Marie-Luise Marjan 75 – „Gott hat die Hand drüber gehalten“

Jürgen Overkott
Szene aus der „Lindenstraße“: Lea (Anna Sophia Claus, l) Oma Helga (Marie-Luise Marjan) und Erich (Bill Mockridge).
Szene aus der „Lindenstraße“: Lea (Anna Sophia Claus, l) Oma Helga (Marie-Luise Marjan) und Erich (Bill Mockridge).
Foto: picture alliance / dpa
„Mutter Beimer“ ist zur Rolle ihres Lebens geworden. Die Schauspielerin ist aus der Ewigkeitsserie „Lindenstraße“ nicht wegzudenken. Ein Gespräch

Köln. Die „Lindenstraße“ liegt in Bocklemünd. Eigentlich ist sie gar keine Straße im eigentlichen Sinne, sondern eine kleine, ganz eigene Welt innerhalb des WDR-Studiosgelände im Kölner Norden, direkt an der A 1. Nach dem Dreh – „ich muss noch eben was eben, ich mach’ aber schnell“ – traf sich Marie-Luise Marjan mit Jürgen Overkott zum Gespräch. Anlass: „Mutter Beimer“ wird am Sonntag 75.

Dieses Jahr ist für Sie ein Jahr der Jubiläen. Die „Lindenstraße“ wird 30, und Sie feiern einen großen Geburtstag.

Marie-Luise Marjan: Ja, das fügt sich gut. Ich bin am Sonntag, den 9. August 1940, um 13 Uhr geboren, im Elisabeth-Krankenhaus in Essen. Und jetzt, am 9. August 2015, fällt mein Geburtstag wieder auf einen Sonntag.

Fühlen Sie sich als Sonntagskind?

Marjan: Wenn ich zurückblicke und sehe, was aus mir geworden ist, würde ich sagen: ja. Gott hat die Hand drüber gehalten.

Wenn man das sagen kann, ist man ein glücklicher Mensch.

Marjan: Das hat auch etwas mit der Einstellung zum Leben zu tun und mit Demut und Dankbarkeit. Es gibt Menschen, die immer mehr wollen und gar nicht sehen, was sie eigentlich haben.

Haben Sie immer die offenen Türen gefunden?

Marjan: Ich denke schon. Weil ich ein freundlicher Mensch bin, gehen die Türen immer von alleine auf.

Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?

Marjan: Jetzt muss ich erst mal ganz genüsslich an meinem Eis lutschen. Gut essen und die Sinnenfreuden des Lebens genießen – das ist für mich wichtig.

Ein interessanter Ansatz.

Marjan: Nein, ernsthaft, das ist eine längere Geschichte. Ich war schon auf dem Gymnasium in Hattingen ein kleiner Gesangsstar. Mein Gesangslehrer war Otto Daube, ein Freund von Siegfried Wagner. Wir waren jedes Jahr mit dem Chor bei „Jeunesses musicales“ in Bayreuth, von meinem zwölften Lebensjahr an bis zum sechzehnten, bis zur Mittleren Reife. Auch bei Schultheater-Aufführungen habe ich mitgewirkt.

Sie haben sich letzten Endes für die Schauspielerei entschieden.

Marjan: Mein Musiklehrer hat mich sehr gefördert, und er hätte es gern gesehen, wenn ich Sängerin geworden wäre. Aber das war gar nicht zu leisten mit meinen Adoptiveltern. In Hattingen gab es aber den jungen Schauspieler Ernst-August Schepmann. Ich habe seine Mutter gefragt, ob ich ihm einmal vorsprechen könnte. Danach riet er mir, auf die Schauspielschule in Hamburg zu Professor Eduard Marks zu gehen.

Viele Familien versuchen eine Schauspiel-Karriere mit dem Argument zu verhindern: Kind, mach’ doch was Sicheres. Mit welchem Argument haben Sie sich durchgesetzt?

Marjan: Papa hat auch gesagt: Flausen im Kopf, Schauspielerei ist brotlose Kunst! Wie ich ihn überzeugt habe? In bin einfach gegangen. (kleine Pause). Nichts konnte mich aufhalten.

Wie haben Sie sich finanziert?

Marjan: Die Musikhochschule Hamburg hat mir Schulgeldfreiheit gewährt, weil Professor Eduard Marks sagte, ich sei ein begabtes Mädchen. Für Essen und Miete musste ich allerdings selbst aufkommen. Das Geld verdiente ich mir mit Gelegenheitsjobs. Die Stadt Hattingen, wo ich aufwuchs, gewährte mir später ein Darlehen in Höhe von 3000 DM – das war damals viel Geld. Als man viel später meinen ersten großen Film „Untergang der Freiheit“ (1959; Red.) sah, gab es großes Lob in den Hattinger Zeitung. Da kam der damalige Bürgermeister zu mir und meinte: „Selbstverständlich müssen Sie den Kredit nicht zurückzahlen, Sie sind ein Kind der Stadt, Sie haben es geschafft!“

Jetzt begreife ich, warum Sie sich als Glückskind sehen: Dass eine Stadtverwaltung ein Darlehen nicht zurückfordert, ist Glück. Aber nach dem Film ging es erst mal mit Theater weiter.

Marjan: Damals war es so, dass Fernsehspiele wie Theaterstücke live gespielt und dabei abgefilmt wurden. Da mussten alle pünktlich sein, und die Kollegen hatten Angst um mich, die Schauspiel-Schülerin. Aber wer dann zu spät kam, war Heinz Reincke. Alfred Schieske, der meinen Vater spielte, riet mir dann: „Vor der Kamera kannst Du schon alles, aber jetzt gehst Du in die Provinz und lernst Theaterspielen.“

Sie waren auch in Hollywood bei Lee Strasberg.

Marjan: Dort habe ich nach der Stanislawski-Methode gelernt, dass ich nicht nur meinen Text sprechen muss, sondern immer auch einen Subtext. Man kann auf zwölf verschiedene Arten „Guten Tag“ sagen, aber der Subtext verrät, wie man es meint: beispielsweise aggressiv, müde, verrückt, verliebt oder böse.

Was ist Ihnen von dem Seminar in Hollywood im Kopf geblieben?

Marjan: Man muss bereit sein, Wiederholungen immer wieder aufs Neue frisch anzugehen, denn in unserem Beruf gehören Wiederholungen immer dazu.

Und das stand auch heute bei Ihnen auf dem Programm: Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen...

Marjan: Das ist normal. Vor 30 Jahren zum Beispiel haben wir viel längere Szenen gedreht als heutzutage. Inzwischen gibt es viele kurze Sequenzen, viele kurze Einstellungen und schnelle Schnitte. Aber die Wiederholungen bleiben.

Können Sie sich daran erinnern, wie es war, als das „Lindenstraßen“-Angebot auf den Tisch flatterte?

Marjan: Ich bekam einen Anruf, in dem Jahr, in dem es überhaupt mit der Serie losging. „Tag, Frau Marjan. Würden Sie für eine Serie von Hamburg (wo ich damals wohnte) nach Köln ziehen?“ Danach kam nichts. Ein halbes Jahr später erhielt ich wieder einen Anruf: „Frau Marjan, was machen Sie denn gerade?“ Und ich sagte: „ein Hörspiel.“ Dann kam länger wieder nichts. Und dann erreichte mich ein dritter Anruf: „Frau Marjan, was haben Sie denn morgen vor?“ Und ich antwortete: „Ich drehe ein großes Fernsehspiel mit Regisseur Franz-Peter Wirth.“ „Und übermorgen?“ Ja, da habe ich frei. „Dann kommen Sie bitte nach München. Herr Geißendörfer möchte Sie kennen lernen.“

Und dann?

Marjan: Ich flog nach München und ging in die Lachnerstraße, wo das Büro von Hans W. Geißendörfer lag. Witziger weise empfing mich dort nicht nur Hans W. Geißendörfer, sondern auch Ilse Hoffmann, mit der ich schon viele Fernsehfilme gedreht hatte. Sie breitete ihre Arme aus und rief: „Marie-Luise, ich drehe die ‚Lindenstraße‘!“ Da dachte ich: „Ah, da kommt der Wind her.“ Ich erinnere mich auch noch daran, dass Hans Geißendörfer mich ins Zimmer bat und sagte: „Ich kann ihnen nur eine Tasse Kaffee anbieten. Das ist hier ein Ein-Männer-Haushalt.“

Sie haben sich aber nicht mit Kaffee ködern lassen.

Marjan: Während der Kaffee zubereitet wurde, ging Hans Geißendörfer in ein Nebenzimmer und kam mit 20 (Dreh-)Büchern zurück. Und er meinte: „Alle sagen, Sie sind Mutter Beimer. Und nun spielen Sie in Gottes Namen diese Rolle!“ Ich protestierte lachend und sagte: „Ich muss doch erst einmal die Bücher lesen!“ Als ich sah, dass ich die Rolle auf bayrisch spielen sollte, habe ich abgewunken. Das einzige, was ich ihm anbieten konnte, war ein Ruhrgebietsakzent. Hans W. Geißendörfer sagte nur: „Machen Sie mit der Rolle, was Sie wollen! Aber spielen Sie sie!“

Das klingt gut – Sie hatten alle Freiheiten.

Marjan: Ja, das war gut so. Die Dialoge der ersten Folge waren allerdings ein bisschen hölzern. Wir haben dann mit der zweiten Folge angefangen, nicht mit der ersten. Man macht das oft, wenn sich das Ensemble noch nicht so gut kennt.

Wie lang brauchte das Team, um zusammenzufinden?

Marjan: Das ging eigentlich ziemlich schnell, manche kannten sich ja schon vorher von anderen Produktionen.

Und trotzdem muss ja jenseits der großen Freiheit auch inhaltlich irgendetwas bei Ihnen Klingeling gemacht haben.

Marjan: Die Art zu erzählen, fand ich toll: Vier Geschichten auf einmal – das war neu. Und nach jeder Folge gab es einen Cliffhänger. Das ganze Format war neu. Schön war auch, dass Geißendörfer die Serie groß konzipiert hatte. Das konnte man sich damals kaum vorstellen, dass man eine Rolle ein ganzes Jahr lang spielt.

Und dann sind es sogar 30 Jahre geworden.

Marjan: Wir hatten von Anfang an ganz großen Zuspruch vom Publikum. Alle anderen Soaps haben von uns gelernt. Die Macher der Soap sind bei uns sogar in die Lehre gegangen. Der große Erfolg hat natürlich auch etwas mit den Menschen zu tun. Hans Geißendörfer hatte einfach ein Näschen für Leute, die zusammenpassen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Joachim Luger und mich als Ehepaar zu „verkaufen“. Luger ist schmal und dünn, ich bin eher rund. Früher kam es meistens vor, dass man einer runden Frau einen runden Mann zur Seite gestellt hatte. Man wollte gegen den Strich besetzen.

Im Alltag sieht man ganz oft Paare, die optisch gegensätzlich wirken.

Marjan: Das wusste Hans. Und das Schöne war: Joachim und ich kannten uns vom Theater. Wir haben gemeinsam an den Schauspielhäusern in Bochum und in Lübeck gespielt. Hans fragte mich „Können Sie sich vorstellen, dass Herr Luger Ihr Filmmann wird?“ Und ich habe im Spaß geantwortet: „Aber achten Sie darauf, dass es hinterher nicht wirkt, als sei er mein Sohn.“ Hans hat uns als Paar beim WDR durchgesetzt. Wenn Hans etwas will, dann kriegt er’s auch.

„Mutter Beimer“ wurde zur Rolle Ihres Lebens. Hatten Sie nie Angst, mit der Rolle zu verschmelzen?

Marjan: Überhaupt nicht. Ich engagiere mich bei drei großen Wohltätigkeitsorganisationen: seit 25 Jahren für Unicef, 25 Jahren für Plan International, seit 27 Jahren für Malteser. Da kennen mich die Leute unter meinem normalen Namen. Mutter Beimer ist außerdem bislang meine 25. Mutterrolle im Fernsehen.

Ihre eigene Familie haben Sie erst spät kennengelernt. Das war ein WDR-Projekt...

Marjan: …„Das Geheimnis meiner Familie“. Das war eine Idee des damaligen ARD-Programmchefs Günter Struve. Er wollte das englische TV-Format in die ARD bringen. Dazu suchte er vier bekannte detusche Schauspieler und sprach Armin Rohde, Peter Maffay, Christine Neubauer und mich an. Von mir war ja bekannt, dass ich ein Adoptivkind bin. Jeder der beteiligten Sender hatte eine eigene Geschichte gemacht, mit einem eigenen Genealogen.

An die Geschichte mit meiner Mutter wollte ich eigentlich nicht wieder erinnert werden. Aber in meinem Innersten ließ mich die Frage nicht los, wer eigentlich mein Vater war. Ich ließ mich dann auf das Projekt ein und bin letztlich sehr froh. Denn es kam etwas Unglaubliches heraus: Ich habe meinen Vater gefunden und erfahren, dass ich einen Halbbruder habe, von dem ich bislang nichts wusste. Dazu kam eine riesengroße, alteingesessene Familie in Würzburg. Also: Ich bin halb Fränkin, halb Westfälin – eine explosive Mischung.

Wie war die erste Begegnung mit Ihrem Halbbruder?

Marjan: Zunächst wussten wir nicht, wie wir aufeinander zugehen sollten.

Gemischte Gefühle.

Marjan: Sehr gemischte Gefühle. Mit Erleichterung stellte ich sofort fest, dass er mir sehr sympathisch war. Er war ein wenig nervös und befangen und flüsterte leise vor sich hin: „Na, wen haben wir denn da?“ Ich wollte ihm Mut machen, lachte ihn fröhlich an und rief: „Mich“! (lacht) Und dann fiel mir auf, dass er unserer Tante Mia ähnelt.

Also doch Familie.

Marjan: Ich sehe eher aus wie mein Vater Toni, ich habe seine hellen Augen geerbt. Mein leiblicher Vater war Flieger und ist kurz vor seinem 28. Geburtstag mit dem Flugzeug abgestürzt.

Wie verstehen Sie sich mit der neuen Familie?

Marjan: Sehr gut. Ich habe richtig Glück mit meiner Familie. Eine unglaublich aufregende, internationale Familie! Viele Mitglieder sind schon im Ruhestand und fragen mich sehr oft: „Kommst Du uns besuchen?“ Leider muss ich häufig absagen, weil ich arbeiten muss. Dann heißt es: „Wie, immer noch?“ Und ich: „mit Freuden!

EXTRA

Marie-Luise Marjan hat die Geschichte ihres Lebens aufgeschrieben. Das Buch heiß0t „Ganz unerwartet anders“, Lübbe, 19,99 Euro.