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Herbert Knaup – Warum er den legendären Jakob Fugger spielt

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ARD-Zweiteiler "Die Puppenspieler" - Dreharbeiten Foto: Ursula Düren/dpa
Der 59-jährige Allgäuer steht derzeit in Italien als erster Großkapitalist der Welt vor der Kamera. Im Herbst beerbt er den „Dicken“. Ein Interview.

Grosseto. 

Herbert Knaup

(„Das Leben der Anderen“) ist in die Liga der Schauspieler aufgestiegen, die große historische Gestalten spielen. Der 59-jährige Schauspieler steht derzeit im toskanischen Grosseto als Jakob Fugger vor der Kamera. In einer Drehpause sprach er mit Jürgen Overkott.

Der Dreh findet unter verschärften Bedingungen statt.

Herbert Knaup: (lacht) Ja, es ist wahnsinnig heiß. Wir haben 40 Grad, und deshalb machen wir gerade Pause. Um halb vier sind wir aufgestanden. Um halb fünf haben wir angefangen und bis elf Uhr gedreht. Um halb fünf nachmittags machen wir weiter, bis die Sonne untergeht.

Das sind Temperaturen, die sich schon in normaler Kleidung anstrengend anfühlen. Wie ist das denn mit historischen Gewändern?

Knaup: Ich wusste nicht, dass Menschen im Mittelalter drei, vier Schichten anhatten – zumindest beim Reisegewand. Ein langes Unterhemd, dann ein Gewand, das fast bis zum Boden reicht, dazu eine Schaube, in die man reinschlüpft, meist mit Pelz besetzt, um den Ständegrad darzustellen. Obendrein kommt noch eine Kopfbedeckung dazu. Und damit reite ich. Bei der Hitze haben übrigens selbst die Pferde Schatten gesucht.

Lieben Sie das Mittelalter?

Knaup: Ja, schon. Es hat mich immer interessiert. Ich habe Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ gelesen, und mich hat fasziniert, dass er das Mittelalter als ein helles Zeitalter beschrieben hat, weil es so klar war. Es gab gut und böse, hell und dunkel – und eine klare Ständeordnung.

Es gab klare Regeln, was zugegebenermaßen dazu führte, dass jemand, der arm geboren worden war, kaum eine Chance hatte, da rauszukommen. Umgekehrt: Wer reich geboren worden war, war vom Schicksal beglückt. Es gab eine Härte und eine Konfrontation mit dem Leben, die so anders war, als wir das heutzutage erleben.

Und Fugger?

Knaup: Er steht für den Umbruch. Er verstand, dass man es alleine schaffen kann, auch wenn man aus armen Verhältnissen stammt.

Das klingt modern.

Knaup: Der Fugger hat sich seinen Aufstieg erkauft durch die zahlreichen Einfälle, die er hatte. Er war nicht nur geschickt im Kaufmannswesen, sondern stand auch für eine Menge wirtschaftlicher Neuerungen. Nehmen wir z.B. den bargeldlosen Handel oder Faktoreien, die er überall errichtet hat, in Innsbruck, Nürnberg, Augsburg, Porto und ja sogar in Venedig… Auch das Postwesen hat er neu organisiert.

Fugger war der erste Filialist.

Knaup: Wenn man so will, war er der erste Großkapitalist. Er hatte Bergwerke, die Metalle gefördert haben, und eine Menge Schürfrechte, die ihm Einnahmen brachten. Am Ende hatte er Monopole von Gold, Silber und Erzen und so viel Macht, dass er Könige und sogar Päpste bestimmen konnte.

Der Autor Günther Ogger hat Fugger wenig schmeichelhaft in dem Buch „Kauf dir einen Kaiser“ porträtiert. War Fugger ein Schurke?

Knaup: Man unterstellt ja, dass alle Kapitalisten Schurken sind. Fugger hat immer daran gedacht, sein Geld zu vermehren und niemals mehr auszugeben, als er eingenommen hatte. Ob er einSchurke war? Wer weiß? Vielleicht! Fugger war sehr Einfluss nehmend. Er hatte alle Tricks angewandt, um seine Macht zu behalten.

Welcher Wirtschaftstyp sind Sie?

Knaup: Ich handel’ schon gern, aber ich bin nicht so klug wie der Fugger. In mancher Hinsicht bin ich auch das Gegenteil vom Fugger. Ich bin sehr großzügig. Ich stelle mir nicht immer die Frage, bringt mir das was, oder bringt mir das nichts. Ich gebe gerne. Und danach denke ich dann manchmal, upps, jetzt muss ich mir wieder was einfallen lassen…

Sie sind kein Pfennigfuchser.

Knaup: Überhaupt nicht. Und Fugger, der die meiste Zeit in seinem Büro über den Büchern saß, war am Ende der reichste Mann der damaligen Welt.

Nun hat Fugger ja auch die Fuggerei in Augsburg errichtet. War er ein Kapitalist mit Herz?

Knaup: Ja, das stimmt, die Fuggerei war seine Idee. Aber dahinter steckte auch die Vorstellung, direkten Zugriff auf sein Personal zu haben, das für ihn arbeitete.

Gut, Fugger war mächtig, aber er regierte vom Schreibtisch. Wie macht man daraus einen spannenden Film?

Knaup: Wir erzählen die Fugger-Welt als Aufbruch in eine neue Zeit. Er zieht, wie Tanja Kinkel das in ihrem Roman „Der Puppenspieler“,beschrieben hat, die Fäden der Macht. Dann kommt eine junge Kraft in die Familie, ein unehelicher Sohn, Sohn einer Zigeunerin, wie sich herausstellt. Eine Frau, die anderen Frauen mit damaligen unkonventionellen Mitteln der Medizin half, deshalb als Hexe bezichtigt und schließlich verbrannt wurde.

Und Fugger fängt an, seinen unehelichen Sohn zu schützen. Der Junge wird aufgezogen, aber ohne zu wissen, dass der Fugger sein Vater ist. Der Junge will schließlich seine Mutter rächen. Und da lässt sich der Fugger dazu hinreißen, dieses Projekt mit seinem Einfluss zu unterstützen. Der Film lebt von zwei unterschiedlichen Charakteren: vom kontrollierten Vater und vom ungestümen Sohn. Am Ende bricht der Panzer des Vaters auf, und er zeigt mehr Emotionalität. Das macht den Film spannend.

Das Rache-Motiv steht im exakten Gegensatz zu ihrer anderen großen Rolle, in der wir Sie im Herbst sehen: Als Vorsteher der „Kanzlei“ geht es Ihnen um Gerechtigkeit.

Knaup: Einer, der die Schwachen unterstützt und den Bürgern hilft.

Fugger hat die Welt von oben gesehen…

Knaup: …aber (meine Figur in „Die Kanzlei“) Markus Gellert kommt ursprünglich auch aus der Welt der oberen Zehntausend, als Anwalt, der mit Unternehmensfusionen zu tun hat. Aber er will schließlich zurück zur Basis. Er tritt in die Kanzlei ein, die Dieter Pfaff früher als Ehrenberg geleitet hat. Die Figur ist eingeführt worden, um Dieter Pfaff zu entlasten, der damals schon an Krebs erkrankt war.

Als die Krankheit immer schlimmer wurde, ist entschieden worden, wir stampfen das Ganze ein und machen später weiter. Die Entscheider haben sich das Material angesehen und gesagt, wir machen weiter. Das war sicher auch im Sinn von Dieter Pfaff. Denn die Reihe war seine Erfindung, da steckte viel Herzblut drin.

Welche Erinnerungen haben Sie an Dieter Pfaff?

Knaup: Ich kannte ihn nicht sehr gut. Bei meinen Begegnungen habe ich ihn als herzlichen und umtriebigen Menschen kennengelernt , auch als sehr musikalischen Menschen. Mein Bruder kannte ihn sehr gut, auch vom Theater her.

Er hat ursprünglich mal im selben Haus wie ich gewohnt, damals in meiner Hippie-Zeit, im Allgäu. Das war unsere Schnittstelle. Wir selbst haben uns zwei, drei Mal getroffen. Ich habe ihn als großartigen, liebenswerten Mann in Erinnerung.

Wäre die Welt der Paragrafen jemals für Sie eine Option gewesen?

Knaup: Ach, ich weiß es nicht. Es macht ja unglaublich Spaß, im Gerichtssaal ein Plädoyer zu halten. Das hat viel mit Schauspielerei zu tun. Aber als ich anfing zu studieren, hatte das Musische immer den Vorrang. Musik, Schauspielerei und Tanz: Die Möglichkeit der Verwandlung war immer das, wo ich mich gespürt habe.

Ich bewundere Rechtsanwälte, die ihren Beruf als sozialen Beruf sehen und ein hartes Studium auf sich nehmen. Aber wenn man so will, ist Schauspielerei ja auch ein sozialer Beruf: Wir halten dem Publikum den gesellschaftlichen Spiegel vor.