Medikament löst Spielsucht aus

Andreas Böhme
Kämpft gegen die Spielsucht: Reinhard Pietsch                                               Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Kämpft gegen die Spielsucht: Reinhard Pietsch Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
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Kassel. Über 50.000 Euro hat ein 57-jähriger verzockt. Woher die plötzliche Spielsucht kam, war ihm lange nicht klar. Dann stellt sich heraus: Das Medikament Cabaseril, das er wegen einer Stoffwechselstörung verschrieben bekommt, hat schwere Nebenwirkungen.

Reinhard Pietsch schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er, „ich darf kein Geld in die Finger bekommen.“ Sonst geht er wieder in die Spielhalle. „Bis alles weg ist.“ Egal, wie lange es dauert. „Ich kann nicht anders“, sagt er. „Kommt von meiner Medizin. Die hat mich spielsüchtig gemacht.“ Ein paar Tausend andere in Deutschland möglicherweise auch.

Vögel zwitschern, leise rauschen die Bäume im Wind. Schön ist es hier am Stadtrand von Kassel, wo die Klinik liegt, in der der Frührentner aus Wetzlar behandelt wird. Schön ruhig. Pietsch nickt. „Hier geht es“, sagt er. „Hier gibt es keine Spielautomaten.“

Früher, da waren ihm solche Geräte egal. Als er noch Automateneinrichter bei Leitz war, hat er sein Geld zusammengehalten. „Einmal pro Jahr mit der Familie in Urlaub und re­gelmäßig ein neues Auto“, sagt er. Dafür hat es immer ge­reicht. „Gespielt habe ich nie“, beteuert der 57-Jährige. „Nicht mal am Automaten in der Kneipe.“ Deshalb hat er sich auch so gewundert, als es ihn vor sieben Jahren erwischt. Eigentlich will er ja damals nur Geld wechseln. Deshalb ist er reingegangen in die Spielothek. Und dann lange nicht mehr rausgekommen. Immer wieder geht das fortan so. 50.000 Euro hat er verzockt in den letzten Jahren, mit Freunden und Familie gebrochen. „Ich habe nichts mehr.“

Depressionen, Selbstmordgedanken

Immer wieder geht er zur Entziehungskur. Ohne Erfolg. Kaum ist er raus aus der Klinik, ist er wieder drin in der Spielhalle. Manchmal 24 Stunden am Stück. Und wenn er nicht ans Spielen denkt, denkt er an Sex. „Ich wollte immer, ich konnte immer.“

Schneller und schneller dreht sich die Spirale. Pietsch leiht sich Geld, das er nicht zurückzahlt, macht Versprechen, die er nicht hält. Er kriegt Depressionen, will sich umbringen. In letzter Sekunde rettet ihn einer der wenigen Freunde, die ihm geblieben sind.

Wieder geht es zur Entziehungskur. Und endlich findet ein Arzt den Grund für die Sucht von Pietsch. Medikamente sind es. Der Frührentner leidet unter „restless legs“, unter unruhigen Beinen. Harmlos klingt das, ist „aber unglaublich schmerzhaft“. Deshalb nimmt er seit 2003 Cabaseril, einen so genannten Dopamin-Antagonisten. „Das hat mir geholfen“, räumt Pietsch ein. Aber es hat ihn wohl auch süchtig gemacht. Nach Glücksspielen und nach Sex. „Konnte ich ja nicht wissen“, sagt Pietsch.

Tausende betroffen

Konnte er tatsächlich nicht. Denn als man ihm das Medikament erstmals verabreichte, war als Nebenwirkung nur von „Zwangsstörungen“ die Rede. Erst seit Mitte 2007 wird auf Druck des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) konkret auf „Spielsucht, Libidosteigerung und Hypersexualität“ hingewiesen. Man habe das „nach Berichten“ über die Problematik in die Produktinformation aufgenommen, bestätigt Cabaseril-Hersteller Pfizer. Warum die Firma dafür aber mehrere Jahre brauchte, bleibt unklar. Meldungen über die ungewöhnlichen Nebenwirkungen gibt es nämlich bereits seit 2004.

Auch bei seinen Ärzten spricht sich das Phänomen nur langsam herum. Sie behandeln Pietsch selbst zwei Jahre nach Erscheinen des aktualisierten Beipackzettels noch immer mit Cabaseril, obwohl sie seine Spielsucht kennen. Pietsch ist auch kein Einzelfall. Laut einer Studie des Neurologen Daniel Weintraub von der Universität Pennsylvania entwickeln mehr als 17 Prozent der Untersuchten un­ter Gabe von Dopamin-Agonisten Zwangsstörungen. Der Bremer Gesundheitsforscher Gerd Glaeske hat diese Zahlen für Deutschland hochgerechnet und kommt auf „etwa dreizehn- bis vierzehntausend“ Betroffene. Auch deshalb plädiert er, diese Präparate vom Markt zu nehmen.

Bei Pietsch rennt er damit offene Türen ein. „Muss alles weg“, sagt er. Verklagen will er die Pharmakonzerne deshalb. Vielleicht auch die Ärzte. Und sein Geld, das will er auch zurück. „Ich kann ja nichts dafür, dass ich gespielt habe.“

Vor allem aber will er zurück in sein altes Leben. Vor kurzem haben sie ihn umgestellt auf neue Medikamente. Ohne Cabaseril. Ein „ganz anderer Mensch“ sei er seitdem geworden. „Sagen alle.“ Deshalb geht Pietsch guter Hoffnung in den nächsten Entzug: „Dieses Mal schaffe ich es.“