind.

Wie viel Sturm verträgt ein hochwertiger Schirm?

Im Windkanaltest werden Schirme Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern ausgesetzt. „Zehn-Speichen-Schirme halten auch 130 Stundenkilometer aus“, sagt Schüffler. „Dann geht allerdings auch niemand mehr vor die Tür.“ Zum Beweis verbiegt der Schirmmacher ein Zehn-Speichen-Exemplar und simuliert so den gemeinen Herbststurm – der Schirm gibt sich unbeeindruckt. Billige Fließbandware ist laut Experte allerdings wesentlich empfindlicher.

Was muss ich für einen Schirm ausgeben?

Handgearbeitete Schirme sind bei Willy Schüffler ab 50 Euro zu bekommen. Je nach Bauweise, Stoff und Holz wird es teurer. Gebräuchliche Hölzer sind Buche, Kastanie und Ahorn – außergewöhnlicher sind da schon Malakka (ein Palmholz) oder Perlbambus. „Bambus zu biegen ist eine seltene Kunst geworden“, sagt Schüffler. Wer es gern besonders exklusiv mag, kann für ein Modell mit Griff aus Sterling-Silber und Namensgravur auch 700 bis 800 Euro ausgeben.

Gibt es Schirm-Trends?

Früher waren elegante Schirme „ein Muss“, so Schüffler, heute liegen „sportliche Modelle“, sowohl mit Karo-, als auch Leomuster im Trend. Seit einiger Zeit schiebt man zwischen sich und den grauen Himmel gern kräftige Farbtöne. Die Signalfarben leisten dann ganz nebenbei noch einen Beitrag zur Sicherheit des so Beschirmten.

Auch individuelle Fotodrucke oder reflektierende Elemente sind beliebt. Senioren bevorzugen ein Modell, das einen herausnehmbaren Gehstock mit variabler Länge im Griff verbirgt.

[kein Linktext vorhanden]Von kuriosen Entwicklungen wie dem Schirm mit „aerodynamischem Dach“ oder mit einer Art Lüftung im Bezug hält Schüffler nichts: „So etwas ist Quatsch – ein schlechtes Gestell lässt sich nicht durch die Dachform überlisten.“

Was tun, wenn der Schirm doch mal kaputt geht?

Dann kann der Experte ihn reparieren. In seiner Werkstatt finden sich unzählige Griffe, Gestänge, Schiebeglocken, Schirmspitzen, Gummipuffer, Federn, Knöpfe, ...

Schließlich muss so ein Schirm einiges aushalten, von Regen und Sturm ganz abgesehen: „Mal setzt sich jemand drauf, dann schiebt man den Autositz drüber, dann wird er in einer Tür eingeklemmt“.

Regenschirme immer aufgespannt trocknen lassen

Für die Schirmpflege gibt es nur eine Grundregel: den Schirm immer aufgespannt trocknen lassen – „sonst leiden Stoff und Gestänge“. Und wie vermeide ich, das gute Stück in der Bahn oder einem Geschäft zu vergessen? „Es gab mal eine spezielle Versicherung“, erklärt Schüffler, „die war im Kaufpreis enthalten. Wer seinen Schirm irgendwo liegen gelassen hatte, konnte die Versicherung in Anspruch nehmen“. Dieses Angebot gibt es heute nicht mehr. „Allerdings nicht, weil es zu oft genutzt wurde“, so Schüffler, „sondern weil die Kunden zu selten Ansprüche anmeldeten“.

Einen teuren Schirm zu besitzen scheint also ganz automatisch gegen die ansonsten weit verbreitete Schirm-Vergesseritis zu helfen.

 
 

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