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Mit Whisky und Schottenrock – Klischees über Schottland

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Der Segen der Tradition ist für die Schotten auch manchmal ein Fluch – die Schottenklischees sind nicht klein zu kriegen. Foto: Imago
Längst sind die Schotten mehr als nur Dudelsack spielende Trunkenbolde. Doch in England ist das Klischee stärker als die Wirklichkeit. Dabei hat die einst bitterarme Nordprovinz den arroganten Süden auf den meisten Feldern eingeholt, zuweilen sogar abgehängt.

Essen. 

Als die Lage sich zuspitzte und Schottland es mit der Unabhängigkeit offenbar ernst meinte, griff der „Guardian“ zu einer ungewöhnlichen Geste: Die englische Tageszeitung schrieb den Brüdern und Schwestern im Norden einen Liebesbrief. Liebe Schotten, es tut uns leid, heißt es darin, und dann folgen 76 Dinge, für die man sich gern entschuldigen möchte. Die Aktion kam nicht gut an. Es gibt nämlich weit mehr als nur 76 Hindernisse, die einer konstruktiven Partnerschaft zwischen Engländern und Schotten im Wege stehen. Außerdem hatte der „Guardian“ voller Bosheit in jeder Entschuldigung mindestens eine neue Beleidigung versteckt. Grundsätzlich zeigt das Scharmützel aber eins: Es gibt viel zu tun, ganz gleich, ob eine Trennung am Donnerstag vollzogen wird oder nicht.

Woran das liegt, ist Gegenstand vieler Diskussionen. Erst einmal spielt die Geschichte eine Rolle. Viele Jahrhunderte haben die Herren im Süden die Nachbarn im Norden brutal unterdrückt und ausgeplündert. Der 16. April 1746, als Schottland endgültig dem Vereinigten Königreich einverleibt wurde, hat sich deshalb auf ewig ins schottische Gemüt eingebrannt. Die schottischen Aufständischen wurden in der Schlacht von Culloden niedergemetzelt, wer noch atmete, bei lebendigem Leibe verbrannt, schrecklichen Horror zitiert der „Guardian“ aus den Geschichtsbüchern und beschließt dieses besonders unappetitliche Kapitel mit dem lapidaren Satz: Das hätten wir eigentlich nicht tun dürfen.

Großbanken und Ölreichtum

Wenige Wochen später wurde per Erlass aus London das Tragen der „Tartans“, des Webmusters, mit dem die Hochland-Clans ihre Kilts markieren, unter strengste Strafen gestellt. Die gälische Kultur sollte ausgelöscht werden. Bis heute gilt der Schotte beim Engländer als wilder Hinterwäldler, und Verbesserungen der Beziehungen sind nur schrittweise zu vermelden.

Denn natürlich ist auch der Engländer nur ein Mensch und liebt seine Klischees. Der Schotte? Trägt einen Rock und ist so geizig, dass er auf der fieberhaften Suche nach einem verlorenen Zehn-Pence-Stück den Grand Canyon mit bloßen Händen ausgehoben hat. Trennt er sich einmal von seinem Geld, dann garantiert für Whisky. Und so weiter und so fort, das richtige Leben hat natürlich gegen solch grobschlächtiges Amüsement keine Chance.

In Wahrheit sind die Schotten alles andere als dudelsackspielende Säufer im Röckchen. Längst hat die einst bitter arme Nordprovinz den arroganten Süden auf den meisten Feldern eingeholt, zuweilen sogar abgehängt. Großbanken und Ölreichtum haben das Land gründlich verändert. Glasgow hat sich vom tristen Elendsquartier in eine moderne Großstadt mit Flair gemausert, Edinburgh ist längst ein schmuckes Touristenziel.

Aber weil man überzeugt ist, dass auch in Hamburg der Schuhplattler als Modetanz zelebriert wird und alle Deutschen Lederhosen tragen, weil man gerne glaubt, dass der Spanier die 24-Stunden-Siesta eingeführt hat und der Franzose sein tägliches Baguette mit der Baskenmütze einkauft, erscheint der Kampf gegen die Klischees ziemlich aussichtslos.

Manches Klischee enthält ein Körnchen Wahrheit

Ist ja auch irgendwie witzig, wenn der Comedian Paul Merton unlängst in einer BBC-Show den Marsriegel als zukünftige Währung eines unabhängigen Schottlands vorschlug. Wie so oft, birgt auch dieses Klischee ein Körnchen Wahrheit: In einer schottischen Imbissstube soll man nämlich erstmals auf die Idee gekommen sein, einen harmlosen Schokoriegel zu panieren, ihn ins Pommesfett zu werfen und anschließend als heißen Gaumenschmaus zu servieren.

Kein Scherz und auch nicht ganz so lustig, weil ungesunde Ernährungsgewohnheiten den Schotten eine vergleichsweise niedrige Lebenserwartung bescheren.

Dass sich aber ausgerechnet ein Engländer über die Küche eines anderen Landes lustig macht, also ein Vertreter des Landes, das der Welt das „All Day Breakfast“ und Hammelbraten mit Minzsoße eingebrockt hat, ist natürlich wieder mal typisch.