Ronnie Biggs bereut den Postzugraub von vor 50 Jahren nicht

Frank Preuß
Der legendäre Posträuber Ronnie Biggs scheint erneut ein Coup gelungen zu sein: Er erfreut sich bester Gesundheit. Vor wenigen Jahren war er todkrank und wurde deshalb aus der Haft entlassen.
Der legendäre Posträuber Ronnie Biggs scheint erneut ein Coup gelungen zu sein: Er erfreut sich bester Gesundheit. Vor wenigen Jahren war er todkrank und wurde deshalb aus der Haft entlassen.
Foto: Getty
1963 haben Ronnie Biggs und seine Komplizen einen Postzug überfallen. Die Geldsumme, die sie erbeuteten, wäre heute umgerechnet 46 Millionen Euro wert. Biggs war Jahre auf der Flucht, wurde schließlich begnadigt, weil er schwerkrank war. Heute ist er wieder fit - und bereut nichts.

Essen. Der alte Mann lebt noch und hat vor zwei Tagen dem Daily Mirror ein ziemlich fröhliches Interview gegeben. Das ist vielleicht erst einmal die zentrale Nachricht zu Ronald Biggs’ 84. Geburtstag, der zufälligerweise auf denselben Tag fällt, wie das Ereignis, das unauslöschlich mit ihm verbunden ist: der 50. Jahrestag des legendären Postzugraubs vom 8. August 1963.

Kurz vor seinem 80. hatte die britische Regierung den Ganoven begnadigt, und sein Anwalt diktierte den Reportern damals die vermeintliche Todesanzeige in die Blöcke: „Er kommt nur noch raus, um zu sterben.“ Das war 2009, Biggs litt an einer schweren Lungenentzündung, hatte Schlaganfälle und einen Herzinfarkt hinter sich, und Innenminister Jack Straw ließ angesichts des Erwartbaren Gnade vor Recht walten.

Das Männlein, das da zum Gespräch mit einem englischen Reporter diese Woche im roten Plüschsessel daheim hockt, sieht zwar nicht putzmunter aus. Aber Ronald Biggs hat sich ganz offensichtlich erholt und sein Anwalt damals womöglich ein bisschen geflunkert. Ronnie Biggs ist immer noch da, um seine Geschichte vom Millionenraub und seinem Leben in Rio zum tausendsten Mal zu erzählen. „Der Überfall war einer meiner größten Hits. Wenn es das ist, was meine Fans immer noch von mir hören wollen – wer bin ich, sie zu enttäuschen?“

Die Bande erbeutete 46 Millionen Euro

In der 15-köpfigen Bande, die eine Summe erbeutete, die heute etwa einem Wert von 46 Millionen Euro entspricht, war Biggs ein Mitläufer. Trotzdem wurde keiner so berühmt wie er. „Die anderen haben mich auch immer gefragt, wie das sein kann“, hat er dem „Mirror“ erzählt und hinzugefügt: „Ich hab’ immer gesagt, das ist doch offensichtlich. Ich sah am besten aus und war der sexyeste in der Bande.“

Es ist aber wohl eher die Flucht mit all ihren Kapriolen, das Katz- und Mausspiel mit Scotland Yard, das Biggs zum Star unter den Verbrechern überhaupt gemacht hat. Zu einem, der in vielen Leuten weltweit und gerade auch in seiner englischen Heimat heimliche Komplizen fand: Der darf nicht erwischt werden, dachte man sich und blendete dabei ganz gern aus, dass die Bande den Lokführer damals übel zugerichtet hatte.

„Ich war mehr als dreizehntausend Tage auf der Flucht, und mein Leben war wie eine Seifenoper“, erzählt er. Zu 30 Jahren Haft hatten sie ihn 1964 verknackt, aber Biggs entkam ein Jahr später aus dem Gefängnis, flüchtete über Paris nach Australien und ließ sich 1974 in Rio de Janeiro nieder. Brasilien hatte kein Auslieferungsabkommen mit Großbritannien.

Er sang mit den Sex Pistols und den Toten Hosen

„Ronald Biggs“-Kaffeebecher und T-Shirts mit seinem Konterfei verkaufte er am Strand. Für 60 Dollar bot er Touristen ein Frühstück mit einem echten Verbrecher an. Der „Lonely Planet“-Reiseführer schwärmte gar von einem Höhepunkt, wenn man Rio besuche. Biggs’ brasilianische Freundin brachte seinen Sohn Michael zur Welt, er sang mit den Sex Pistols und den Toten Hosen, und doch wurde er in der Fremde, jenseits aller Strand- und Mädchen-Romantik nicht wirklich glücklich. Müde und krank kehrte er 2001 freiwillig nach England zurück, um die restlichen 28 Jahre Haft abzusitzen.

„Im Moment bin ich einfach froh zu leben, froh, dass man sich an mich erinnert“, sagt Ronnie Biggs heute. „Und wenn ihr mich fragen wollt, ob ich es bereue, einer der Postzugräuber gewesen zu sein, würde ich Nein sagen.“

Fragen wir nicht. Weil wir die Antwort ja gewusst haben.