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Mit der Harnschau Krankheiten und Auffälligkeiten erkennen

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Test tube is preparing for some tests Foto: Getty Images
Die Uroskopie war schon im Mittelalter eine Möglichkeit, um Hinweise auf verschiedenste Krankheiten aufgrund von Farbe oder auch Geruch zu erhalten.

Essen. 

Mit dem runden Uringlas in der Hand prüfte der Harnschauer im Mittelalter, was dem Patienten fehlen könnte. Er schwenkte das Glas, inspizierte die Farbe, roch am Urin und vielleicht probierte er sogar ein wenig. Die Harnschau, oder auch Uroskopie genannt, war etwas ganz Alltägliches und wurde erst nach und nach durch chemische Testverfahren abgelöst.

Der Urologe und Oberarzt am Uniklinikum Essen, Dr. Christian Niedworok, muss dem Ausscheidungsprodukt unseres Körpers nicht mehr so nahe kommen. Doch auch er kann im Gespräch bestätigen, dass vieles, was schon lange überliefert ist, auch heute noch Bestand hat. Farbe, Geruch oder bestimmte Auffälligkeiten können Hinweise auf verschiedenste Erkrankungen geben.

Geruch

„Unser Urin besteht zum allergrößten Teil aus Wasser sowie überschüssigen Salzen und Säurebestandteilen des Blutes“, sagt Christian Niedworok. Der Urin schaffe das aus dem Körper heraus, was nicht mehr gebraucht wird. Mit dabei sind Harnstoff, Harnsäure und Abbauprodukte von Medikamenten. Die Konzentration vieler Stoffe kann oftmals schon sehr simpel mit einem Teststreifen gemessen werden. „So kann ein erhöhter Nitritwert ein Hinweis für einen Harnwegsinfekt sein“, sagt Urologe Niedworok. Nitrit wird von einigen Keimen in den Harnwegen aus Nitrat gebildet – findet man also erhöhte Werte, könnte eine Infektion der Harnwege in Frage kommen.

Doch schon vor der Untersuchung des Urins im Labor können sich Veränderungen bemerkbar machen, die dem Betroffenen auffallen. Riecht der Urin faulig oder stechend, kann dies ein Hinweis auf eine Infektion sein. Der scharfe Geruch entsteht, wenn Bakterien die einzelnen Harnbestandteile abbauen und dabei Ammoniak freisetzen. Einen ganz natürlichen Grund für starkriechenden Urin liefern allerdings auch so manche Lebensmittel. Dazu gehört vor allem Spargel. „Eine seltenere Ursache für stark riechenden Urin sind Tumore oder aber Fisteln, die sich zwischen Blase und Enddarm gebildet haben“, sagt Niedworok. Durch die Fisteln tritt Stuhl in die Blase – daher der starke Geruch. Ein weiteres Zeichen für Fisteln sei viel Luft beim Wasserlassen, wodurch der Harnstrahl unterbrochen wird.

Farbe

„Wenn wir viel trinken, ist der Urin wasserklar, wenn er konzentrierter ist, schwankt er schon mal zwischen dunkelgelb und gelb-orange“, sagt Christian Niedworok. Diese Schwankungen seien normal und nicht besorgniserregend. Bei einigen ist der Urin morgens dunkler, vor allem wenn man am Vorabend nicht viel getrunken hat.

Damit wir uns nachts nicht schlafwandelnd aus dem Bett quälen müssen, um unsere Blase zu entleeren, hat der Körper einen Trick. Vor allem nachts wird ein spezielles Hormon ausgeschüttet, das den Urin konzentriert. Dadurch können wir ungestört schlafen. Eine hemmende Wirkung auf die Bildung dieses Hormons hat Alkohol – weswegen er auch harntreibend wirkt.

Manchmal kommt es vor, dass im Urin kleine weiße Flöckchen zu sehen sind. „Das ist dann meist ,Zellschrott‘, also zum Beispiel abgestorbene Schleimhautzellen.“ Diese Ausflockungen können ein Zeichen für eine Blasenentzündung oder auch für Steine in der Blase oder den oberen Harnwegen sein. Eher schaumig zeigt sich Urin, wenn eine Fehlfunktion der Niere vorliege, erklärt Christian Niedworok. Tritt Urinschaum auf, sollte man im jeden Fall den Nephrologen aufsuchen, um die Ursache abzuklären.

Hinweis auf Störungen im Leberstoffwechsel kann ein langanhaltend bräunlicher Urin sein. „Wenn dann der Bilirubin-Wert auch noch erhöht ist, kann das ein weiterer Anhaltspunkt für Erkrankungen in diesem Bereich sein“, so Niedworok.

Der Schreck ist groß, wenn man nichts ahnend die Klospülung drücken will, und auf einmal sieht, dass der Urin rotgefärbt ist. Blut im Urin kann viele Ursachen haben, von einer Entzündung bis hin zu schweren Erkrankungen.

„Zu unterscheiden ist Blut, das man nur in einer Laboruntersuchung und nicht mit bloßem Auge sehen kann, von dem, das man auf Anhieb sieht.“ Sichtbares Blut wird auch Makrohämaturie genannt, nicht sichtbares Mikrohämaturie. „Bei der Mikrohämaturie muss man abwägen, wie stark sie ausfällt und ob sie einmalig vorkommt oder immer wieder“, sagt Niedworok. Wenn der Patient nur einmalig ein wenig Blut im Urin hat, sei dies kein Grund, direkt zu handeln. Eine sichtbare Blutung dagegen sei – zusammen mit Schmerzen – meist durch eine Infektion verursacht. „Patienten mit Blut im Urin, die keine Schmerzen haben, empfehlen wir unbedingt eine Blasenspiegelung, um eventuelle Tumorleiden oder Steine auszuschließen.“ Nicht alles ist dem Urin schon durch das bloße Ansehen zu entlocken. Tests liefern zumeist das vollständige Bild.