Veröffentlicht inPanorama

Warum die TV-Branche bei Serien Angst vor Neuem hat

1_In_aller_Freundschaft_Drehstart_17_Staffel.jpg
Foto: Saxonia/MDR
„House of Cards“ hin, „Homeland“ her – in Deutschland, so scheint es, gilt für Serien das Faßbinder-Motto „Angst essen Seele auf“. Das jedenfalls wurde bei einem Serien-Gipfel in Köln offenbar. Warum die Programm-Gewaltigen Angst vor dem eigenen Mut haben, hat Gründe.

Köln. 

Natürlich gibt es Zahlen. 42 Prozent aller Sendungen im TV weltweit sind mittlerweile Serien. „Der Markt für Fernsehserien war noch nie so gut wie heute“, bestätigt Peter Nadermann, deutscher Produzent und ehemaliger Leiter des Bereichs Koproduktion von ZDF Enterprises. „Die Nachfrage ist da. Vor allem jüngere Zuschauer bevorzugen ganz klar die Serie.“ Im regulären deutschen Fernsehen werden sie da immer seltener fündig, wie sich jetzt auf einem Branchengipfel in Köln, dem so genannten Drama-/Serien-Summit, einmal mehr zeigte.

Die Medienberatungsfirma HMR International hatte dazu geladen, zusammen mit den Kölner MMC Studios und dem Branchenblatt „The Hollywood Reporter“. Und gekommen waren wie schon in den Vorjahren Autoren, Produzenten und Programmplaner aus ganz Europa. Neue Projekte bekamen sie vorgestellt. Unkonventionelle, manchmal gewagte Pläne. Aus den USA, aus England und Skandinavien. Mittlerweile aber auch aus Südkorea oder der Türkei. Aus Deutschland leider in den seltensten Fällen.

Internationale Ermittler-Einheit

Nadermann etwa präsentierte „The Team“, eine europäische Koproduktion, an der insgesamt acht Länder beteiligt sind – immerhin auch das ZDF. Es geht um eine international besetzte Ermittler-Einheit, und die Serie soll durch extremen Realismus hervorstechen. Und das nicht etwa bei den Verbrechen, sondern bei der Arbeit der Fahnder. Gedreht wird auf Englisch. Treffen aber zwei Ermittler zusammen, die der gleichen Nation angehören, sprechen sie in ihrer Landessprache.

Auch die Reihe „The Fall“ ist anders. Vor allem, weil sie sich Zeit nimmt. „Am Ende der ersten Staffel sind wir dem Täter kaum einen Schritt näher gekommen. Und dieser Fall wird uns noch mindestens die kommenden zwei Staffeln beschäftigen, vielleicht auch länger,“ sagt Patrick Irwin, einer der Produzenten.

„Zu wenig Auswahl und zu viel Gleiches“

Wann und ob überhaupt beide Serien ins deutsche Fernsehen kommen, ist unsicher. Denn hier setzen Öffentliche-Rechtliche wie private Sender in seltener Einigkeit auf bewährten Stoff. „Es gibt zu wenig Auswahl und zu viel Gleiches“, findet Drehbuchautor Chris Geletneky („Pastewka“) und wünscht sich mehr Mut bei den deutschen Sendern.

Mut, der in den vergangenen Jahren allerdings selten belohnt wurde. Ob „Homeland“ oder „House Of Cards“ – vieles was gerne als Beispiel für das hohe Serien-Niveau vor allem in den USA angeführt wird, ist in Deutschland beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufen. „Die meisten Deutschen wollen solche Sendungen nicht sehen“, behauptet der Serienchef eines großen deutschen Senders hinter vorgehaltener Hand. Und die, die sie sehen wollen, die hätten sie längst gesehen, wenn ein frei empfangbarer deutscher Sender sie zeige. Im Bezahlfernsehen oder im Internet.

Spitzenquoten mit Konventionellem

Bei ARD und ZDF verweisen sie dabei gerne auf ihre Dauerbrenner, auf „In aller Freundschaft“ oder „Um Himmels willen“ und die zahlreichen Sokos, die meist seit Jahren und sehr konventionell produziert immer noch Spitzenquoten einfahren. Das werde sich auch so schnell nicht ändern, glaubt Dennis Eick, Dozent für das Drehbuchschreiben an Filmschulen und den Unis Köln und Düsseldorf. Jedenfalls nicht, so lange das überwiegend ältere Stammpublikum noch vor dem Bildschirm sitzt.

In spätestens „zehn Jahren“ aber, da herrschte Einigkeit unter den Experten, werde sich ein ganz anderes Bild bieten. Gut möglich, dass die nachrückenden Zuschauer dann schon vergessen haben, wo die frei empfangbaren Sender auf ihrer Fernbedienung liegen.