Warum es scheiße ist, dass es den Tag gegen Homophobie gibt

Am 17. Mai wird auf der ganzen Welt wie hier in Kiew der Internationale Tag gegen Homophobie gefeiert.
Am 17. Mai wird auf der ganzen Welt wie hier in Kiew der Internationale Tag gegen Homophobie gefeiert.
Foto: GLEB GARANICH / REUTERS
  • Heute findet der Internationale Tag gegen Homophobie statt, um für LGBT-Rechte zu protestieren
  • Unser Autor schreibt aus persönlicher Erfahrung, warum dieser Tag eigentlich traurig ist

Berlin.  Immer, wenn ich zu meiner Oma fahre, habe ich Angst. Ich habe Angst davor, wenn sie mir wieder stolz erzählt, wie gut sie den Fragen der Nachbarn aus dem Weg gegangen ist, warum ich sie immer mit einem Mann besuche. Ich fürchte mich dann auch vor ihren Augen, die immer so traurig aussehen, weil sie weiß, dass ich sie nie mit Urenkelkindern beglücken werde. Und weil ich nicht mal selbst weiß, ob ich irgendwann Kinder adoptieren kann.

Dass ich schwul bin, weiß ich seit gut einem Jahrzehnt. Meine Mitschüler wussten das offenbar schon vor meinem Outing. Ich erinnere mich noch an ihre abfälligen Blicke und daran, wie sie mich als „Homofürsten“ oder „Schwuchtel“ bezeichneten. Wie sie mich beim Fußball im Sport immer als letztes wählten. Und wie ich eigentlich auch außerhalb des Unterrichts isoliert war, abgeschnitten, einsam. Anders.

Lebenspartnerschaft statt Ehe

Ich outete mich. Und zog in die Großstadt, nach Berlin, die als tolerante – wenn nicht sogar die toleranteste – Stadt Deutschlands gilt. Doch auch hier gibt es Ecken, in die ich mich nicht traue zu gehen. Weil es auch hier Nachrichten darüber gibt, in denen berichtet wird, dass Menschen zusammengeschlagen werden, weil sie lesbisch, schwul, bi oder trans sind. Und weil sie diese Liebe offen zeigten.

Deshalb müssen wir noch immer auf die Straße gehen, und dafür kämpfen, dass wir als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen werden. Denn noch immer finden es einer Studie der Universität Leipzig von 2016 zufolge 40,1 Prozent der Deutschen ekelhaft, wenn ich meinen Freund auf der Straße küsse. Noch immer darf ich nicht heiraten – sondern muss eine Lebenspartnerschaft eingehen, die der Ehe „gleichgestellt“ ist. Was für ein Wort.

Internationaler Tag gegen Homophobie

Immer wenn ich mit Bekannten darüber rede, wird nicht selten auf die Situation in anderen Ländern verwiesen. Dass ich dort mit dem Tod oder zumindest mit dem Gefängnis bestraft werden würde. Dass es mir hier in Deutschland „als Schwuler“ doch vergleichsweise gut gehen würde. Dass ich doch Glück hätte, nicht in Tschetschenien zu leben, wo derzeit offenbar massenweise Homosexuelle entführt und getötet werden.

Allein dieser Satz zeigt mir, dass wir – ungeachtet der vielen Errungenschaften in den vergangenen Jahren – noch einen langen Weg vor uns haben. Sonst müssten wir heute nicht aufstehen, um den Internationalen Tag gegen Homophobie feiern. Es ist ein trauriger Tag.

 
 

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