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Patty Hearst – erst Geisel, dann „Terror-Lady“

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Vor 40 Jahren wurde die Großbürgertochter Patty Hearst entführt. Obskure Linksextremisten, die sich als Nachkommen Robin Hoods fühlten, hielten sie 57 Tage im Kleiderschrank gefangen. In der Geiselhaft veränderte sich die junge Frau – aus der Millionärstochter wurde eine beinharte Revoluzzerin.

Washington. 

Heute züchtet sie französische Bulldoggen, engagiert sich in der Kleinstadt Garrison nördlich von New York für Alzheimer-Kranke, sitzt stolz im Publikum, wenn ihre bildhübsche Tochter Lydia für bekannte Mode-Designer über den Laufsteg stolziert und lebt mit 60 das sorgenfreie Leben einer millionenschweren Witwe. Ein kleines Wunder. Vor 40 Jahren wurde Patricia Campbell Hearst durch ein Foto, das sie mit der Maschinenpistole bei einem Banküberfall zeigt, zur meistgesuchten Frau Amerikas.

4. Februar 1974. Patty Hearst, Enkelin des von Orson Welles in „Citizen Kane“ verewigten Medien-Zars William Randolph Hearst, bekommt in ihrer Studentenbude im kalifornischen Berkeley unerwarteten Besuch. Die „Symbiones Liberation Army“ (SLA) verschleppt die damals 19-Jährige und hält sie 57 Tage in einem Kleiderschrank gefangen. Die obskuren Links-Extremisten fühlen sich als Nachkommen Robin Hoods. „Tod dem faschistischen Insekt, das das Leben des Volkes aussaugt“. So verstiegen lautet ihr Schlachtruf.

Patty soll für ihre reiche Familie büßen

Sie begehen den ersten politisch motivierten Menschenraub Amerikas mit Bedacht. Patty Hearst soll büßen für ihre obszön reiche Familie, die Zeitungen und Fernsehsender besitzt. Die nur ein Dutzend Mitglieder zählende Terror-Gruppe verlangt, dass Pattys Vater Randolph Hearst eine flächendeckende Armenspeisung in der Bay Area um San Francisco bezahlt. Andernfalls ergehe es der Geisel schlecht.

Hunderttausende werden mit Nahrungsmitteln versorgt. Der alte Hearst lässt sich das sechs Millionen Dollar kosten. Der despotische SLA-Boss Donald Defreeze will mehr. Um Amerika wirklich zu treffen, soll sich Patty der „Revolution“ gegen die „Ausbeuter-Gesellschaft“ anschließen.

Aus braver Großbürgertochter wird Terroristin

Binnen zwei Monaten wird durch Indoktrination und sexuelle Gewalt aus der braven Großbürgertochter die nach einer Kampfgespielin Che Guevaras benannte Terroristin Tania. Ein Radiosender macht ihr Glaubensbekenntnis publik: „Ich habe mich der SLA angeschlossen.“ Weil „Schweine“ wie ihr Vater doch nur der „Unterdrückung der Massen“ Vorschub leisteten.

Ihrem Gesellenstück sieht dank einer Überwachungskamera die ganze Welt zu. In einer Filiale der Hibernia-Bank in San Francisco markiert Patty Hearst am 15. April 1974 mit der Maschinenpistole im Anschlag die beinharte Revoluzzerin. Die Beute fällt bescheiden aus. 10.000 Dollar. Für Hearst beginnt ein Leben als Gejagte. Hunderte FBI-Agenten sind hinter ihr her. Medien wittern die Story des Jahrzehnts. Siebenmal erscheint Patty Hearst auf dem Titel des Magazins Newsweek. Journalisten machen sie zur verwöhnten Hure. Oder zum kaltblütigen Terror-Girl, das Amerika vernichten will.

Von Bill Clinton begnadigt

Vernichtet wird aber nur das Gros der Terroristen. Bei einem stundenlang live im Fernsehen übertragenen und völlig aus dem Ruder gelaufenen Polizeieinsatz im Mai 1974 sterben in Los Angeles sechs SLA-Mitglieder im Kugelhagel. Hearst kann vorher untertauchen. Die Eltern setzen Wahrsager und die Mafia ein. Niemand findet sie. Das FBI warnt auf Fahndungsplakaten: „Vorsicht, gefährlich!“. Im September 1975 wird die Staatsfeindin Nr. 1 in San Francisco dingfest gemacht. Ohne Gewalt. Sie ergibt sich.

Das Gerichtsverfahren gerät zum Schauprozess, der alle anderen Nachrichten verdrängt. Auf 35 Jahre Gefängnis plädiert der Staatsanwalt. Die Anwälte stellen ihre Mandantin als Opfer von Gehirnwäsche und seelischen Qualen dar und pochen auf Freispruch. Am Ende entscheidet der Richter auf sieben Jahre. „Sie hat die Revolution gegen das System erklärt und ihr Ziel mit Gewehrfeuer unterstrichen.“ Nach 21 Monaten setzt Präsident Jimmy Carter die Haft aus. 2001 wird Patty Hearst von Bill Clinton vollständig begnadigt.

In Freiheit heiratete Patty Hearst ihren früheren Leibwächter Bernhard Shaw, der 2013 starb, wurde zwei Mal Mutter und schrieb ihre Autobiographie, die 1987 verfilmt wurde. Paul Schrader, der Regisseur, sagte damals, dass Hollywood niemals die Phantasie gehabt hätte, sich so eine Geschichte auszudenken.