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Süchtig nach Rock’n’Roll – Alice Cooper wird 70 Jahre alt

Süchtig nach Rock’n’Roll – Alice Cooper wird 70 Jahre alt

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ARCIV - 20.10.2011, Sachsen, Chemnitz: Der US-amerikanische Rockmusiker Alice Cooper startet seine Deutschland-Tournee „No More Mr. Nice Guy“. (zu dpa „Der König des Kunstbluts: Schock-Rocker Alice Cooper wird 70“ vom 29.01.2018) Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa
Auf der Bühne schockt er mit Guillotinen, privat ist er ganz brav. Alice Cooper steht seit 50 Jahren auf der Bühne. Jetzt wird er 70.

New York. 

Wenn Alice Cooper nicht gerade mit schaurigem Make-Up, Kunstblut und geköpften Baby-Puppen auf der Bühne steht, ist er meist auf dem Golfplatz oder in der Kirche zu finden. Der „Erfinder des Schockrocks“ ist privat ganz brav: Seit mehr als 40 Jahren mit derselben Frau verheiratet und Vater von drei Kindern.

22 Stunden am Tag sei er der ganz normale Vincent Damon Furnier, als der er geboren wurde, sagte der US-Musiker einmal in einem Interview. „Die restliche Zeit bin ich Alice Cooper, eine völlig eigenständige Persönlichkeit.“

Seit fast 50 Jahren tourt Cooper mit Giftschlangen, Guillotinen und anderen Grusel-Accessoires um die Welt und denkt gar nicht ans Aufhören, auch wenn er am heutigen Sonntag 70 Jahre alt wird. „Das hat glaube ich etwas mit der Sucht nach Rock’n’Roll zu tun“, sagte er jüngst dem „Rolling Stone“. Vor wenigen Monaten erst veröffentlichte er mit „Paranormal“ sein 27. Studioalbum, für 2018 hat er schon wieder zahlreiche Tourdaten für die USA und Kanada angekündigt.

Alice Cooper will Fans Show und Spaß bieten

Wirklich ernst nimmt Cooper sein Auftreten aber selbst nicht. Schon zu Beginn seiner Karriere sei ihm schnell klar geworden, dass er kein hochtrabender Künstler, sondern einfach ein Entertainer sei, sagte der Schockrocker einmal. „Wenn auch ein Entertainer des Grauens. Das macht wenigstens etwas her.“

Seinen Fans will er bei Konzerten schlicht Show und Spaß bieten. „Alles in allem bezahlt man bei einer Alice-Cooper-Show Eintritt für zwei Stunden Fahrt mit der Geisterbahn. Wer das wirklich ernst nimmt – den kann ich selbst nicht wirklich ernst nehmen.“

Die Karriere des heutigen Schockrock-Stars begann einst ganz harmlos. Als Sohn eines Priesters wurde Vincent Damon Furnier in Detroit im US-Bundesstaat Michigan geboren und zog später mit seiner Familie nach Arizona.

Mit Freunden aus dem Langlauf-Team nahm Cooper aus Spaß an Talentwettbewerben teil, zunächst noch als Beatles verkleidet. Nach einigen Umbesetzungen, Umbenennungen und einem Umzug nach Los Angeles bekam die Truppe dann einen Platten-Vertrag. Ein magisches Hexenbrett soll der Legende nach den endgültigen Bandnamen „Alice Cooper“ ausgespuckt haben.

„School’s Out“ brachte den Durchbruch

Frühe Alben verkauften sich nicht schlecht, aber erst der Song „School’s Out“ – noch heute ein Dauerbrenner im Radio – brachte 1972 den internationalen Durchbruch. Weitere Charts-Bestseller wie „No More Mr. Nice Guy“ folgten. Unaufhaltsam tourte die Band, oft begleitet von heftigen Protesten wegen der gruseligen und von Kritikern als geschmacklos verurteilten Bühnenshows.

Aber der viele Stress und Alkohol führte die Band in einen Dauer-Streit. Schließlich reklamierte Cooper den Bandnamen für sich alleine und startete solo. Die Namensänderung sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen, sagte Cooper später. „Welcome To My Nightmare“ hieß das erste Solo-Album des Rockers 1975.

Der Erfolg blieb Cooper erhalten, aber auch der Alkohol ließ ihn nicht los. „Ich war mein ganzes Leben Alkoholiker, aber all die Autos, Häuser, Frauen, Drogen – am Ende bleibt Dir nichts“, sagte der Rocker mit den langen Haaren und den auf der Bühne immer kohlschwarz umrandeten Augen einmal. „Es gab Phasen in meinem Leben, an denen ich keine Ahnung mehr hatte, wer ich eigentlich war und was ich da machte.“ Schließlich wies sich Cooper freiwillig selbst in eine Entzugsklinik ein.

Kirche und Golf retteten den Grusel-Rocker

Geholfen hätten ihm aber vor allem zwei Sachen: Kirche und Golf. „Ich habe mich damals nach etwas umgesehen, das mich vom Alkohol abhalten würde.“ Also versuchte sich Cooper mit dem Golfschläger – und hatte sofort eine neue Sucht entdeckt.

„Da war ich, der König des Schockrock, und spielte das Spiel aller Mütter und Väter. Das war wirklich eine merkwürdige Situation, weil ich bemerkte, dass ich mitten im Feindesland war – und das auch noch gut konnte.“ Einige Profi-Golfer, mit denen Cooper inzwischen eng befreundet ist, sagen sogar, dass Cooper durchaus auf ihrem Niveau mithalten könne.

Der Grusel-Rocker, der jeden Tag nach dem Frühstück 20 Minuten in der Bibel liest, ist auch Familienmensch und hat gemeinsam mit der Tänzerin Sheryl Goddard drei Kinder großgezogen. Zu Hause sei er lieb und brav, beteuert Cooper. „Ich habe den merkwürdigsten Charakter des Planeten. Ich benutze keine Kraftausdrücke und ich werde nie sauer. Für meine Familie bin ich ein Held.“ Tochter Calico ist ebenfalls Musikerin und auch die Enkel spielen bereits Luftgitarre, sagt Cooper. „Ich trainiere sie schon mal ein bisschen. Das werden die nächsten Rockstars der Familie Cooper.“

Vorbild beim Thema Ruhestand ist Mick Jagger

Auf der Bühne aber brauchen Fans nicht den braven Familienhelden, sondern „Alice, den Wüterich“. Und das ruhig noch eine ganze Weile. „Ich halte mich an Mick Jagger. Der ist sechs Jahre älter als ich. Deshalb denke ich, wenn der in Ruhestand geht, habe ich immer noch sechs Jahre vor mir.“ In Wahrheit ist Mick Jagger fünf Jahre älter als Cooper.

Andere Künstler und Bands, wie Marilyn Manson und Kiss, haben den Schockrock längst übernommen, aber auch Cooper selbst hat trotz fast 50 Jahren mit Klapperschlangen, Kunstblut und Knochendeko auf der Bühne immer noch nicht genug davon, wie er einmal der Deutschen Presse-Agentur sagte: „Hey! Ich habe diese Art der Show erfunden, also habe ich auch ein Recht darauf, sie bis ans Ende aller Tage aufzuführen!“

Außerdem: „Ich glaube, ich habe noch nicht meine besten Songs geschrieben und meine beste Show gezeigt. Ich lebe nicht in der Vergangenheit, sondern denke immer daran, was als nächstes kommen kann.“ (dpa)