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Louis de Funès – Zappelphilipp, Tyrann, Publikumsliebling

Am 31. Juli vor genau 100 Jahren wurde ein Mann geboren, der zu einem prägendsten Stars des europäischen Films werden sollte: Louis de Funès. Der Franzose war ein Publikumsliebling, obwohl er die Leinwand-Nervensäge schlechthin war. Privat, natürlich, war er ganz anders.

Essen. 

Meine Lieblingsszene mit Louis de Funès? Das ist bei mehr als 70 Filmen nicht ganz einfach, aber nehmen wir mal diese aus „Brust oder Keule“. Als Gift sprühender Restaurantkritiker Charles Duchemin wird er von einem Wirt, den er wirtschaftlich ruiniert hat, mit vorgehaltener Schrotflinte gezwungen, den angepappten Fraß von vorgestern zu vertilgen.

Bei der Ankündigung zum fünften Gang („…und jetzt noch die Schlachtplatte“) seufzt der schweißgebadete und aus Ekel mit Pusteln übersäte de Funès durch ein halbes Pfund Sauerkraut, das ihm aus dem Mund herunterhängt, „Bitte schießen.“

Zugegeben: nicht gerade typisch, den tyrannischen Franzosen als Opfer zu erleben. Meist hatten ja die anderen unter dem gerade mal 1,64 Meter kleinen Mann zu leiden, ehe er in aller Regel von Entwicklungen überrollt wurde, die er selbst in Gang gesetzt hatte: Louis de Funès, der am Donnerstag, 31. Juli, 100 Jahre alt geworden wäre, trampelte in seinen Rollen im Viervierteltakt auf den Nerven seiner Mitspieler herum, und seine Ausbrüche auf der Leinwand sind Legende.

Ein ruhiger und schweigsamer Mensch

Da wir ihn ja nur im Kino oder Fernsehen kannten und wenig bis nichts über sein Privatleben wussten, war es nicht einmal zynisch, als man bei seinem Tod im Januar 1983 spontan folgerte: Kein Wunder, dass dieser Choleriker an einem Herzinfarkt gestorben ist.

Doch in Biografien, vor allem in den Erinnerungen zweier seiner drei Söhne, Patrick und Olivier, („Louis de Funès – der Querkopf“, Militzke Verlag, Leipzig 2007), war er nicht nur ein liebevoller Vater, sondern ein ruhiger, eher schweigsamer und sortierter Mensch, der die Öffentlichkeit mied und im Garten seines Schlosses Clermont Rosen züchtete. 1967 war er zum Schlossherrn des Anwesens geworden, als er in zweiter Ehe Jeanne Barthélémy de Maupassant heiratete, eine Großnichte des Schriftstellers Guy de Maupassant.

De Funes Vater war ein spanischer Edelmann

Geboren wurde er in Courbevoie als Louis Germain David de Funès de Galarza, sein Vater war ein ausgewanderter Edelmann aus Spanien, der als Rechtsanwalt in seiner neuen Heimat nicht arbeiten durfte und sich in Venezuela mit Diamanten verzockte. So wurde sein Sohn Louis zwar mit Adelstitel groß, blieb aber arm. Eine Ausbildung zum Kürschner musste er abbrechen, als er das Labor in Brand setzte. Sein einziger unfreiwilliger Gag. Er versuchte sich als Zeichner, als Fotograf, als Schaufensterdekorateur, als Jazzpianist in Pariser Rotlichtbars und nahm schließlich Schauspielunterricht.

Seinen Durchbruch als Schauspieler schaffte Louis de Funès in einem Alter, in dem andere manchmal schon durch sind. Kleine Rollen in mehr als 40 Filmen hatte er in den Fünfzigern gespielt, doch erst die köstliche Verfilmung der Komödie „Oscar“, mit der er am Theater Erfolg hatte, machte ihn in Frankreich in den frühen Sechzigern berühmt und abonnierte ihn auf die Rolle des durchdrehenden Despoten.

Ein lebendes HB-Männchen

Grimasse statt Klasse, werden Freunde subtilerer Bespaßungen zweifellos gedacht haben, wenn de Funès Augen und Mund aufriss, wie Rumpelstilzchen aufstampfte und ihm ein Schreckens- oder Wutgeräusch entfuhr, wenn er verärgert auf den erstbesten neben sich eindrosch oder mit Vollgas durch die Szenerie sauste. Nie spielte er dabei nette Verlierer, sondern stets kleinkarierte, missgünstige Spießer, die den eigenen Vorteil im Blick haben. Typen, über die man sich ausschüttete vor Lachen.

De Funès’ wüstes Gefuchtel, seine grotesken Gesten und die stummfilmhaft überzogene Mimik machten ihn als lebendes HB-Männchen schnell zum Star auch außerhalb seiner Heimat: Spätestens als „Gendarm von St. Tropez“ und als scheiternder Kommissar Juve in der Fantomas-Reihe schlossen ihn die Deutschen ins Herz. Filme wie „Die Abenteuer des Rabbi Jakob“ füllten die Kinosäle, ehe man sich an seiner immer wiederkehrenden Nummernrevue Ende der 70er-Jahre sattgesehen hatte und er sich das Publikum mit Konkurrenten wie dem „großen Blonden“, Pierre Richard, teilen musste.

Das Fernsehen freilich vergisst Louis de Funès nie und wiederholt seine Filme. Auch meine Lieblingsszene wird wieder dabei sein.