Schiffsunglück vor der mystischen Loreley

Ein Schiff kenterte auf dem Rhein. Zwei Besatzungsmitglieder werden noch immer vermisst. Foto: dapd
Ein Schiff kenterte auf dem Rhein. Zwei Besatzungsmitglieder werden noch immer vermisst. Foto: dapd
Foto: dapd

St. Goarshausen.. Auf dem Rhein bei St. Goarshausen ist ein Schiff gekentert. Zwei Besatzungsmitglieder werden noch immer vermisst. Das Unglück ereignete sich direkt vor der Loreley – der Frau, die laut Legende schon mehrere Schiffe zum Kentern gebracht hat.

Oben auf dem Felsen, da soll die Loreley gesessen haben. Unbekleidet, blond und lang das Haar, bezaubernd die Stimme, mit der sie sang. So bezaubernd, dass ihr unten auf dem Rhein bei St. Goarshausen die Schiffer reihenweise verfielen und ihre Kähne versehentlich versenkten. Das ist die Legende. Unten, vor dem Felsen, liegt seit gestern ein gekentertes Schiff und zwei Mann der Besatzung werden vermisst, sind wahrscheinlich tot. Das sind die Tatsachen. Im Inneren des Tankers schwappen 2,4 Millionen Liter hochkonzentrierte Schwefelsäure. Sie könnten auslaufen, wenn das Schiff durch das stetig steigende Hochwasser auseinander bricht. Das sind die Sorgen.

Echte Herausforderung

Es regnet. Und der Wind, der bei St. Goarshausen immer wieder heftig über den Rhein weht, bringt den Geruch von Diesel mit. Diesel, der ausgelaufen ist aus dem Motorraum der MS Waldhof, von der – mitten im Fluss – nur noch ein Stück des Rumpfes aus den brauen Fluten ragt.

Gegen 5 Uhr soll es gewesen sein, als das Schiff auf seinem Weg von BASF in Ludwigshafen zum Hafen nach Antwerpen den Felsen der Loreley passierte. „Gesehen hat das keiner“, sagt Ronald Eppelsheim von der Technischen Einsatzleitung. Gesehen hat man nur, dass es plötzlich vom Radar verschwunden ist. Als der Morgen dämmert, liegt sie da, gekentert, nach links gekippt und gesunken. Zwei von vier Besatzungsmitgliedern werden unterkühlt und unter Schock stehend aus dem vier Grad kalten Wasser gerettet. Von den anderen beiden fehlt bis zum Abend jede Spur, obwohl die Retter mit großem Aufgebot anrücken, schnell Zelte und Scheinwerfer aufstellen, Boote zu Wasser lassen und einen Helikopter in den Himmel. Mit Wärmebildkameras suchen sie kilometerweit den Rhein und seine Ufer ab. Vergeblich.

Ein Boot mit Polizeitauchern fährt zum Wrack raus

Früh am Nachmittag fährt deshalb ein Boot mit Polizeitauchern raus zum Wrack. „Sollen auf Klopfzeichen achten“, hat ein Passant gehört. Weil die Überlebenden berichtet haben, ihre vermissten Kollegen seien in der Kabine und im Maschinenraum gewesen, doch sein Nebenmann winkt ab. „Nutzt doch nichts. Die sind doch längst tot.“ Eppelsheim zuckt die Schultern. „Die Chancen stehen schlecht.“

Was passiert ist am frühen Morgen, weiß noch niemand. Gesang ist jedenfalls nicht erklungen, oben vom Berg. Und auch die spitzen Felsen in der Nähe der Unglücksstelle, die – wie eine andere Legende berichtet – mal sieben ständig klagende und meckernde Jungfrauen gewesen sein sollen, sind wohl nicht schuld. Sie gefährden die Schifffahrt nur, wenn der Rhein wenig Wasser führt. Und davon ist der Strom derzeit weit entfernt. Dennoch könnte Unaufmerksamkeit die Unglücksursache gewesen sein. Der Rhein rund um die Loreley gilt als „nautische Herausforderung“, selbst wenn die blonde Dame in luftiger Höhe nicht singt. Kurvig, mit vielen Untiefen und starker Strömung“, weiß Eppelsheim. Schwierig zu meistern. Besonders mit einem Tanker, dessen Tanks bei weitem nicht voll sind. Hin und her schwappen konnte die Schwefelsäure da und das Schiff schließlich zum Kentern bringen. „Aber noch sind das Spekulationen“, sagt der Mann von der Technischen Einsatzleitung.

Immerhin, „die Tanks halten“, sagt ein Sprecher der Polizei. Für Entwarnung ist es aber zu früh.

In den nächsten Tagen soll der ohnehin bereits Hochwasser führende Rhein weiter steigen. Das könnte die Waldhof auseinanderbrechen lassen. Schlepper versuchen deshalb, den Tanker in Position zu halten. So schnell wie möglich sollen Spezialschiffe nun die Säure abpumpen und das Schiff bergen. Tage kann das dauern, je nach Wetter vielleicht sogar Wochen. BASF hat bereits Experten an den Unglücksort geschickt.

Die Reihen lichten sich

Es beginnt schon wieder zu dämmern, als sich die Reihen der Schaulustigen lichten. „Passiert ja nichts mehr“, glaubt ein junger Mann und geht vorbei an einer großen Infotafel, die am Ufer steht. „Binnenschiffe sind in Sachen Sicherheit unschlagbar“, steht da drauf.

Es sei denn, die Loreley ist in der Nähe. Selbst wenn sie schweigt.

 
 

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