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Mit dem Fahrrad bis nach Istanbul

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Foto: WAZ FotoPool

Essen. 

Drei Kulturhauptstädte in acht Tagen: Der Thüringer Guido Kunze ist von der Ruhr.2010-Metropole Essen aus nach Istanbul unterwegs. 2800 Kilometer hat er zu meistern – alles auf dem Fahrrad. Und am Schluss will er noch einen Marathon laufen.

Falls jemand am Freitag Guido Kunze gesehen hat, kurz vor Mittag im zugigen Ehrenhof von Zeche Zollverein in seiner kurzen Hose: Der macht eine Radtour. Einholen aber wird den Thüringer keiner mehr, der ist längst über die Grenze. Heute Tschechien, morgen Österreich-Ungarn, nächste Woche bis nach Istanbul. Eine Reise durch drei Kulturhauptstädte und sieben Länder in acht Tagen.

„Grenzen erreichen, Grenzen verschieben“, erklärt der Extremsportler und zuckt die sehnigen Schultern. Nun, das wird er müssen, schon weil unter den Grenzen am Weg die nach Serbien liegt und die nach Bulgarien – wer weiß, was die Zollbeamten dort sagen, wenn des Nachts ein Radler Einlass begehrt: „Bitte schön, geht’s hier nach Istanbul?“ Kunze jedenfalls hat „Respekt“. 2800 Kilometer wird er radeln müssen, 20 Stundenkilometer im Schnitt, 200 Kilometer in zwölf Stunden, rein rechnerisch. Er wird also allenfalls mal ein Stündchen schlafen können unterwegs und sich am Ziel keineswegs ausruhen: Denn am Bosporus ist Marathon, da läuft der 44-Jährige noch mal eben hinüber nach Asien.

Warum nur?

Guido Kunze sagt, das fragen die Leute immer. Was noch nichts darüber aussagt, ob er die Frage berechtigt findet. Denn die Antwort ist die mit den Grenzen, und außerdem: Das Motto der Kulturhauptstadt, „das war doch Völkerverbindung“? Und besser geht die ja wohl nicht. Der Familienvater liebt solche Radreisen; er ist schon 5000 Kilometer durch Amerika gestrampelt und 4000 durch Australien, was sind da schon nicht mal 3000 durch Europa? Im übrigen ist Kunze auch der bislang schnellste Mann auf dem Rennsteig, der immerhin 170 Laufkilometer misst.

Wenn er also erklären soll, dann lächelt er freundlich und sagt, er habe „ein Faible für Natur und die Natürlichkeit der Leute“. So eine Tour gebe ihm „Einblick, wie’s in der Welt wirklich ist“. Und auf der Straße: „Man weiß ja nicht, wie der Zustand so ist.“ Sein eigener war übrigens etwas angeschlagen am Freitagmorgen: Irgendein „Eisen“ hatte eine blutige Macke in seinem Schienbein hinterlassen.

Wegzehrung aus Tüten

Aber auf sowas kann ein Kunze keine Rücksicht nehmen, er muss jetzt los, Strecke machen, nicht mal sein Tütenmüsli isst er mehr auf, denn die Pausen macht er lieber nachts: wenn er ohnehin nichts erkennen kann außerhalb des Lichtkegels, den sein Begleitfahrzeug in unbekanntes Land wirft. „Alles, was du da siehst, ist dein eigener Schatten im Scheinwerferlicht.“ Essen aber darf er noch mal in Ruhe betrachten: Ruhr.2010 hat ihn eingeladen und ihm außerhalb Pralinen eingepackt und Perlwein, Gastgeschenke für Ungarn und die Türkei. In Pécs wird er „direkt ins Rathaus“ radeln, in Istanbul, wenn noch Zeit ist, in eine deutsche Schule. Dort will er spenden für die Schulbildung ostanatolischer Mädchen.

Und dann wird er laufen. „Die ersten 20 Kilometer geht’s noch“, sagt er, aber dann werde es schwierig: „Beim Laufen brauchst du mehr Waden, die Füße sind vom Radfahren ganz steif. Man läuft dann blechern.“ Trotzdem will er die 42,195 Kilometer in drei Stunden und dreißig Minuten schaffen. Und das, obwohl er Marathon nie trainiert: allenfalls „als Training für die Ultraläufe, aber da macht man nicht so viel Tempo“. Außerdem müsse man bedenken: „Ich bin kein Profi, ich muss auch noch arbeiten.“ Der gelernte Karosseriebau-Meister hat daheim im thüringischen Mühlhausen ein Sportgeschäft, das Radtraining, sagt er, fresse „bald eine zweite Arbeitswoche“.

Schlimmer als solche An­strengung aber sei der Schlafentzug: „Das ist richtige Folter.“ Es ist ihm schon passiert, dass er einschlief beim Sport, „Sekundenschlaf“, aber letztlich helfe der sogar. Auf dem Weg nach Süden wird er vielleicht mal absteigen, einen Moment den Kopf auf den Lenker legen und ein Nickerchen machen. „Wenn die Beine nach ein, zwei Minuten wegsacken, geht es wieder.“

Und solche Erfahrungen verschieben offenbar allein schon Grenzen: „Das Schlimmste, was passieren kann“, sagt Guido Kunze, „ist, dass ich in Istanbul ankomme, und der Marathon ist vorbei.“