Krise befeuert öffentliches Saufen in Spanien

Immer mehr junge Spanier trinken sich die Krise in der Öffentlichkeit schön.
Immer mehr junge Spanier trinken sich die Krise in der Öffentlichkeit schön.
Foto: Jose Luis Roca/ Getty Images
In Spanien nennen sie es „Botellon“, was man mit „großer Pulle“ übersetzen kann. Gemeint ist: Junge Spanier, zwischen 15 und 30 Jahre alt, verabreden sich nachts, um sich unter freiem Himmel zu betrinken. Oft zum Ärger der Anwohner, die sich durch die alkoholisierten jungen Leute belästigt fühlen. Arbeitslosigkeit und Krise verschärfen das Problem.

Madrid. Es ist Nacht, Viertel nach zwölf. Auch in Spanien gibt es einen Winter, und bei fast null Grad Außentemperatur in Madrid sieht man die Luft beim Ausatmen. Weder die Uhrzeit noch das Wetter laden dazu ein, auf Plätzen oder in Parks mit Freunden rumzuhängen. Doch viele junge Spanier zwischen 15 und 30 schreckt das nicht: Sie verabreden sich, vor allem am Wochenende, um nachts gemeinsam unter freiem Himmel Alkohol zu trinken. „Botellon“ nennen sie das - was man mit „großer Pulle“ übersetzen kann.

In einer Grünanlage nahe der Plaza de España in Madrid drängeln sich zu nachtschlafender Zeit Hunderte Jugendliche. Einige rauchen, alle haben Plastikbecher in der Hand. Sie reden laut, lachen, trinken. Auf einer Bank sitzen drei Jugendliche: David Fernandez, Jorge Martin und David Garcia, alle 18 Jahre, sind hier Stammgäste. „Coole Atmosphäre“, sagt Jorge. „Die Leute hier sind alle gut drauf.“ David Fernandez macht gerade Abitur, Jorge einen Uni-Vorbereitungskurs und David Garcia studiert Tourismus.

Dass die Drei zum Trinken am liebsten raus gehen, hat auch ganz praktische Gründe: Wie die meisten jungen Spanier leben sie noch bei ihren Eltern. „Wir können nicht zu Hause Party machen, während die Eltern nebenan sitzen“, meint David Fernandez. Eine eigene kleine Studenten-Wohnung oder ein WG-Zimmer können sie sich noch nicht leisten, also gehen sie auf die Straße. „Botellon“ ist für sie die beste und billigste Form, mit Freunden ungestört zu feiern.

Die harten Sachen werden meist mit Cola oder Limo gemischt

Seit dem Ausbruch der tiefen Wirtschaftskrise in Spanien hat die Zahl der „Botellon“-Feste drastisch zugenommen: Über die Hälfte der Spanier unter 25 stehen ohne Job und Einkommen auf der Straße. Das lässt die Trink-Treffs mit Freunden unter freiem Himmel attraktiver denn je erscheinen.

David Garcia rechnet vor: „In einer Bar kostet ein Drink fünf Euro. Wenn wir zusammenschmeißen und jeder fünf Euro gibt, haben wir hier draußen Alkohol für die ganze Nacht.“ Vor allem Bier, billigen Wein sowie Liköre, Rum, Gin und Wodka schütten die jungen Leute in sich hinein. Die harten Sachen werden meist mit Cola oder Limo gemischt.

Was in den Wintermonaten noch überschaubar ist, sprengt im Sommer die Toleranz vieler Spanier, die sich von krakeelenden Jugendlichen gestört fühlen. Sobald laues Frühlingswetter die Nächte milder werden lässt, steigt die Zahl der Open-Air-Besäufnisse schlagartig an. Die Trinkgelage provozieren dann, besonders in Wohngebieten, heftige Konflikte: Lärm, Uringestank und Müllberge waren die Gründe, warum in Madrid, wie in anderen Städten Spaniens auch, schließlich Politiker eingriffen.

Besäufnisse in Parks, auf Plätzen und in Hauseingängen

Bei der Umgestaltung öffentlicher Plätze wird nun vielerorts auf Sitzgelegenheiten verzichtet, um die Jugendlichen nicht noch anzulocken. Der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit ist inzwischen nicht nur in der spanischen Hauptstadt verboten; verkauft werden dürfen Bier, Wein und Spirituosen nur noch bis 22 Uhr. Wer trotzdem draußen trinkt, dem drohen Geldbußen von bis zu 300 Euro.

Die Masse der Jugendlichen in dieser Nacht zeigt jedoch, dass die Verbote kaum abschrecken. Die Polizei hätte auch viel zu tun, wenn sie alle Jugend-Besäufnisse in Parks, auf Plätzen und in Hauseingängen beenden wollte. In Winter ist der „Botellon“ meist ohnehin nach ein paar Stunden beendet. Im Sommer nicht, wie Jorge bestätigt: „Da bleiben wir aber auch oft bis sieben Uhr morgens draußen.“

 
 

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