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Verwandlung eines Schönlings

Verwandlung eines Schönlings

Washington. 

Die Polizei, dein Freund und Helfer? Kino und Fernsehen in den USA unterlaufen gern das Saubermann-Klischee vom selbstlosen Diener des Gemeinwesens. Versoffene, kaputte, korrupte Cops, die im Schutze des Sheriffsterns zwischen Unterwelt und Justitia auf den eigenen Schnitt bedacht sind, gehören auf jedem Sender zum Repertoire. Einen wie Rust Cohle in „True Detective“ hat es bisher noch nie gegeben. Um den düsteren Angstzustand zu beschreiben, den dieser sehnige, wortkarge Ordnungshüter beim Zuschauer auslöst, muss man Anthony Hopkins lauernde Mimik als Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ heranziehen.

Umso erstaunlicher ist, wer ne­ben seinem Kompagnon Martin Hart (nicht minder bezwingend: Woody Harrelson) seit wenigen Wochen auf dem Sender HBO mit unterkühlter Bösartigkeit in den seelischen Abgründen Louisianas für Furore sorgt: Matthew McConaughey, gesprochen Mäck-Konnähäj, der Einfachheit halber zuweilen „MM“ genannt. Ein Typ, der über ein Jahrzehnt für seichte Sonnyboy-Streifen und Oberkörper ohne T-Shirts bekannt war, hat die Hallodri-Schublade endgültig verlassen und ist Charakterdarsteller geworden.

Bald drückt er seine Hände auf dem Walk of Fame in den Zement

Seine schauspielerische Vehemenz in der Aids-Moritat „Dallas Buyers Club“ bescherte dem Sohn eines Arbeiters aus der Ölindustrie und einer Kindergärtnerin neben anderen Meriten bereits den Golden Globe. Auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles wird der 44 Jahre alte Texaner in diesem Jahr auf dem „Walk of Fame“ seine Hände in den frischen Zement drücken. Sollte er am kommenden Sonntag auch den Oscar abräumen, wäre eine der erstaunlichsten Verwandlungen im Filmgeschäft perfekt.

Gefühlt gehört „MM“ seit 20 Jahren zum Stammensemble in einer Reihe austauschbarer gleichwohl erfolgreicher Denk-die-Hälfte-Komödien wie „Wedding Planner – Verliebt, verlobt, verplant“, „Zum Ausziehen verführt“, „Wie werde ich ihn los – in zehn Tagen?“ oder „Der Womanizer – Die Nacht der Ex-Freundinnen“. Dabei entstand von Matthew McConaughey das Bild eines Gesichts mit etwas zu weißen Zähnen auf einem etwas zu durchtrainierten Körper, der etwas zu lange in der Sonne war. MMs Südstaaten-Breitband-Slang und seine hüftaufwärts nackte Dauerpräsenz auf Zeitschriften mit Titeln wie „Männer-Gesundheit“ trug dazu bei, dass ihm 2005 von einer Klatschpostille der Posten des „sexiest man alive“ anvertraut wurde. Geilster Typ unter der Sonne. Alt wird man damit nicht. Es wurde Zeit für eine Kurskorrektur.

McConaughey machte sich rar, beriet mit Frau Camila, einer brasilianischen Schönheit, mit der er zwei Söhne, Levi und Livingston, und Vida, eine Tochter, hat, das Projekt Neuerfindung, wartete ab und griff erst zu, als Stoff und Rolle deckungsgleich waren. Plötzlich passte zusammen, was zusammengehört. In „Magic Mike“, in „Mud“ und in „Dallas Buyers Club“ kommt ein McConaughey zum Vorschein, der mit sensationell „angemessen“ („New Yorker“) beschrieben ist. Sein Mut zum Hässlichen mit Tiefgang begeistert Kritiker und Publikum gleichermaßen.

Drei Minuten mit Leonardo DiCaprio im Wolf of Wall Street

MM, 1969 in Austin geboren, hat seinen Körper vor der Kamera immer schon als Werkzeug eingesetzt. In „A Time To Kill“ 1996 war seine Sinnlichkeit prahlerisch. Adonis-Faktor hoch zwei. Heute, mit knapp 20 Kilogramm weniger auf den Rippen und eingefallenen Wangenknochen, die er sich als der homophobe Cowboy Ron Woodroof in „Dallas Buyers Club“ angehungert hat, ist McConaugheys Erotik eine ins Saure umschlagende Waffe geworden. Im Repertoire hatte er sie schon lange. Wer ihn vor 20 Jahren in der Rolle des oberlippenbärtigen Gigolos David Wooderson in Richard Linklaters „Dazed and Confused“ sah, wird heute denken: Wie konnte man dem Mann nur Unrecht tun, der kann ja wirklich spielen. Manchmal auch andere an die Wand. In „The Wolf of Wall Street“ reichen MM als durchgeknalltem Börsen-Hai, der sich primatenhaft an die Brust klopft und Indianergesänge anstimmt, drei Minuten mit Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio, um ihn bis zum Filmende bitter zu vermissen. Rust Cohle wird es, wenn sich das amerikanische Original von „True Detective“ ab Mitte April auf Sky Atlantic in synchronisierter Fassung auch in Deutschland eine Fangemeinde schaffen wird, ähnlich ergehen.