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Mörder begeistert ahnungslose Jury mit Krimi

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Foto: Thinkstock
Eine ahnungslose Jury war begeistert von einem Krimi, den sie zu begutachten hatte. Was sie nicht wusste: Der Autor – der Amerikaner Alaric Hunt – sitzt seit Jahren ein, wegen Raubmordes. Kein Wunder, dass die Mutter des Opfers entsetzt ist.

Washington. 

David Berkowitz. Ältere Amerikaner kriegen noch heute eine Gänsehaut bei dem Namen. Als „Son of Sam“ versetzte der Liebespaar-Killer im mörderisch heißen Sommer 1977 New York in Angst und Schrecken. Als Verlage Berkowitz nach der Verurteilung für zehn Millionen Dollar seine Geschichte abkaufen wollte, grätschten Politik und Justiz dazwischen. Mit dem „Son of Sam“-Gesetz wird seither vielerorts verhindert, dass Straftäter nachträglich mit ihren Verbrechen Kasse machen können. Alaric Hunt ist es trotzdem gelungen.

Der nach dem westgotischen Kriegsfürsten Alarich benannte Mann sitzt seit einem Vierteljahrhundert in einem Hochsicherheitsgefängnis in Bishopville im Bundesstaat South Carolina. Gemeinsam mit seinem Bruder Jason hatte er 1988 in einem Haus Feuer gelegt, um die Polizei abzulenken und einen Juwelier zu überfallen. Bei dem Brand starb die Studentin Joyce Austin (23). Die von den Hunt-Brüdern erbeuteten Ringe waren nicht mehr als 200 Dollar wert. Sechs Wochen später wurden sie gefasst. 30 Jahre Haft. 2019 kann Alaric Hunt Bewährung beantragen. Frühestens. Dann wäre er fast 50. Und vielleicht reich.

Ernest Hemingway wird sein Heiliger

Alaric Hunt kann schreiben. Den Druck seines Debut-Romans „Cuts Through Bone“ (Schnitte durch Knochen) plus 10.000 Dollar Preisgeld hat der 44-Jährige einer renommierten Jury von Krimi-Autoren zu verdanken. Die Preisrichter, die einen „skrupellos frischen“ Ton, „phantastische Dialoge“ und „authentische Figuren“ ausmachten, waren ahnungslos. Hunt hatte sich wie andere Möchtegern-Autoren auch mit einem Manuskript beworben. Als Toni Kirckpatrick, der Herausgeber, den Gewinner benachrichtigen wollte, flog die Sache auf. Hunt konnte nicht ans Telefon gehen. Er saß im Knast. Sarah Weinman von der New York Times klemmte sich hinter die Geschichte hinter der Geschichte. Sie ist wie gemalt für eine Fortsetzung auf der Leinwand.

Alaric Hunt kommt über die Gefängnis-Bücherei an die Literatur. Ernest Hemingway wird sein Heiliger. Griechische und römische Philosophen verschlingt er. In der Krimi-Ecke lernt er Raymond Chandler, Ed McBain und Michael Connelly zu schätzen. Und beginnt selbst zu schreiben. Gegen die Zeit, gegen die Langeweile. Für seinen Erstling konstruiert er Clayton Guthrie, Privat-Detektiv, und dessen Assistentin Rachel Vasquez. Sie haben in New York den Tod einer College-Studentin aufzuklären. Ihr Freund, ein Afghanistan-Veteran wird verdächtigt. Fälschlicherweise.

Mutter des Opfers ist entsetzt über Auszeichnung

Alaric Hunt war noch nie in New York. Aber er hat einen IQ von 137. Schauplätze entnimmt er Landkarten und der TV-Serie „Law and Order“. Den Rest besorgt die Phantasie. Hunt schreibt in den Lücken, die der Gefängnis-Alltag zulässt. Fünf Monate braucht er für die Rohfassung von „Cuts Through Bone“, vier für den Feinschliff. Wenig kann ihn Ablenken. Der letzte Besuch, eine Tante und seine älteste Tochter, liegt bald acht Jahre zurück. Mit der Reporterin Sarah Weinman verkehrt er per E-Mail. Er schreibt Sätze wie „Ich fürchte an Schwermut zu ersticken.“

Das Geld für den Preis darf Alaric behalten. South Carolina hat die „Son Of Sam“-Gesetze abgemildert. Trotzdem bekommt die Jury Hitze ab. Ihr Argument, Hunt verwerte nicht seinen eigenen Fall, sondern schaffe pure Fiktion, verfängt bei Frances Austin nicht. Die Mutter von Joyce „haute es um“, als sie von Hunts literarischen Eskapaden erfuhr: „Das ist Amerika!“