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Regie-Star Dominik Graf bringt Bochumerin groß heraus

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Foto: Julia von Vietinghoff
Grimme-Rekordpreisträger Dominik Graf bringt in seinem Heimatkrimi „Die reichen Leichen“ (Samstag, BR, 20.15 Uhr) den Starnberger See und das Ruhrgebiet zusammen. Die Bochumerin Annina Hellenthal ist Grafs neue Entdeckung. Sie spielt eine Polizistin aus Dortmund, die am Millionärssee ermittelt.

München. 

Vor sechs Jahren startete der Bayerische Rundfunk in seinem Dritten eine Reihe, die bundesweit Beachtung fand: „Heimatkrimi“. Sie sollten stärker als der „Tatort“ das Besondere von Land und Leuten herausarbeiten, Sprachfärbung inklusive. Am Samstag, 20.15 Uhr, geht es Grimme-Rekordpreisträger Dominik Graf um „die reichen Leichen“ am Starnberger See. Dabei spielt er mit Alpen-Mythen wie König Ludwig II. und der Sisi. Dem bizarren Treiben sieht ausgerechnet eine Kommissarin aus Dortmund zu. Welches Schauspiel-Talent sich dahinter verbirgt, verriet Graf Jürgen Overkott.

Das Besondere an Ihrem Starnberg-Krimi ist die Polizeianwärterin aus Dortmund. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Der Drehbuch-Autor ist darauf gekommen, Sathyan Ramesh. Er stammt aus Köln, und vermutlich hatte er die Idee eine Figur zu schaffen, die sich, wie er, auf Starnberg einlassen musste, um allmählich die Hinter- und Abgründe dieser Stadt kennenzulernen, die wir als Millionärs-Kleinstadt wahrnehmen.

„Mein Vater stammt aus Dortmund“

Steht Dortmund-Starnberg für soziale Fallhöhe?

Nicht ganz. Wir haben eine Hintergrund-Geschichte eingebaut: nämlich dass die Polizistin als Kind schon mal da war. Damals konnten es sich die Eltern den Urlaub im Süden noch leisten. Das hat sich aber inzwischen geändert. Dass passt zu Dortmund: Die Stadt war bald nach der Wende lange Zeit ein Aushängeschild für die Verarmung der Region.

Sie kennen sich im Revier gut aus, nicht nur weil Sie der Grimme-Stadt Marl ein Film-Porträt gewidmet haben. Was ist Ihnen im Ruhrgebiet aufgefallen?

(überlegt) Mein Vater stammt aus Dortmund. Das ist schon eine Art von schleichendem Niedergang, eine Depression, die vordergründig mit der Vision eines grünen Ruhrgebiets konterkariert wird. Das mag weltanschaulich ein Fortschritt sein, aber man denkt jeden Moment daran, dass die Regionmal in einer industriellen Hoch-Blüte gestanden hat.

„Die Hütten und die Zechen machten auf mich einen ungeheuren Eindruck“

Woran machen Sie den schleichenden Niedergang fest?

Die Hütten und die Zechen machten auf mich als Kind – ich kann es nicht leugnen – einen ungeheuren Eindruck.Und wir haben in den 70ern bei den frühen „Schimanskis“ immer die Hochöfen ins Bild genommen – als Menetekel einer Arbeiter-Landschaft, die nicht untergehen durfte.Jetzt sehen wir eine Gesellschaft, die keine Wahrzeichen mehr hat, die Arbeit symbolisieren. Stattdessen das verkaufte Dortmunder U. Oder nehmen wir den Marl-Film: Natürlich hängt das Überleben einer Stadtkultur am Geld. Auf der anderen Seite sind wir doch angeblich das reichste Land der Welt. Warum haben wir dann nicht das Geld, um Marl zu retten, schon allein wegen der Architektur in der Stadt? In Marl sieht man, quasi konzentriert, die Katastrophe des Ruhrgebiets.

Der Starnberger See erzählt die gegenteilige Geschichte.

Der Starnberger See war immer schon ein Einfallsgebiet von Touristen. Seit ungefähr drei Generationen geht das so. Heutzutage gibt – zugegeben – sind es mehr die Reichen als die Künstler…

„Ich bin als Drei-, Vierjähriger öfter mal in den See gefallen“

…im grüne“n Vorort von München…

…natürlich. Auch der Herr Maschmeyer hat sich eine große Villa am See umgebaut. Der See hat inzwischen den Ruf, der sagt, da wohnen die Reichen. Trotzdem hat er letzten Endes auch noch seine eigene Mythologie und seinen Charme behalten. Und das gilt auch für Starnberg, eine Stadt, die seltsam unterschiedlich daherkommt. Da gibt’s den Segelclub, und ein paar Meter weiter gibt’s die herrliche Understatement-Betonpromenade und den noch schöneren Durchgang unter den Bahngleisen, an dem Bettler sich auch nicht deplaziert fühlen würden. Und dann gibt’s auch noch die kleinen Lädchen, von denen manche mühsam versuchen, sich zu behaupten – alles in allem ein Vorposten der Haupt-Stadt.

Was sind Ihre eigenen ersten Erinnerungen an den See?

Ja, ich bin als Drei-, Vierjähriger öfter Mal beim sonntäglichen Gaststättenbesuch in den Starnberger See gefallen. Und jedes Mal wenn ich den Grund berührt hatte und aus dem Wasser gefischt worden war, mussten wir eilig aufbrechen und nach Hause fahren. Ich erinnere mich speziell an das Hotel-Café Leonie, ein Motiv, das wir im Film aufnehmen.

„Der See hatte eine magnetische Anziehung“

Wie fühlten sich die Dreharbeiten an?

Wir waren vier Wochen dort. Ich habe auch in der Gegend gewohnt. Und als wir drehten, wechselte gerade das Wetter von Sommer zum Früh-Herbst. Die morgendlichen und abendlichen Nebel und Stimmungen – der See hatte eine magnetische Anziehung.

Zum Ensemble zählen viele Namen, die aus bayerischen Filmen bekannt. In der Liste fällt mir ein vergleichsweise unbekannter Name auf: AnninaHellenthal.

Sathyan Ramesh lehrt an einer Schauspielschule in Köln, und hatte mir immer wieder mal Videos von begabten Schülern zukommen lassen, und dazu zählte eben auch Annina. Ich habe sie mir 2 Jahre lang gemerkt, sie war – wie es im „Kicker“ immer heisst- „Im Blickfeld“. Die Aufgabe bestand darin, für sie die richtige Rolle zu finden. Und Sathyan hat mir dann Anlass und Rolle geliefert. Für die NRW-Polizeianwärterin konnte man nur sie besetzen: von Bochum an den Starnberger See.

„Wo Starnberg drauf steht, ist auch Starnberg drin“

Der Starnberg-Krimi wird als Heimat-Krimi verkauft.

Wissen Sie, jeder gute Krimi ist auch ein Heimatkrimi. Die Polizisten ermitteln an einem Ort, und der Ort spielt manchmal eine größere Rolle als sie selber. Ich glaube auch, dass alle Polizeifilme, die ich gemacht habe, immer auch Filme über Städte und Landschaften sind. Dass die Kriminalität in die Provinz zieht, ist ja auch nix Neues. Ich finde es schön, alle die Heimat-Orte, die jetzt für Filme erkoren werden, aus der polizeilichen Perspektive zu sehen.

Singen Sie das Hohe Lied auf den Vor-Ort-Dreh?

Na ja, zum Beispiel „Die Katze“ mit Götz George und Gudrun Landgrebe spielte in Düsseldorf. Aber drei Wochen des Außendrehs wurden nach München verlegt. In München mussten also Orte gefunden werden, die zu Düsseldorf passen. Das ist oft so, fragen Sie den Münster-Tatort. Aber für die „reichen Leichen“ kann ich sagen: Wo Starnberg draufsteht, ist auch Starnberg drin.