"Professor Schlager" Ingo Grabowsky leitet das Kloster Dalheim

Annika Fischer
Ingo Grabowsky im Landesmuseum Kloster Dalheim.
Ingo Grabowsky im Landesmuseum Kloster Dalheim.
Foto: Tim Schulz / WAZ FotoPool
Man nennt ihn „Professor Schlager“: Musik-Experte Ingo Grabowsky übernimmt die Leitung im Landesmuseum Kloster Dalheim – und will dort Leben ins Spiel bringen. Schon jetzt sei Dalheim „eine Art Gesamtkunstwerk“, ein „Ort mit besonderer Aura“, der aus der Vergangenheit in der Gegenwart „andockt“.

Dalheim. Das klingt nach einer hübschen Nachricht: Professor Schlager geht ins Kloster! Aber nicht, dass Dr. Ingo Grabowsky der Musik abschwören wollte, und auch nicht, dass er geht, um zu beten. Der Dortmunder Historiker ist der neue Direktor des Landesmuseums Kloster Dalheim.

Eben noch hat er im Radio Kundiges über Helene Fischer gesprochen („Ihre Lieder gehen schnell ins Ohr, aber auch schnell wieder raus“), und so ist Grabowsky ja bekannt geworden – als einer, der so ziemlich alles weiß über den deutschen Schlager, als Autor des Standardwerks „Die 100 Schlager des Jahrhunderts“, der einschlägige Interviews schon mal mit einem kräftigen „Hossa!“ beginnt. Wobei diese für manche spezielle Musik manchmal übertönt hat, dass der 43-Jährige eigentlich ein „Museumsmensch“ ist, wie er sagt, gefragter Ausstellungsmacher und seriöser Wissenschaftler.

Historisches und Mönchsleben

Slawistik hat Ingo Grabowsky einst studiert, verbrachte Jahre in Russland und auf dem Balkan, spricht Russisch und Serbokroatisch, leitete an der Ruhr-Uni immer wieder Seminare und Projekte. Mehr als fünf Jahre arbeitete er am Bonner Haus der Geschichte, kuratierte dort unter anderem die Schau „Keine Panik. Udo Lindenbergs bunte Republik“.

Dalheim.Da also war sie schon, die Verbindung von Hobby und Beruf. Die Leidenschaft für deutschsprachige Musik, die zu Abiturzeiten am Plattenschrank der Mutter ihren Anfang genommen hat: Dort entdeckte Grabowsky mit einem Freund die Scheiben aus den 60ern, legte sie auf, noch bevor das Schlager-Revival kam.

Als wenig später Dieter Thomas Kuhn dieselbe Musik auf die Schüppe nahm, wussten die Dortmunder: „Wir standen auf der richtigen Seite der Geschichte.“ Das will man als Historiker natürlich immer, und Grabowsky wäre nicht „Professor Schlager“, wie der Boulevard ihn einst taufte, hätte er nun nicht bereits einen Bogen geschlagen zwischen Schlager- und Klosterkultur: Beides, Musik und Mönchsleben, berühre die Menschen in ihrem Alltag. Man sei „fasziniert vom Fremden im Eigenen“, und falls das zu wissenschaftlich klingt: Wer weiß denn schon, wie wichtig das Klosterleben mit seinen Gewerken, mit seinem Denken einst für das Leben der Bürger war? Man denke nur an Hildegard von Bingen.

Monumentale Anlage mit 800-jähriger Geschichte

In Dalheim in Westfalen jedenfalls hat Grabowsky sich verliebt. „Jedes Kloster“, sagt er, und diese Anlage mit 800-jähriger Geschichte ist eine besonders monumentale, „eifert dem Idealbild eines Paradieses nach. Einen schöneren Arbeitsplatz kann man sich doch nicht vorstellen.“ Tatsächlich wirkt der Familienvater ein wenig wie ein Schlossherr, wenn er sich zwischen den alten Mauern bewegt und in den Gärten, in denen Kräuter wachsen, die an Maria erinnern, und Zaunwinde rankt als Symbol christlicher Bescheidenheit.

Das passt zu Ingo Grabowsky, der eigentlich ein gediegener Typ ist mit trockenem Humor. Der mit fühlbarer Begeisterung durch die altehrwürdigen Räume führt und ihnen als erstes eine Fußball-Ausstellung verpasste: Für „Im Fußballhimmel und auf Erden“ nutzte er seine Kontakte zum Dortmunder Fußballmuseum.

Musik, Märkte und Familien

So kamen ihm eine Locke Maradonas und der blaue Glückspulli von Jogi Löw ins Haus. Wenn der Museumsdirektor sagt, er wolle alsbald auch die Gärten mehr bespielen, meint er aber nicht den Fußball, er meint Musik, Märkte, Familien. Schon jetzt sei Dalheim „eine Art Gesamtkunstwerk“, ein „Ort mit besonderer Aura“, der aus der Vergangenheit in der Gegenwart „andockt“.

Und er muss dem Schlager ja nicht vollends die Ohren verschließen. Für nächstes Jahr nämlich arbeitet Grabowsky an einer großen Ausstellung über die „Sieben Todsünden“. Und hat nicht Zarah Leander gesungen: „Kann denn Liebe Sünde sein?“